Das Autorengespräch Thomas Raab über Buchhändler: Sie sind „Götter und Schöpfer“

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Diesmal mit Thomas Raab, dessen neuer Roman Der Metzger am 1. August bei Droemer erschienen ist.

Sein Kult-Protagonist ermittelt diesmal in der Buchbranche – was ein besonderer Anlass für Fragen an den österreichischen Kultautor war:

Worum geht es in Ihrem Buch?

Thomas Raab : „Die Verlage tun gut, nicht auf die vielen kleinen Buchhändler zu vergessen – das ist ein Schatz der kein Marketingbudget leisten kann“ ©Simone Heher

Thomas Raab: Der Metzger ermittelt in der Buchbranche, weil der missratene Sohn seiner Stammfleischerei Woplatek keine Würstel stopft, sondern zuerst Schriftsteller und dann höchstwahrscheinlich selbst eine Leich geworden ist …

Wen stellen Sie sich als Kunden dafür vor und mit welchem Argument kann der Buchhändler das am besten/einfachsten verkaufen?

Ha, ICH als Autor soll erklären, wen ich mir als Kunden dafür vorstellen kann, und wie der Buchhändler den Verkauf zuwege bekommt? Nein nein, in dieses Messer lauf ich nicht, da würde ich ja dann eingestehen, WAS einem Buch, besonders aus dem Bereich der Unterhaltung, Spannung oft so gern zum Vorwurf gemacht wird: Es wäre konstruiert.
Autor und gleichzeitig sein eigener Vermarkter zu sein, kommt ganz schlecht an bei Kritikern.

Uns geht es nicht um die Kritiker, sondern unsere Leser im Buchhandel, denen wir helfen wollen, Ihr Buch zu verkaufen. Das müsste doch in Ihrem Sinne sein? Aber gut, wir wissen inzwischen: Ermordet wird ein Autor, unter Verdacht steht der Kritiker. Wie fiktiv ist dieses Szenario?

Ich geb’ zu: Umgekehrt wäre es vielleicht realer, aber mei, man darf ja auch mal Autor auf die Mitleidsmasche drücken, abgesehen davon ist in dem Buch sowieso alles anders, als es scheint…

Wie muss man sich dazu die Recherche vorstellen?

Wieso Recherche, es ist natürlich alles, wirklich alllllles rein fiktional. Wobei ich muss schon zugeben: Es kommt einem Armutszeugnis gleich, so wie ich sechs Bücher zu brauchen, um endlich draufzukommen, man könnt sich ja auch mal das Durchstöbern fremder Milieus ersparen und ein bisserl dort herumwühlen, wo man sich auskennt. Das hat schon ziemlich Spaß gemacht!

Fiel es Ihnen als Autor schwer, einen Autor zu ermorden?

Also am Papier fällt überhaupt nichts schwer. Und so wie es dort oft zugeht, (so wie überall, wo es um direkte Konkurrenz geht, um Ranglisten, Verkaufsplätze, Aufmerksamkeit), kann ich nach meinen Erfahrungen als damals absoluter Quereinsteiger behaupten: Zuerst sind ganz viele Kollegen sehr sehr nett zu Dir, aber wehe, es verkaufen sich dann doch ein paar Deiner Bücher (Wofür Du ja also Autor nix kannst, ich behaupte, es spielt sehr viel Zufall mit), dann sind allein die Blicke weniger unerfreulicher Ausnahmen durchaus schon Mordinstrumente …

Und wie viel Freude bereitete es Ihnen, einen Kritiker an den Pranger zu stellen?

Es steht in meinem Buch überhaupt niemand am Pranger. Es wird auch niemandem ans Bein gepinkelt und niemand in den Dreck gezogen aus einer Branche, die ich liebe, von der ich weiß, wie sehr sich alle Ebenen wirklich extrem abmühen – mein Wunsch war einfach eine unterhaltsame, kurzweilige Geschichte zu schreiben, mir meinen Spaß zu machen, nicht auf Kosten anderer. ABER ich gebe zu, einer der Auslöser war schon ein realer: Mich hat das Thema quasi gepackt, von hinten rum. Da waren ganz tolle Kritiken zu STILL, eine Hymne im Spiegel, und und und… ABER, es gab auch richtig bösartige Stimmen, wie ich verwöhntes Buberl sie zuvor nie erleben musste.

Das hat Sie gewurmt?

Ja, das waren Stimmen, die mich anfangs sehr getroffen haben, weil man fragt sich: Warum schreibt jemand so dermaßen untergriffig, was hab’ ich bitte getan? Meine Frau hat im Scherz gemeint: Der Kritiker wollt’ vielleicht das gleiche Buch schreiben wie Du, besser natürlich, aber Du warst schneller. Hab ich gelacht, und zack, war da die Idee, und auch die Einsicht: Wenn ich mich dazu erdreiste, den Menschen zwischen zwei Buchdeckeln mein Geschreibsel zuzumuten, also austeile, muss ich auch einstecken können, sogar auf tiefstem Niveau, das gehört einfach dazu. Jeder macht eben nur seinen Job. Und plötzlich war mir klar: Raab, du Depp, schreib doch einen Krimi in der eigenen Branche, über sensible Autoren zum Beispiel. Ich bin also einmal mehr meiner Frau, und auch den schlechten Kritiken dankbar, weil ich hab’ erstens beim Schreiben wirklich eine riesige Gaudi gehabt, und zweitens vieles für mich selbst hinterfragen dürfen.

Und welche Rolle spielt der Buchhändler?

Götter sind das, und das mein ich ohne Geschleime. Schöpfer. Sie können gebären, indem sie etwas von Hand zu Hand weitergeben, empfehlen, ans Herz legen. Und da darf keiner die Stimme des einzelnen unterschätzen – das darf man ja sowieso nie, glauben, ein Person allein könnte nichts bewirken. Ich bin das beste Beispiel, wie wichtig jede noch so kleine Buchhandlung für jedes einzelne Buch ist und sein kann. Meinen ersten Metzger-Romane nämlich haben viele Buchhändlerinnen und Buchhändler ihren Kunden empfohlen. Der Metzger ist also von Hand zu Hand zu Hand zu Hand genau der geworden, der er heute sein darf. Das ist ein Schatz, der mit keinem Marketing-Budget aufzuwiegen ist. Die Verlage tun daher gut, nicht auf die vielen kleinen Buchhändler zu vergessen – Ihnen mit Wertschätzung zu begegnen – denn mit deren Hilfe kann viel Neues entspringen.

Durch Klick auf Cover
zum Buch

Wie sehen Sie eigentlich die Buchbranche heute im Vergleich zu Ihren Anfängen?

Unverändert positiv. Ich halt nix vom Herumjammern. Wenn sich die Umstände ändern, muss man sich auch überlegen, wie geht es weiter, und ja, ich habe die Tragödien erlebt, dass viele große Buchhandlungen zusperren mussten, ich habe aber auch erlebt, dass viele kleine aufgesperrt haben, dass da plötzlich eine einzelne Buchhändlerin imstande ist, ihrer Gasse, ihrem Grätzel oder gar ihrem Ort Leben einzuhauchen, Menschen eine Heimat zu bieten, … Alles ist möglich. Und was bringt das Schwarzsehen, wenn man dann eben doch nur mehr schwarz sieht, außer Blindheit … Bücher überleben, hundertprozentig.

Neue Verfilmungen vom Metzger mit Robert Palfrader in der Hauptrolle sind in der Planung. Gibt es schon einen Termin?

Planung ja, Termine nein.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz. Durch Klick auf das Autorenfoto zu seiner Webseite. In der vorigen Woche sprachen wir mit Thommie Bayer über seinen Roman {Seltene Affären [mehr…].}

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