Geburtstags-Kopfnuss zum 90. Wen oder was suchen wir?

Unser Kolumnist und Rätselautor Wolfgang Ehrhardt Heinold feiert heute seinen 90. Geburtstag! Wir gratulieren ihm mit einer Sonderausgabe seiner berühmten „Kopfnuss“-Rätselreihe, die er sich selbst zu diesem Anlass geschrieben hat. Wie könnte die Lösung heute wohl lauten?

Wie sah es im Buchhandel aus, als der Gesuchte seine Laufbahn begann? Die Wirtschaftswunderjahre lagen hinter uns. Die Städte waren zum größten Teil wieder aufgebaut. In Mittel- und Ostdeutschland lief alles auf den real existierenden Sozialismus zu. Der Platz Leipzig war in der Bundesrepublik durch ein eng geknüpftes logistisches Netz ersetzt worden. In der Mitte thronte mit den Fixpunkten Stuttgart und Köln der anscheinend unerschütterliche Koloss KV/KNOe. Die alten Verlagsnamen waren wieder da, auch jene, die ein paar braune Flecken abgekriegt hatten. Und die neun Buchhändler, die gemeinsam die Buchwerbung der Neun betrieben, nannte man Millionensortimenter, weil sie – hört! hört! – eine Million D-Mark oder etwas mehr – nicht monatlich, sondern jährlich! – umsetzten. Es wurde erzählt, dass Star-Verleger Siegfried in Frankfurt es gar nicht glauben wollte, als sein Vertriebschef ihm berichtete, dass der eine oder andere „popelige“ Einzelhändler ihn an Umsatzgröße überholt habe.

Doch ein Provinzverlag wuchs noch kräftiger als alle anderen. Das war das Haus Bertelsmann. Provoziert durch dessen Drückerkolonnen bzw. die des Reise- und Versandbuchhandels schuf sich die Branche in dem neuen Riesen ein Feindbild, das davon ablenkte, dass man selber weniger innovativ und weniger erfolgreich war. Kluge Sortimenter allerdings schwammen auf der Welle mit und bauten sich einen beachtlichen Stamm von Mitgliedern des Bertelsmann-Leserings auf, kluge Verleger verbesserten ihre Bilanzen durch beträchtliche „Nebenerlöse“ aus Lesering-Lizenzen, und kluge Autoren kamen zu ansehnlichen Villen aus derselben Honorarquelle.

Ach ja. Und da war ja noch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit seinem lammfrommen Sprachrohr, dem Börsenblatt. Man verteidigte vornehmlich den festen Ladenpreis und ermöglichte damit ungewollt dem Lesering, mit seinen niedrigeren Mitgliederpreisen zu werben.

Da standen plötzlich zwei Außenseiter – ein Bauverleger und ein gerade mit der Ausbildung fertiger Buchhändler – im fernen Düsseldorf auf und gründeten ein weiteres Branchenblatt unter dem schlichten Titel BuchMarkt, wobei allerdings das Wort Buch in Verbindung mit dem Wort Markt auf Teile der Branche eher herausfordernd wirkte.

Wie einst Rockefeller hatte Bertelsmann begonnen, sein in den Aufbaujahren ramponiertes Image zu polieren. Man gründete das Institut für Buchmarkt-Forschung und erfand mit den sogenannten Quellental-Tagen ein neues Format für die Diskussion wichtiger Branchenfragen. Im Quellental bei Bielefeld wurde keine langweilige Tagesordnung abgearbeitet, sondern es traten luzide Gastredner mit Grundsatzreden sowie Branchenangehörige mit praxisnahen Case-Studies auf.
Untergebracht waren die Teilnehmer in einem rustikalen Hotel im benachbarten Steinhagen, von wo der mit Wacholder aromatisierte Steinhäger in braunen Tonkruken kommt. Um die Quellental-Tage etwas aufzumischen, hatte ein Frankfurter Buchhändler sein lokales Lieblingsgetränk mitgebracht, das ebenfalls in einem Tonkrug serviert wird. Er hatte es in ausreichender Menge nach Steinhagen transferiert.

Im gleichen Hotel wohnten das gesuchte Urgestein, außerdem CvZ vom BuchMarkt, der Frankfurter Buchhändler mit seinem „Stöffche“ sowie Olaf Paeschke, Inhaber des kleinen, auf Wörterbücher spezialisierten Axel Juncker Verlages und mit Christian von Zittwitz und dem gesuchten Urgestein befreundet.
Das gesuchte Urgestein hatte gute Beziehungen zu Dr. Wolfgang Strauß, der die Öffentlichkeitsarbeit von Bertelsmann und die Quellental-Tagung leitete. Ihn hatte er überredet, Olaf einzuladen. Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn fand Gefallen an dessen in Berliner Schnoddrigkeit verpackten verlegerischen Sachkenntnis und berief ihn nach der Quellental-Tagung ins Management seiner sich allmählich formenden internationalen Verlagsgruppe. Jetzt aber saßen alle erst einmal bei Steinhäger und jenem Frankfurter Getränk aus dem Reisegepäck des Frankfurter Buchhändlers beisammen.

Das Urgestein und Christian von Zittwitz lagen seit Wochen im Streit miteinander, ohne dass beide heute noch wüssten, worüber sie sich damals gestritten haben. Paeschke nahm die beiden Streithähne an die Hand und schlug vor, sie sollten Frieden schließen und sich alle drei duzen. Dabei ist es bis zu Olafs frühem Tod in Florida als Bertelsmann-Pensionär und Präsident des örtlichen Golfclubs sowie zwischen Christian und dem Urgestein bis heute geblieben.

Kehren wir zu den Berufsanfängen des Urgesteins zurück. Auf schwankenden Fundamenten hatte der Gesuchte 1949 sein Abitur „gebaut“. Der vom Luftkrieg und dem „großdeutschen“ Zusammenbruch geprägten Schulzeit schloss sich eine Buchhändlerlehre auf einem äußerst dürftigen Buchmarkt an. Nach verschiedenen Stationen als „Buchhandlungsgehilfe“ (ja, so hieß das damals) kam er durch Zufall ins Haus Bertelsmann. Wenn der Gesuchte von seinem Berufsweg erzählt, nennt er in Anlehnung an Maxim Gorki seine elf Bertelsmann-Jahre „Meine Universitäten“, denn erst dort hat er sich sein berufliches Werkzeug erarbeitet.

Das kam so. Bertelsmann war stürmisch gewachsen und hatte sich auf der Grundlage der Buchgemeinschaft Lesering zu einem deutschen (und europäischen) Marktfaktor entwickelt. Reinhard Mohn, damals ein zielbewußter junger Mann, fürchtete, dass ihm durch das exorbitante Wachstum die Dinge entgleiten konnten, zumal die Masse seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ebenso wenig gründlichen Kenntnissen wie der Gesuchte nach Gütersloh gekommen waren. Also wurde akademisch gebildeter Nachwuchs in der Gestalt von Diplom-Kaufleuten, Betriebswirten und Juristen in den Universitäten und ökonomisch erfolgreichen Betrieben im nahe gelegenen Ruhrgebiet rekrutiert.

Bald stellte sich heraus, dass die Neuzugänge vor den altmodischen Strukturen des Hauses und der gesamten Branche wie der Ochse vor dem berühmten neuen Tor standen: Mit RR, à condition, verlängertem Ziel, Reiseauftrag, Partie, Reizpartie usw. konnten sie nichts anfangen und sollten doch die EDV einführen! Der heute Gesuchte erkannte seine Chance und freundete sich mit den Ruhrgebietsleuten an, denen sonst eher buchhändlerisch-verlegerischer Hochmut entgegenschlug. Vor allem aber: Man tauschte betriebswirtschaftliches und Branchen-Knowhow gegeneinander aus. Der gesuchte Buchhändler mit der dürftigen Grundausbildung siedelte alsbald als Werbe- und Vertriebsleiter zu einem altehrwürdigen Fach- und Wissenschaftsverlages nach Stuttgart über. Als er von dort nach anderthalb Jahren wieder gen Norden reiste, gab es bei dem Stuttgarter Traditionsverlag zum ersten mal seit Jahren einen Gesamtkatalog, war die Auslieferung zu Koch,Neff & Oetinger gewandert und eine Betriebsabrechnung inklusive Controlling etabliert worden.

Reinhard Mohn und sein Bruder Sigbert beriefen die gesuchte Person zum Geschäftsführer eines gerade zugekauften Tochterverlages nach Hamburg. Der frischgebackene Verlagsleiter entfaltete eine mäßig erfolgreiche Tätigkeit, interessierte sich aber für allgemeine Branchenfragen, etablierte mit Hamburger Buchhändlern und Verlegern die Buchausstellung Hamburg lierarisch und wurde auf dem Umweg über das Börsenblatt zum Fachautor, der außerdem Bücher über seine sächsische und speziell über seine erzgebirgische Heimat schrieb.
Der Gesuchte hat sich am 1. Januar des Umbruchjahres 1968 selbstständig gemacht und langjährig als Personal- und Unternehmensberater für Verlage gearbeitet.

Hier schließt sich der Kreis mit der Frage, wie der Name dieses umtriebigen Urgesteins lautet. Wer mag, teilt uns auch mit, welches Frankfurter Getränk damals nach Steinhagen eingeführt wurde. Ob Sie heute auf das Wohl des Gesuchten mit diesem „Stöffche“, mit erzgebirgischem Bier oder mit Steinhäger anstoßen wollen, überlässt die Redaktion ganz Ihrem Geschmack. Ihre Lösung und eventuelle Glückwünsche können Sie unter verlagswesen@heinold-fachautor.de einsenden.

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