Vista Point - Mitgründer Andreas Schulz über das Reisebuch-Verlegen in Zeiten von Corona „Klar ist, dass wir uns alle ein stückweit neu erfinden müssen“

Wie richten sich Reiseverlage auf Corona ein? Der neuerliche Lockdown war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit Vista Point– Mitgründer Andreas Schulz:

Andreas Schulz: „Für uns ist der Lösungsansatz die Fokussierung auf unsere internationale  Marke 1000 Places …, die wir lokal und regional neu interpretieren werden“

Seit vierzig Jahren arbeiten Sie eng mit der Reiseindustrie zusammen. Ein Veranstalter wie TUI  hat von der Bundesregierung Milliardensummen bekommen, Sie unseres Wissens nicht. Wie kommen Sie ohne Unterstützung durch die Krise?

Andreas Schulz: Ohne die bereits 2018 eingeleitete Restrukturierung, die mit z.T. schmerzhaften Personalabbau und konsequenter Kostenreduktion einherging, gäbe es heute Vista Point sicherlich nicht mehr.  

Ich hatte nach Ihrem Weg durch die Krise gefragt.

Derzeit hilft uns die früh gereifte Erkenntnis, dass nur eine konsequente Digitalisierung aller  Daten am Ende zielführend ist. VISTA POINT hat bereits vor 15 Jahren eine medienneutrale Datenbank eingerichtet und damit fortlaufend gearbeitet. Schon früh wurden digitale Produkte wie z.B. Apps entwickelt und umgesetzt. Andere Reisebuch-Verlage tun sich mit der Transformation ihrer Daten allerdings bis heute eher schwer.  

Werden analoge (also gedruckte) Reiseführer in Zukunft verschwinden?

Nein sicherlich nicht, es gibt immer noch eine Anzahl von Kunden, die etwas Haptisches in der Hand haben wollen und nicht nur auf mobile Daten setzen. Dies trifft allerdings eher auf normale Zeiten zu, Corona-bedingt werden neue Formate benötigt, das Bedürfnis der Reisenden wird sehr stark auf Sicherheitsaspekte und vor allem nach ständiger aktueller Information während der Reise fokussiert sein. Das ist mit analogen Medien wie klassischem Print allein nicht zu schaffen. Es bedarf hier intelligenter digitaler Lösungsansätze, am besten in kooperativem Ansatz.

Und die sehen Sie nicht? 

Ich rechne mit einer Marktbereinigung, allein schon wegen des gewandelten Konsumentenverhaltens. Jüngere Leute kaufen keine gedruckten Reiseführer mehr, sondern beziehen ihre Informationen aus dem Netz. Und ich sehe bei unseren Wettbewerbern eher Burgenmentalität, kaum Kooperationen, keine verlagsübergreifenden Konzepte, keine moderne Technik und das in einem beschränkten Marktumfeld mit gerade mal 200 Mio. Umsatz p.a. (in guten Zeiten). 

Ihr Schluss daraus? 

Es ist jetzt aller höchste Zeit sowohl für die Verlage, als auch für die Kollegen in der Reiseindustrie endlich mit der Digitalisierung ihrer Produkte und ihrer Prozesse Ernst zu machen. 

Abnehmer der digitalen Daten ist dann wohl kaum  der Buchhandel?

Sicher nicht der Buchhandel, aber z.Zt. verkaufen die Reisebuchverlage über den klassischen Buchhandel ja ohnehin kaum noch Reiseführer und der Absatzmarkt Reiseindustrie ist zudem komplett eingebrochen. Wenn es hoffentlich irgendwann wieder los geht benötigen die Kunden aus der Reiseindustrie in erster Linie digitale Daten und kaum noch gedruckte Bücher. 

Uff, das ist eine sehr pessimistische Einschätzung. Welche Produkte setzt die Reiseindustrie dann denn an deren Stelle für ihre Kunden ein?

Das ist von Fall zu Fall sicher sehr unterschiedlich. Nach meiner Prognose wird es bei den Überlebenden der Krise eine übergreifende Gemeinsamkeit geben: Die „neuen“ Reiseunterlagen für die Kunden sind individualisiert und der mitgelieferte Reisecontent ist an die gebuchte Reise angepasst. Das schließt traditionell gedruckte Reiseführer daher aus. Den letzten Part könnten die Reisbuchverlage übernehmen, so sie denn über digitalisierte Daten verfügen.

Wie kann und will sich Vista Point in diesem schrumpfenden Mart behaupten?

Für uns ist der Lösungsansatz die Fokussierung auf unsere internationale  Marke 1000 Places…, die wir lokal und regional neu interpretieren werden.

Aber was heißt das? 

Einer von zunächst 15 geplanten neuen Reiseführern um die Marke 1000 Places (durch Klick zur Vorschau)

1000 Places To See Before You Die von Patricia Schultz ist weltweit der erfolgreichste Reisebuchtitel  aller Zeiten, allein in Deutschland wurde der Titel über eine Million mal verkauft. Deswegen haben wir dieses starke „Brand“ auch auf andere Titel ausgedehnt. Neben Titeln wir 1000 Places…D-A-CH und einem fulminanten Bildband haben wir die Marke jetzt auch auf Stadt -und Regioführer ausgeweitet,  Corona-bedingt im Moment allerdings fast ausschließlich nur für Ziele in Deutschland. Insgesamt gibt es bislang 24 lieferbare Titel mit diesem Brand. Die Reihe wird in 2021 stark ausgebaut.

Vorhin haben sie gesagt, der Buchhandel verkaufe kaum noch Reiseführer, wie passt das mit ihrem 1000 Places – Konzept zusammen?

Die regionalen 1000 Places – Reiseführer für Deutschland entsprechen dem aktuellen Corona-bedingten Reiseverhalten der Kunden und dürften sich mit der starken Marke gut abverkaufen lassen. Und ich finde, unser 1000 Places… Klassiker war eigentlich nie ein klassischer Reiseführer sondern eher schon immer ein Buch zur Inspiration und für „Reisen im Lehnstuhl“. 

Das passt zum Trend, dass in Corona-Zeiten offensichtlich wieder mehr gelesen wird. Die fast wieder normalen Umsätze im Buchhandel bestätigen diesen Trend. 

An diesem Trend wollen wir mit Vista Point partizipieren. Klar ist, dass wir uns alle bedingt durch diese Krise ein stückweit neu erfinden müssen. Mit unseren klassischen reisebezogenen Produkten werden wir im Moment keinen Blumentopf gewinnen. Deshalb haben wir unseren klassischen Reiseführer-Novitäten vorläufig auf Eis gelegt und setzen derzeit auf zwei große Bildbandproduktionen, die wir von unserem Schwester-Verlag h.f.ullmann übernommen haben: Einen spektakulären Potsdam-Bildband in aktualisierter Form und einen Band über Burgen und Schlösser in Deutschland. Beide Titel sind große Show-und Geschenk-Bände für Lehnstuhl-Reisen.  

Das war der Werbeblock… 

Danke für diese Gelegenheit. Im Übrigen sind wir wie oben ausgeführt mit dem Fokus auf unsere starke Marke 1000 Places… und schlankem Apparat pragmatisch in hoffentlich bald bessere Zeiten unterwegs.  

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz  

        

  

  

   

  

 

  

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