Martin Compart über seine wilden Jahre mit den Stones und Jörg Fauser „Jörg ist für die deutsche Literatur das, was die Stones für die Rock-Musik sind“

Deutschlands langjähriger Krimipapst Martin Compart hat die Erinnerungen an seine wilden Jahre unter dem Titel 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Zeitreise mit den Rolling Stones aktualisiert. Das war Anlass für unser heutiges Autorengespräch:

Martin Compart: „Bedauerlich sind die eingeschränkten Vertriebsmöglichkeiten durch die verständliche Skepsis beim stationären Buchhandel Amazon gegenüber. In meinen Augen sollte Amazon da ganz anders auf den Buchhandel zugehen“ (Mehr zum Buch durch Klick auf Foto)

Worum geht es in 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Zeitreise mit den Rolling Stones?

Martin Compart: Vor allem natürlich um die Rolling Stones und im langen Bonus-Track um Jörg Fauser, mit dem ich eng befreundet war (und – laut meinem Weggefährten Wolfgang Mönninghoff – „in den Ullstein-Verlag getrunken habe“)

Ihre wilden Jahre auch mit Jörg Fauser mussten unbedingt aufgeschrieben werden, aber warum mit den Stones?

Jörg war auch großer Stones-Fan (er hat für ZWEITAUSENDEINS Texte von ihnen für das Stones-Songbook übersetzt). Und als Songtexter für Achim Reichel, über den ich ja auch in dem Buch schreibe, ist er ebenfalls Musikgeschichte. Außerdem war und ist Jörg für mich immer der rockigste der deutschen Autoren. In Wort und Tat. Ich denke, das passt gut zusammen, denn ich kenne keinen anderen Autor, bei dem Musik und Literatur so intensiv zusammenkamen. Jörg ist für die deutsche Literatur das, was die Stones für die Rock-Musik sind.

Bücher über die Stones gibt es wie Sand am Meer.

Mir ging es um einen neuen Ansatz, der nicht einmal mehr die bekannte Bandgeschichte durchdekliniert. Ich erzähle anhand eigenen Erlebens so etwas wie die Sozialisationsgeschichte meiner Generation mit den Rolling Stones. Über die Veränderungen in der Bundesrepublik, die nicht als Nachfolgerin der Weimarer, sondern als Friedhof des 3.Reiches begonnen hatte, bis heute. Davon, wie die alte Generation diese „Musik des Teufels“ kaputt machen wollte, da war man sich in BRD und DDR einig, über die 60er Revolte bis hin zum Wirtschaftsfaktor. Eine Zeitreise, die zeigt, wie tief der Faschismus noch in den 60ern in dieser Republik verwurzelt war und wie bedeutend die Stones für den Widerstand waren.

Stones und Widerstand, wie geht das zusammen?

Ein Beispiel: Als die Stones 1967 verhaftet wurden und ein paar Tage in den Knast mussten, atmete meine Mutter bei entsprechender Zeitungslektüre auf und meinte: „Dann ist der Spuk ja bald vorbei.“ Leider – oder vielleicht Gottseidank – hat meine geliebte Mutter nicht mehr miterleben dürfen, wie Mick Jagger zum Ritter geschlagen wurde.

Sie nehmen kein Blatt vor den Mund.

Ja, ich versuche, im Zusammenhang mit den Stones eine Art Mentalitätsgeschichte der Republik zu erzählen. Und dabei versuche ich, keinen noch so blöden Gag auszulassen, auch wenn der nur indirekt mit der Band zusammenhängt. Etwa wenn ein alter Spießer 1969 zur Mondlandung sagte: „Großartig! Und dass es die Amerikaner sind. Die erste Mannestat seit dem 2.Weltkrieg.“

Corona ist derzeit nicht gerade förderlich. Haben Sie das Gefühl, dass der Buchhandel gerade jetzt Zeit für Ihr Buch hat?

Ich denke, Corona wird oder ist eine stärkere Zäsur als das Ende der Sowjetunion oder 9/11. Da kann ein Rückblick auf die letzten Jahrzehnte erhellend sein. Mein Buch ist ja auch extrem politisch. Ein Blick in die Vergangenheit schärft den Blick auf Gegenwart und Zukunft. Und Bücher, die einen auch zum Lachen bringen können, sind in diesen Zeiten sicher nicht verkehrt. Wenn das Stones-Buch einen Leser dazu anregt, mal wieder die Stones zu hören und mit ihnen einen schönen Tag oder Abend zu Hause zu verbringen, dann ist er wenigstens von der Strasse weg.

Ihre Zeitreise mit den Rolling Stones ist im Selbstverlag erschienen?

Ich habe zusammen mit meinem Freund Michael Contre vor einem Jahr den ZERBERUS-Verlag gegründet. Dank der heutigen Technologie ist es für einen Kleinverlag möglich geworden, sowohl kostengünstig wie auch mit geringerem herstellerischen Aufwand Bücher zu produzieren. Zuerst waren wir mit unseren Büchern bei Book On Demand.

Warum jetzt nicht mehr?

Nach einigen Publikationen weigerte sich BoD unerwartet, meinen Noir-Thriller MONEYSHOT zu produzieren, übte also direkte Zensur aus. Wahrscheinlich, weil der Roman zum Teil im Pornomilieu spielte. Geradezu lächerlich im 21.Jahrhundert. Bewertet da Trump oder der Taliban die Kundenprodukte? Wir hatten schließlich keinen Verlag aufgemacht, um uns von irgendjemanden vorschreiben zu lassen, was wir veröffentlichen. Also suchten wir nach Alternativen zu BoD und fanden nur eine: Amazon. Ohne Probleme wurde dort innerhalb weniger Tage MONEYSHOT produziert. Natürlich wechselten wir auch mit den alten und neuen Titeln zu kdp bei Amazon. Die Produktionsqualität hat dasselbe Niveau, mit dem Druck sind wir sogar zufriedener. Und deshalb ist ZERBERUS bei Amazon.

Amazon ist ein Reizwort im Buchhandel …

… was ich schade finde. Bedauerlich sind die eingeschränkten Vertriebsmöglichkeiten durch die verständliche Skepsis beim stationären Buchhandel Amazon gegenüber. In meinen Augen sollte Amazon da ganz anders auf den Buchhandel zugehen. Aber egal: Zensur geht überhaupt nicht. Ich kann mich noch daran erinnern, wie mir die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften bei Ullstein einen Roman von Julian Barnes indiziert hatte.

Sie meinen DUFFY, den Julian Barnes unter dem Pseudonym Dan Kavanagh geschrieben hatte? Ich hab den, wenn ich mich recht erinnere, erst als Haffmans-Buch gelesen. Das soll jugendgefährdend gewesen sein?

Ja, der Roman war, wie es in der Begründung hieß, dazu „geeignet, Heranwachsende sittlich-ethisch zu desorientieren“. Haffmans hat das Buch Jahre später frei gekämpft, indem er es neu übersetzen ließ. Für die neue Edition hätte man einen neuen Indizierungsantrag stellen müssen. Damit hätte man sich endgültig ins Abseits manövriert. Ich schließe mich gerne Norman Mailer an, der gesagt hat: „Die Aufgabe des Zensors besteht darin, alles zu verzögern, was in der Luft liegt.“

Zurück zu Ihrem 2000 LIGHTYEARS FROM HOME  – mit welchem Argument könnte ein Buchhändler Ihr Buch denn wem am besten verkaufen?

Es wendet sich über Stones-Fans hinaus an Leser, die sich allgemein für Pop-Kultur und Zeitgeschichte interessieren. Meine Zielsetzung beim Schreiben war: so analytisch wie Greil Marcus oder Mark Fisher, und so unterhaltsam und böse wie Hunter S. Thompson und John Niven.

Bescheiden klingt das nicht …

Meine ich auch nicht. Aber ich wollte die Kurve kriegen, um zu sagen: Es ist auch ein zorniges Buch. Es beginnt mit dem Zorn auf die ältere Generation und setzt sich fort mit der Wut auf das Versagen meiner Generation. Diese hat in ihrer Hybris im Laufe der Jahrzehnte alles verspielt, was mal als legitime moralische Scheinüberlegenheit begonnen hatte. Die Rolling Stones sind für diese Generation ein Beispiel und ein Mahnmal dafür, dass man sich trotz aller Irrwege nicht komplett verraten muss. Dass Evolution eine Möglichkeit sein muss, wenn eine vermeintliche Revolution sich als Sackgasse erweist.

Was wünschen Sie sich jetzt?

Dass sich der Buchhändler – trotz Amazon – offen dem Buch und anderen ZERBERUS-Titeln gegenüber verhält. Lesungen und Vorträge mache ich ja schon seit längerem nicht mehr – da fühle ich mich durch Corona nicht eingeschränkt. Aber ich wünsche mir wieder mehr mittlere und kleinere Buchhandlungen und Antiquariate.

Warum?

Kein Internet kann das Durchstreifen dieser Orte ersetzen, wenn man überraschend auf ein Buch stößt, von dem man vielleicht nicht wusste, dass es existiert oder nicht ahnte, dass es einen interessiert. Jeder Bücherort hat seine eigene, anregende Atmosphäre, eine eigene Magie. Kein Internet kann das Stöbern in Buchhandlungen ersetzen. Das Netz ist unerotisch und ich finde dort vor allem nur das, was ich bewusst suche. Das heißt natürlich nicht, dass ich darauf verzichten möchte.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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