Jetzt online: Kaffeehaussitzers Netzrückblick Fundstücke aus den Literaturblogs – März 2022

Uwe Kalkowski

Seit genau fünf Wochen überzieht der Aggressor Putin sein Nachbarland mit Gewalt, Tod und Zerstörung. Es ist ein Geschehen, dass unser Denken und unsere Vorstellung von Europa nachhaltig erschüttert. Daher starte ich diesen Netzrückblick mit zwei Leseempfehlungen aus dem Blog AISTHESIS. Blogger Lars Hartmann schreibt dort über Boris Romanchenko aus Charkiw: Der 95jährige überlebte die deutschen Konzentrationslager Buchenwald, Mittelbau Dora, Bergen-Belsen und Peenemünde. Putins Angriffskrieg auf die Ukraine überlebte er nicht. In einem weiteren Blogbeitrag wird der Abschiedsbrief des ukrainischen Mathematikers Konstantin Olmezov dokumentiert, der sich 27igjährig am 20. März in Moskau das Leben nahm. Ein weiterer der vielen Toten Putins.

In ihrem Blog Bücheratlas berichten Martin Oehlen und Petra Pluwatsch über eine Aktion der Frankfurter Buchmesse: Sie stellte ihren Instagram-Account für 30 Stunden Olia Zhuk zur Verfügung, stellvertretende Direktorin für Zeitgenössische Kunst und Museumsangelegenheiten im Mystetskyi Arsenal Museum in Kiew. Der Blogbeitrag dokumentiert auszugsweise ihre Postings.

Thema Buchmesse: Die Leipziger Popup-Buchmesse war ein voller Erfolg. Ich war als Besucher vor Ort und habe es sehr genossen, zumindest in diesem kleinen Rahmen wieder Messe- und Bücherfestatmosphäre um mich zu haben. Auf der Rückfahrt nach Köln las ich den Roman »Die Verschwörung der Krähen« von Markus Gasser, ein Buch, das mich leider gar nicht überzeugen konnte. Ein holpriger Plot mit zu vielen nur notdürftig verknüpften Handlungssträngen sorgte für eine etwas mühsame Lektüre. Die Besprechung im Blog Buch-Haltung bestätigte  meinen Leseeindruck. Im Blog intellectures hingegen ist Thomas Hummitzsch voll des Lobes für das Buch – so unterschiedlich sind die Wahrnehmungen, was ich immer wieder spannend finde. 

Was leider durch die Absage der offiziellen Leipziger Buchmesse etwas unterging, war das Programm des Gastlands Portugal. Der Blog Bücherkaffee schafft hier Abhilfe und stellt mit einem eigenen Schwerpunkt Literatur aus Portugal vor.

Auf Instagram nicht zu übersehen war das Erscheinen des neuen Romans von Mareike Fallwickl: Das markante Cover von »Die Wut, die bleibt« war dort einige Tage omnipräsent. Erste Texte dazu in den Literaturblogs gibt es ebenfalls, stellvertretend seien hier die Besprechungen auf Pinkfisch und Leseschatz genannt.

Wie jeden März fand auch dieses Jahr an einem der letzten Samstage der Indiebookday statt, ein Tag, der den Büchern aus unabhängigen Verlagen gewidmet ist. Für den Gemeinschaftsblog We Read Indie ein guter Anlass, neu zu definieren, was in diesem Zusammenhang »unabhängig« bedeutet. Neu deshalb, weil sich insbesondere durch den Zusammenschluss von Jung & Jung, Schöffling und Kampa neue Marktkonstellationen ergeben haben.

»Februar 33 – Der Winter der Literatur« von Uwe Wittstock ist für mich eines der wichtigsten Bücher des letzten Jahres. Eine lesenswerte Besprechung gibt es im Blog buchpost.

Im Blog Feiner reiner Buchstoff schreibt Brigitte von Freyberg, wie schwer es ihr momentan fällt, sich angesichts der allgemeinen Lage auf neue Bücher einzulassen. Daher liest sie vermehrt Werke, die sie bereits kennt, und die einen großen Eindruck hinterlassen haben. Da ich ein großer Freund des Erneut-Lesens bin, kann ich dies sehr gut nachvollziehen. Und freue mich über ihre spannende Buchbesprechung des Romans »Kamtschatka« von Marcelo Figueras.

Am 12. März 2022 war der 100. Geburtstag von Jack Kerouac. Wie unzählige andere Leser auch begleitet mich sein Roman »On The Road« schon seit vielen Jahren. In seinem Blog arbeitet Sören Heim die literarischen Qualitäten des Werkes heraus.

Um einen Klassiker ganz anderer Art geht es im Blog Literarische Abenteuer. Sandra Falke beschäfigt sich dort mit H.G. Wells »Die Zeitmaschine« und erläutert, warum die von ihr vorgestellte zweisprachige Ausgabe so lesenswert ist.

Und da wir gerade bei Klassikern sind: Tobias Zeising stellt in seinem Blog Lesestunden den Roman »Deephaven« von Sarah Orne Jewett vor; gerade in der wunderschönen Klassiker-Reihe des mare-Verlags erschienen.

Der Journalist und Autor Gerrit Wustmann ist Vorstandsmitglied des Vereins Litprom e.V., der es sich zur Aufgabe gemacht hat, nicht-westliche Literatur zu fördern und bei uns bekannter zu machen. Im Blog Litaffin spricht er im Interview über dieses Engagement und die zahlreichen Entdeckungen, die es in der Welt der Bücher zu machen gibt, wenn man die eigenen Lesegewohnheiten hinterfragt.

Anlässlich der Verleihung des Hebbel-Preises an die Autorin Svealena Kutschke stellt Klappentexterin Simone Finkenwirth das neue Buch von ihr vor: »Gewittertiere«.

»Die Freiheit der anderen«: Unter diesem Titel hat Achim Spengler in seinem Blog A Readmill of my Mind einen starken Text veröffentlicht. Unbedingt lesen.

In meinem eigenen Blog Kaffeehaussitzer habe ich im März kaum neue Bücher vorgestellt. Dafür ist meine über 90 Jahre alte Ausgabe von »Im Westen nichts Neues« in den Fokus gerückt, mitsamt Erinnerungen an die dunkle Zeit des Kalten Krieges in den Achtzigern, Gedanken über die Kriegsdienstverweigerung und den Zivildienst – und über Gewissheiten, die am 24. Februar 2022 über den Haufen geworfen wurden.

Zum Schluss noch etwas Schönes: Wer schon länger hier mitliest, weiß, wie sehr ich die Rubrik »Essen aus Büchern« im Blog schiefgelesen mag. Bloggerin Marion Rave arbeitet darin die in Romanen beschriebenen Speisen in nachkochbare Rezepte um. Diesmal gibt es Indian Tacos aus »There There« von Tommy Orange.

Wir lesen uns wieder in einem Monat. In der Hoffnung, mehr über Frieden als über Krieg reden zu können.

Passen Sie auf sich auf.

Uwe Kalkowski ist seit über 25 Jahren in der Buchbranche tätig und kennt sie aus unterschiedlichen Perspektiven: Als Buchhändler, als Absolvent des Studiengangs Verlagswirtschaft in Leipzig und als Mitarbeiter verschiedener Verlage. Seit August 2019 arbeitet er als Produktmanager für den Eichborn Verlag in Köln. In seinem Blog Kaffeehaussitzer schreibt er über Bücher, Literatur und Leseerlebnisse und stellt in der monatlichen Kolumne »Kaffeehaussitzers Netzrückblick«auf buchmarkt.de lesenswerte Fundstücke aus den unterschiedlichsten Literaturblogs vor. »Vollkommen subjektiv, handverlesen und rein persönlich ausgewählt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn eine solche kann es in einer so vielschichtigen Szene gar nicht geben«, wie er sagt.

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