Die Krimibestenliste hier als Download zum Ausdrucken Krimibestenliste November 2020: „Götter und Tiere“ Platz 1

Die Krimibestenliste November finden Sie hier als Download. An der Spitze der aktuellen Krimibestenliste November 2020 finden Sie neu und auf Platz 1: Götter und Tiere von Denise Mina (original 2012: Gods and Beasts)

Selten ist ein Titel so einhellig an die Spitze der Krimibestenliste katapultiert worden wie Götter und Tiere. Der Roman erschien bereits 2012 im Original. Dass er erst jetzt auf Deutsch erscheint, hat mit den kommerziellen Strategien großer Kozernverlage zu tun. Obwohl die 1966 in Glasgow geborene Juristin, vielfach ausgezeichnete Krimi- und Theaterschriftstellerin Denise Mina praktisch seit ihrem ersten Roman 1998 zur „Princess of Tartan Noir“ ausgerufen wurde und heute zu den international anerkannten (schottischen) Krimischriftstellern zählt, erzielten ihre komplexen, aber keineswegs abgehobenen Kriminalromane um die Reporterin Paddy Meehan und die Detective Alex Morrow sowie etliche andere Titel in deutschen Konzernverlagen nicht genug Auflage, um in Reihe produziert zu werden. So ist es dem kleinen, um Kriminalliteratur von Frauen seit Jahrzehnten hoch verdienten Label Ariadne im Argumentverlag zu verdanken, dass die im Großverlag für unrentabel gehaltenen Perlen dieser großartigen und in Deutschland viel zu wenig bekannten Autorin in guten Übersetzungen erscheinen.

Götter und Tiere bildet das Mittelstück von Denise Minas Quintett um Alex Morrow, erst Detective Sergeant, ab Band vier (Das Vergessen) Detective Inspector der für Glasgow und Umgebung zuständigen Strathclyde Police, die 2013 ihre Selbständigkeit verlieren und Teil von Police Scotland werden wird.
Alex hat Zwillinge bekommen, der Stress des Stillens steigert die Spannung, trotzdem bleibt sie bewundernswert cool und resolut. Auch als eine von ihr geschätzte Detective Constable gestehen muss, dass sie tief in den Geldsack gegriffen hat, der ihr verführerisch aus einem Kofferraum entgegenleuchtete.

Götter und Tiere ist ein dermaßen vielschichtiger und komplexer Roman, dass die Rezensionen aus der Jury jeweils einen verschiedenen Aspekt betonen.

Sylvia Staude liest in der Frankfurter Rundschau einen Gesellschaftsroman:
„Denise Mina hebt die Dächer von den Glasgower Häusern und lässt uns hineinspähen und -hören. Ohne es an Action und Gewalt jemals zu übertreiben. Sie hält den Ball flach, sie überzeugt umso mehr. Wahnsinnig gern würde man bald einen Kriminalroman über die Corona-Zeit von ihr lesen.“

Fritz Göttler hat in der Süddeutschen Zeitung einen politischen Famlienroman gelesen und charakterisiert ihn, als der Filmkritiker, der er hauptsächlich ist, in eindrucksvollen Szenen.

Und ich habe im Deutschlandfunk Kultur Götter und Tiere in der Tradition des Krimis als Roman einer Stadt gesehen.

Neu auf der Krimibestenliste November finden Sie insgesamt drei Titel. Diesmal sind es je ein schottischer, ein deutscher, ein kanadischer mit zusammen knappen 800 Seiten.  Eine weibliche, zwei männliche Autoren.

Neu sind außerdem:

auf Platz 6: Dammbruch von Robert Brack

Kann man einen Kriminalfall in einer großen Naturkatastrophe klischeefrei schreiben? Ohne tapfere, unzerstörbare Helden, die den Naturgewalten trotzend das Lied der Überlegenheit des Menschen über die Natur singen?
Robert Brack kann das.

Bracks beeindruckende Vielseitigkeit drückt sich nur verknappt in der Vielzahl seiner Pseudonyme aus. (Virginia Doyle, Brack ist das Pseudonym von Ronald Gutberlet). Wer auf der Wikipedia oder bei ihm selbst nachschaut, stößt auf ein vieldimensionales Geflecht von Serien und Serienfiguren, gewürzt mit Standalones und krimitheoretischen Essays.
Mal handelt es sich um Parodistisches, mal um Ironisches, meist stehen Hamburg und besonders St. Pauli, wo Brack lange Zeit sein Büro hatte, im Zentrum. Immer sind seine Kriminalromane durch historische Recherche glänzend situiert, gleich, ob es sich um große Geschichtsereignisse wie den Reichstagsbrand oder den Altonaer Blutsonntag oder um eher alltägliche Verbrechen handelt. Immer mit aufrechter Haltung – Brack ist einer der selten gewordenen Anarchisten, die unerschütterlich überall dem Durchbruch von Fantasie, Autonomie und Alltagsoptimismus nachspüren, um diese Pflänzchen zu Biotopen und diese zur neuen Welt zu machen.
Obwohl Robert Brack zu den vielseitigsten, reflektiertesten und stilsichersten deutschen Krimiautoren gehört, trotz des gigantischen Werks, das er seit 1988 verfasst hat, stand Robert Brack als Übersetzer (zum Beispiel von Declan Burke ) schon mehrmals auf der Krimibestenliste, als Autor noch nie. Bis zum November 2020.

Dammbruch ist eine einfache Geschichte mit unerwartetem Ausgang. Ein erfahrener Einbrecher (mit linker Familientradtion) ist frisch aus dem Knst und will im Februar 1963 gleich ein neues Ding drehen, heuert dazu in St.Pauli, das hinsichtlich des Kommenden kontrastierend idyllisch als Kneipen-Puff-Seemanns-Biotop im Hans-Albers-Stil gezeichnet ist, einen Jungspund als Helfer an, lernt noch kurz die faszinierend lasziv-spröde Betty kennen, um in der Nacht darauf in den Hafen aufzubrechen, wo in einem Schiffstresor ein Goldschatz zu heben sein soll, der Lou, so heißt der Filou, den Weg nach Kuba ebnen soll, in den Traum vom karibischen Sozialismus. Doch Vincinette – so hieß das Sturmtief, das Hamburgs Süden zerstören sollte – ist auch unterwegs. Im Gegenschnitt wird Bettys Geschichte erzählt, noch düsterer, noch finsterer: Sie ist Flüchtling aus dem Osten und hat von Männern und Soldaten viel erlitten. Jetzt rächt sie sich und sucht auf ihre Weise nach Schätzen. Grandios, wie sich die Schicksale der drei in der filmreif geschilderten Sturmflutnacht kreuzen, verwickeln und trennen.

Nur nebenbei: So häufig wie in den Kriminalromanen von Petros Markaris, die in Athen spielen, die Akropolis auftaucht, so oft fällt in Dammbruch der Name des hamburgischen Halbgotts Helmut Schmidt: nicht ein einziges Mal.
Nicht nur deshalb ist Dammbruch ein Roman, der auch außerhalb von Hamburg Gültigkeit hat. Der Hamburger Verlag Ellert & Richter hat in seiner naiven lokalpatriotischen Begeisterung geglaubt, Dammbruch zum „Sturmflut-Thriller“ überhöhen zu müssen, um ihn den Touristen in den Bahnhofsbuchhandlungen besser verkaufen zu können. Das ist nicht der Qualität, nur der Verbreitung abträglich.

„Brack erzählt die dramatische Geschichte virtuos, hält die Spannung hoch.“ Sagt unser Schweizer Rezensent Hanspeter Eggenberger.

„Das Sturmtief nun spült diese beiden Menschen [Betty und Lou, TG] mit anderen zeitweilig Geretteten in einen Rohbau. Sie trauen einander nicht, sind aber doch aufeinander angewiesen. Mit ihnen treffen dann auch Lous romantische Verbrechensvorstellungen auf Bettys harte Erfahrungen. Das ist spannend, düster und in dem Ausgang erstaunlich zufriedenstellend.“ Sonja Hartl, Zeilenkino

Auf Platz 10: Taqawan von Éric Plamondon (original 2018: Taqawan)

Kanada, Gastland der Frankfurter Buchmesse in diesem und dem kommenden Jahr, nutzt die Gelegenheit, außergewöhnliche Bücher vorzustellen ausgiebig mit der Promotion einer erstaunlichen Zahl von Titeln, die sich mit dem Schicksal der First Nations auseinandersetzen. Die zwar die Ur-Kanadier sind und lange vor den christlichen Franzosen und Engländern das Land und seine Gewässer bewohnten, aber erst nach den 1990er Jahren Respekt und rechtliche Anerkennung fanden.
Diesen Bogen zwischen indigenen Ureinwohnern und ihrem Leben im Land, zwischen kolonialer und imperialer Unterdrückung und einer viel älteren nomadischen Zivilisation, zwischen Indigenen und weißen Machos und etlichen weiteren historischen und lebensweltlichen Spannungen stellt – ausgerechnet! – ein schmaler Kriminalroman her.
Verfasst ist er literarisch anspruchsvoll in einer Mischung von Erzählung, Essay und Dokumentation von Éric Plamondon, einem 1969 in Québec geborenen Schriftsteller und Journalisten, der jetzt in Frankreich bei Bordeaux lebt.
Plamondon nimmt den Überfall weißer Polizeikräfte auf die Lachsfischerei der indigenen Mi’gmaq und den Widerstand dagegen im Jahre 1981 zum Anlass, einerseits von der Vergewaltigung der jungen Mi’gmaq Océane durch drei Polizisten, ihre Rettung und Rächung durch einen frankokanadischen Ranger und einen Mi’gmaq zu erzählen, andererseits diese Kriminalgeschichte einzubetten in eine Reihe von Texten, die den Fall zu einem allgmeinen machen: auf der einen Seite koloniale, selbstgereche männlich Weiße Gewalt, auf der anderen Seite die beinahe zu Tode gequälte, verhöhnte Frau und ihre vielfach zu Tode gequälte, betrogene, verhöhnte und widerständige Ethnie.
Manchmal ist es eben so einfach. Aber die literarische Konstruktion sagt: Es ist auch komplizierter. Und das macht Taqawan zu einem sehr bemerkenwerten Beitrag der kanadischen Literatur.
Im Zentrum des Buches wie des Konflikts steht der Lachs. Taqawan bezeichnet in der Sprache der Mi’gmaq einen Lachs, der zum ersten Mal in den Fluss seiner Geburt zurückkehrt. Krimi, Naturkunde, Geschichtsbuch, Anklage – all das ist Taqawan.

„Taqawan ist ein herausragender und mutiger Roman. Und er ist es auch deshalb, weil Éric Plamondon eben nicht auf Erzählkonventionen, sondern auf die wache Intelligenz seiner aktiven LeserInnen setzt und damit natürlich voll ins Schwarze trifft.“ Ulrich Noller, Deutschlandfunk Kultur

Sylvia Staude hat in einem längeren Beitrag in der Frankfurter Rundschau Taqawan mit dem Kriminalroman eines anderen kanadischen Autors verglichen. Darin wird deutlich, worin Taqawans Qualität besteht: Es ist kein „Lies-weg-das-Zeug“-Buch

Unsere Dauerchampions: Zum vierten Mal steht Max Annas mit Morduntersuchungskommission – Der Fall Melchior Nikoleit auf der Krimibestenliste. Zum dritten Mal sind Garry Disher mit Hope Hill Drive und Steph Cha mit Brandsätze dabei.

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Die Krimibestenliste November wird wie immer am ersten Sonntag des Monats, am 1.11.20, veröffentlicht, und ist online wiederzufinden unter www.faz.net/krimibestenliste
und www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste .
Unter diesen Webadressen finden Sie immer die aktuelle Krimibestenliste.

Am Freitag, dem 30. Oktober, um 8.20 Uhr  gab es wie immer einen Vorgeschmack auf die Krimibestenliste bei Deutschlandfunk Kultur.

Die Krimibestenliste finden Sie als Download zum Ausdrucken unter
Krimibestenliste November

Ein Archiv mit allen Krimibestenlisten seit 2005 finden Sie auf meiner Homepage unter „Die Krimibestenlisten“

Tobias Gohlis

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