Die österreichische Autorin Eva Rossmann gewann zuletzt u.a. den FINE CRIME AWARD 2026. Am 28.8. erscheint ihr neuer Krimi „Licht brennt“ bei Folio, der ihre Ermittlerinnen Mira Valensky und Vesna Krajner auf für die Branche spannendes Terrain schickt: die Verlagswelt.


Im Mittelpunkt steht ein traditionsreicher Wiener Verlag, der zwischen wirtschaftlichem Druck, Bestsellerlogik, KI und BookTok um seine Zukunft ringt. Rossmann greift dabei aktuelle Debatten der Buchbranche auf – von der Konzentration des Marktes über den Boom von New Adult bis hin zur Frage, ob Verlage heute zuerst an die Vermarktung oder an die Qualität eines Buches denken sollten. Im Gespräch erzählt sie, warum sie ausgerechnet einen Verlag zum Schauplatz ihres neuen Krimis gemacht hat, welche realen Vorbilder darin stecken und weshalb Literatur für sie weit mehr ist als ein Wirtschaftsgut, was im Übrigen auch in den Danksagungen in ihrem Nachwort deutlich wird.
BuchMarkt: In „Licht brennt“ steht ein traditionsreicher Verlag im Zentrum eines Mira-Valensky-Krimis. Was hat Sie an diesem Schauplatz gereizt?
Eva Rossmann: Natürlich ist das ein Schauplatz, der mir als Autorin besonders nahe ist. Und ich glaube, dass man anhand eines renommierten Verlages vieles gut beschreiben kann, was über unsere Szene hinausreicht: Wie wichtig sind Humanismus und humanistische Bildung? Darf man alles auf Business reduzieren? Oder: Nehmen wir Büchermenschen uns einfach zu wichtig und die Zeit schreitet eben … naja, sagen wir mal: voran?
Gab es konkrete Vorbilder für den Verlag oder die Figuren im Buch?
Vorbilder gibt’s bei mir nie direkt. Aber natürlich kann ich nur über das schreiben, was ich kenne, was ich aufgeschnappt oder auch recherchiert habe. Insofern sind Zusammenhänge mit der Realität nicht nur unvermeidbar, sondern auch gewollt. Was die Figuren angeht: Sie setzen sich aus Eigenschaften, Verhaltensweisen, manchmal sogar ganz konkret erlebten Gesprächen unterschiedlicher Personen zusammen. Ich vergleiche es gerne mit einem Kaleidoskop – ich hoffe, das kennen die meisten noch: Viele bunte Stückchen, die, wenn man dreht, ein neues Bild ergeben.
Im Roman spielt Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Thema aufzugreifen?
Es hat ganz anders begonnen. Ich wollte unter anderem über eine Person schreiben, die sich zurückzieht und analog leben möchte. Weil sie Social Media und das ganze Gedröhns zwischen ununterbrochener Erreichbarkeit, Aufregung, Empörung, und angeblich unbegrenztem Zugriff auf Information satt hat – und es sich leisten kann.
Die Universität von Bologna im Jahr 1980 sollte eine Rolle spielen – samt Umberto Eco, der dort unterrichtet hat und in diesem Jahr „Der Name der Rose“ veröffentlicht hat. Also habe ich es mir gegönnt, wieder vieles von ihm zu lesen, bis hin zu seinen großartigen Essays über Kommunikation. Dass ich im nächsten Schritt bei KI gelandet bin, ist eigentlich logisch. Eco ging es um die Bibliothek als gesammeltes Wissen der Welt, um die Frage, wer darüber die Herrschaft haben, wer es nutzen darf. Irgendwo im Buch sagt eine der Figuren, man fürchte sich immer vor dem Falschen. Da ist auch im Zusammenhang mit KI was dran: Nicht die Rechenmaschinen sind es, die mir die größten Sorgen machen. Sondern dass wir gewissen Menschen zu viel Macht geben.
Wird Authentizität im Zeitalter von KI wichtiger oder verliert sie an Bedeutung?
Sie ist immer und für alle wichtig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Klone glücklich sind, nur weil sie die gerade angesagte Nase, die gerade angesagte Meinung, den gerade angesagten Style haben. Und für unsere Buchbranche ist sie sogar überlebenswichtig. Das ist aber gleichzeitig die gute Nachricht: Wenn wir kreativ, authentisch, eben unberechenbar, bleiben, dann können uns Rechenmaschinen nicht kopieren oder gar überflügeln. Liefern wir bloß brav mehr vom selben, dann kann das ein Computer vielleicht bald auch.
Setzen Sie selbst auch KI ein oder könnten sich vorstellen dies zu tun?
Ich habe dieses Google-Dings bei der Recherche gefragt: Wann geht Mitte Oktober am Wörthersee die Sonne unter? Die Antwort kam in Sekundenschnelle, ich habe geschaut, ob die Quelle passt und fertig. Sehr praktisch. Was Umberto Ecco in der ersten Hälfte des Jahres 1980 gemacht hat, konnte ich mit der Hilfe eines Freundes, der an der Universität von Bologna die Journalismus-Masterclass leitet und Umberto Ecco und sein Umfeld gekannt hat, klären. Da wollte ich KI prüfen. Die Antwort war zum Teil richtig, zum Teil hat sie mir Plausibles als Info verkauft. Es war aber schlicht Blödsinn. Also: Stellt man komplexe Fragen, muss man die Ergebnisse gründlich überprüfen. Da kann KI, wenn überhaupt, nur ein Recherche-Input sein. Und dass eine, auch noch so erweiterte, Rechenmaschine kreatives Schreiben übernehmen soll, halte ich für absurd. Da ist mir die Zeit zu schade, das auch nur bloß zu testen. Was sollte ich erfragen? Schreibe diesen Dialog so wie Eva Rossmann? Ich will mich ja auch nicht selbst kopieren.
KI hat einen wunderbaren Zugriff auf sehr viel gespeichertes Wissen. Um einfache Fakten schnell abrufen zu können, ist es sehr praktisch. Bei Antworten auf komplexe Fragen wird es schwierig. Vor allem, weil die Systeme so programmiert sind, dass sie auf alles eine Antwort wissen wollen – zur Not wird die plausibelste erfunden. Um eine Meinung zu bekommen, ist KI bedenklich. Es geht nicht nur um Wissen, sondern auch um Werte. Und da würde ich schon analog niemandem vertrauen, den ich nicht gut kenne. Es ist für mich zentral, auch über KI hinaus, dass der Unterschied zwischen Fakten und Meinung, zwischen Wissen und Glauben, immer und immer wieder klar gelegt wird. Zur echten Bedrohung unserer Grundwerte werden KI-Systeme allerdings dann, wenn sie uns unliebsame Entscheidungen „objektiv“ abnehmen sollen: Das reicht von Kündigungen in Unternehmen bis hin zu militärischen Angriffen und der Auswahl entsprechender Ziele.
Sie kritisieren außerdem einige Mechanismen und Entwicklungen der Buchbranche. Was ärgert Sie an dieser besonders und warum?
Ich würde es nicht Ärger nennen, sondern Sorge. Ich habe die Weisheit ja auch nicht mit dem Löffel gefressen. Ich würde mir eben wünschen, dass unsere Branche nicht in erster Linie zu einem weiteren Gewinnmaximierungsmodell wird. Wo sich ein paar Konzerne den „Markt“ aufteilen. Ihre Entscheidungen damit rechtfertigen, dass sie ja den Aktionär:innen verpflichtet sind, wo sich immer mehr auf weniges zuspitzt, das als maximal verkaufsfähig gilt. Wo Kleine, wenn schon nicht raus, dann zumindest doch so an den Rand gedrängt werden, dass sie nicht mehr überleben. Wo Konsument:innen verschaukelt werden, und das als „gelungene Kampagne“ gefeiert wird. Klar muss jede Branche Geld verdienen – und ich bin sehr dafür, dass es in der Buchbranche nicht nur Träumer sondern auch Finanzexpertinnen gibt. Aber letztlich geht es für uns alle um die Frage: „Warum machen wir Bücher?“ Ich halte Geld für notwendig, aber nicht für die passende Antwort.
Wie blicken Sie auf die Zukunft der Branche?
Ich kenne in keiner anderen Branche so interessante und so interessierte Menschen. In „Licht brennt“ sagt der Verleger Gunter Fried – er ist übrigens alles andere als ein klassischer Held – zu Mira auf der Frankfurter Buchmesse: „Du bekommst einen Eindruck davon, wie viele Menschen für Bücher, fürs Lesen, für Literatur brennen. Es ist kein Gegenentwurf zur Welt, es ist ein Entwurf der Welt, für den es sich zu leben lohnt.“ – Immer. Gerade auch in Zeiten wie diesen.
Die Fragen stellte Hanna Schönberg
P.S. Persönlich bedanken möchte ich mich bei Eva Rossmann auch für Ihre tollen Sardinientipps, die sie mir als Inselbewohnerin für eine Reise zusammengestellt hat ;).







