Das Sonntagsgespräch Johannes Thiele: „Mir hat der Buchhandel gezeigt, dass sein Geschäftsmodell jedenfalls nicht Verzagtheit ist“

Der Thiele Verlag hat dem Handel in seiner aktuellen Vorschau ein Danke-Schön-Plakat angeboten. Im Gespräch darüber mit Johannes Thiele wird deutlich, dass die aktuelle Situation tatsächlich Anlass für Dankbarkeit ist, aber auch für Umdenken sein muss: 

Herr Thiele, in ihrer aktuellen Frühjahrsvorschau bieten Sie dem Handel ein „Dankeschön-Plakat“ an, warum?

Johannes Thiele: „Der Buchhandel könnte auf den Thiele Verlag  leicht verzichten, wenn er es denn wollte. Der Thiele Verlag auf den Buchhandel aber nicht. Das ist eine sehr fragile Beziehung, die jede Saison auf dem Prüfstand steht“

Johannes Thiele: Ich habe mir gedacht, vielleicht würden sich einige Buchhandlungen gern ein schönes Plakat ins Schaufenster oder in die Tür hängen, mit dem sie auch ihrer Kundschaft ein „Dankeschön“ sagen können. Aber natürlich haben auch wir als Independent-Verlag allen Grund, dem Buchhandel in diesen pandemisch turbulenten und beängstigenden Zeiten dankbar zu sein, dem stationären Sortiment ganz besonders. Die Kundinnen und Kunden sind ihren Lieblingsbuchhandlungen treu geblieben (oder haben gar ihre Treue neu entdeckt), und die Sortimente auch den Verlagen.

Wie sind Sie als Independent Verlag denn bislang durch die Krise gekommen?

Ach, irgendeine Krise ist ja immer. Wir sind nie in der komfortablen Situation, dass wir uns einfach mal zurücklehnen und entspannen könnten. Für unsere kleine Verlagswerkstatt kann ich sagen, dass – kaum überraschend – die Erlöse im Corona-Jahr 2020 deutlich unter den Vorjahren und unter den Erwartungen unseres Budgets geblieben sind. Und auch in diesem Frühjahr bewegen sich die Vorbestellungen und Absatzzahlen schon auf einem signifikant niedrigeren Niveau. Aber für jegliche Vorsicht und Zurückhaltung habe ich auch Verständnis.

Das klingt ziemlich großmütig.

Ja, denn Handelspartner sind eben Partner oder sollten es zumindest sein. Und da braucht es schon Verständnis. Wir sind aufeinander angewiesen, ein Verlag ist es noch mehr, er ist abhängig. Denn „der Buchhandel“ (ich sage es bewusst so pauschal) könnte auf den Thiele Verlag auch leicht verzichten, wenn er es denn wollte. Der Thiele Verlag auf den Buchhandel aber nicht. Das ist eine sehr fragile Beziehung, die jede Saison auf dem Prüfstand steht. Und nicht wir sind es, die prüfen …

Aber der Buchhandel ist doch auch von den Verlagen abhängig, die bekanntlich nicht mit jedem Rabattpunkt mit sich handeln lassen.

Danke-Plakat von Thiele zum Einsatz im Handel: „Jedes Wort auf dem Plakat ist auch mein persönliches Dankeschön.Die Kundinnen und Kunden sind ihren Lieblingsbuchhandlungen treu geblieben und die Sortimente auch den Verlagen“

Sehen Sie, da sind wir wieder gleich bei den harten Fakten des Business. Diese Karten werden aber nicht von den Independents (weder auf Verlags-, noch auf Handelsseite) gespielt. Es ist doch klar, dass bei den „hard facts“ Größe, Marktmacht, Durchsetzungsvermögen die relevanten Faktoren sind. Ein kleiner Verlag muss andere relevante Faktoren ins Feld führen. Ich kann hier nur für uns sprechen: Es sind durchweg „soft skills“, über die wir uns definieren. Schwer greifbare und wenig handfeste, aber doch eminent wirksame menschliche, emotionale, kommunikative Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale, Einstellungen, Denkweisen.

Aber da macht Ihnen die Pandemie doch einen harten Strich durch die Rechnung? 

Ja, und nicht nur durch die Rechnung. Es geht immer um Sichtbarkeit, und die bricht weg wie ein Damm in der Springflut. Das ist die eigentliche Viruslast für den Buchhandel: Er muss schließen, das Licht wird ausgeschaltet und die Kundschaft ausgesperrt. Es fehlt Aufmerksamkeit und sichtbare Wertschätzung, es wird Freude und Lust entzogen, die Atmosphäre driftet in jeder Hinsicht ins Klaustrophobische, Beängstigende, existenziell Bedrohliche. Durch das Schaufenster einer geschlossenen Buchhandlung zu blicken, ist ähnlich deprimierend wie einem Zirkus beim Abbauen seiner Zelte zuzuschauen.

Das ist die eigentliche Viruslast für den Buchhandel: Er muss schließen, das Licht wird ausgeschaltet und die Kundschaft ausgesperrt. Es fehlt Aufmerksamkeit und sichtbare Wertschätzung, es wird Freude und Lust entzogen, die Atmosphäre driftet in jeder Hinsicht ins Klaustrophobische, Beängstigende, existenziell Bedrohliche. Durch das Schaufenster einer geschlossenen Buchhandlung zu blicken, ist ähnlich deprimierend wie einem Zirkus beim Abbauen seiner Zelte zuzuschauen

Und Ihre Sicht jetzt?

Die Pandemie hat mich zur Demut gezwungen. Sie hat mir vor Augen geführt, dass auch meinem Verlag Aufmerksamkeit entzogen wird, sogar in erheblichem Maße, und er damit seine Geschäftsgrundlage zu verlieren droht. Er hat dann nicht mehr viel in die Waagschale zu werfen. Ich war lange Monate wie gelähmt und habe nur ganz langsam meine Augen wieder öffnen können. Da hat mir der Buchhandel gezeigt, dass sein Geschäftsmodell jedenfalls nicht Verzagtheit ist.

Und das heißt?

Trotz aller Verzweiflung, aller Blessuren, aller Aussichtslosigkeit (im wörtlichen Sinn) – er war und blieb standing, nicht nur zu meiner Überraschung. Und so bin ich zu der Subline unseres „Danke-Plakats“ gekommen: „Experten für Ihr Leseglück. Ihre Buchhandlung. Ganz nah und immer für Sie da.“ Das ist nicht nur so ein Werbeclaim. Das ist – für mich als Verleger – eine ganz existenzielle Erfahrung. Und darum ist jedes Wort auf diesem Plakat auch mein persönliches Dankeschön.

Wofür? 

Ich lerne jeden Tag, wirklich. Viel Schreckliches, aber auch Schönes wie Solidarität, Zuspruch, Zueinanderstehen. Doch die Corona-Krise ist nicht der große Katalysator für Chancen, für notwendige Veränderungen, sie bricht alles auf wie eine Naturgewalt. Sie ist und bleibt eine absolute Zumutung – an unser Leben und an unser Geschäft. Niemand sollte unter solchen disruptiven Bedingungen arbeiten müssen, so brutal gezwungen werden, sich selbst in Frage zu stellen. Natürlich brauchen wir Veränderungen in unserem schönen Gewerbe, keine Frage, aber wir alle bezahlen jetzt einen zu hohen Preis. Für etliche Buchhandlungen und auch Verlage sind die Langzeitschäden noch gar nicht absehbar, und meine Bereitschaft zur Wette, dass unser kleiner Verlag es schaffen wird, ist nicht besonders ausgeprägt. Aber gelernt habe ich, mir noch mehr als früher bewusst zu machen, worauf es wirklich ankommt.

„Für mich wird der Weg sein, immer noch ein bisschen besser zu werden, ein paar Schritte weiterzugehen, so lange ich es kann und der Buchhandel es von mir haben will – „das kleine, feine Leseglück.“ (Zum Programm durch Klick auf diese Doppelseite aus der aktuellen Thiele Vorschau)

 

Und das wäre?

Wenn man mal das ganze übliche Branchengezänk außer Acht lässt, wenn man endlich wieder den Blick vom Abgrund abwenden kann – dass man dann noch immer Herzblut, Herzenswärme, Herzensleidenschaft empfindet, mehr denn je. Auch unsere Branche wird noch um Verluste trauern. Wir werden Buchhandlungen, Verlage sterben sehen. Nicht nur Geschäftsmodelle werden wegbrechen, sondern Lebensentwürfe, Lebensträume, Hoffnungen zerbrechen, auf die wir alles gesetzt haben. In dieser Krise wird sich nicht nur zeigen, wer überlebt und wie. Nicht alle Kämpfe werden gewonnen, aber diejenigen, die ihre Läden in einigen Monaten wieder gänzlich und ohne hemmende Auflagen und Einschränkungen aufsperren können, werden die Fragilität ihrer beruflichen Existenz nicht nur erkennen oder akzeptieren, sondern lieben müssen.

Sie empfehlen allen Ernstes so etwas wie „Liebe“ als Weg aus der Krise?

Ja, „so etwas wie Liebe“. Mir gefällt dieser ungläubige Unterton. Aber ich empfehle es nicht, ich weiß es. Es gilt ja auch nur für mich. Jeder wird seinen eigenen Weg gehen, seine eigenen Schlüsse ziehen. Da braucht es nicht meinen Rat oder meine Empfehlung. Für mich wird der Weg sein, immer noch ein bisschen besser zu werden, ein paar Schritte weiterzugehen, so lange ich es kann und der Buchhandel es von mir haben will – „das kleine, feine Leseglück.“ Wenn nicht, wird sich der Kreis schließen. Dann werde ich ohne deformation professionelle durch die Buchhandlungen streifen, also ohne verstohlene Seitenblicke, ob nicht doch irgendwo ein Thiele-Buch zu finden ist. Ich brauche meine Frau, meine Familie, meine Freunde, um glücklich zu sein. Und Bücher, so oder so.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

 

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