Nicola Bardola über sein Buch „Der größtmögliche Beweis für Liebe“ (Nagel & Kimche) „Die Sterbehilfe ist außer Kontrolle“

Nicola Bardola (c) Claudia Hanssen

Vor 25 Jahren sind die Eltern des Autors Nicola Bardola in der Schweiz mit der Sterbehilfeorganisation Exit gemeinsam gestorben. Das schildert er im Tatsachenroman Der größtmögliche Beweis für Liebe (Nagel & Kimche). Nun steigt die Zahl der ärztlich assistierten Suizide in Deutschland sprunghaft an. Anlass für Fragen:

BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?

Es ist die literarische Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe: Die Geschichte eines Ehepaares, das sich für ein selbstbestimmtes Ende entscheidet. Sohn Luca hofft, die Beweggründe seiner Eltern zu begreifen, um seiner Tochter eines Tages erklären zu können, was mit den Großeltern geschehen ist. Während eines Tauchgangs im Mittelmeer versucht Luca im zweiten Teil des Romans, den Elterntod neu zu begreifen und ihm eine Melodie zu geben. Statt des Auftakts zum Tod im ersten Teil, schildere ich nun das Vorspiel zur Geburt der Tochter im zweiten Teil. Der letzten Wanderung der Eltern setze ich die Touren Lucas und seiner schwangeren Frau kurz vor dem eigenen Elternwerden entgegen.

Wie entstand die Idee zum Thema?

Teil 1 des Romans ist 2005 bei A1 unter dem Titel „Schlemm“ erschienen. Danach folgten Ausgaben bei Heyne (2007) und Piper (2015). Jetzt erscheint der Text erstmals vollständig mit Teil 2 „Schalm“ unter dem Titel „Der größtmögliche Beweis für Liebe“. Damals entstand die Idee für „Schlemm“ durch den ungewöhnlichen Tod meiner Eltern. „Schalm“ ist die Fortsetzung: Jetzt wird gefragt, wie es dem Sohn mit zeitlichem Abstand ergeht. Wie verhält er sich jetzt zum assistierten Suizid? Die Frage ist aktueller denn je: Vor kurzem gab die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) bekannt, dass 2023 über 400 ihrer Mitglieder unter ärztlicher Aufsicht assistierten Suizid durchgeführt haben. 2022 waren es 229, im Jahr davor 120, zu Beginn dieser Tätigkeit der DGHS im Jahr 2020 waren es gerade mal 19 Fälle. Die Sterbehilfe ist in Deutschland außer Kontrolle. Die Gründe hierfür sind vor allem die höhere Lebenserwartung, die schlechten Zustände in den teuren Pflegeheimen und juristische Freiräume. Um die Liberalisierung der Gesetze zum selbst geplanten Tod wird in der Politik seit Jahrzehnten gerungen.

Was war beim Schreiben die größte Herausforderung?

Nicht zu sachlich zu werden, also Pro und Contra anhand der Figuren darzustellen, nicht anhand ethisch-moralischer Gedanken oder objektiver Kriterien. Das führt z.B. zum empörten Ausruf der Schwiegertochter: „Man kann sich den Tod doch nicht nach Hause bestellen wie eine Pizza.“ Das ist einprägsamer als viele Argumente von Hospizhelfern.

Welche drei Wörter beschreiben es perfekt?

Lebenshilfe für Hinterbliebene. Oder: Klarheit beim Sterben.

An welche Leserschaft richtet es sich?

An alle mit alten Eltern und Großeltern, an alle, die sich offen mit dem Thema Tod beschäftigen wollen.

Mit welchem Argument kann der Buchhandel das Buch im Laden gut verkaufen?

Überlassen Sie Ihr Sterben nicht dem Zufall.

Wie sähe ein Schaufenster dazu schön gestaltet aus?

Mit Büchern und DVD’s zum Thema, z.B: Beate Lakotta, Walter Schels: „Noch mal leben vor dem Tod: Wenn Meschen sterben“ (DVA); Didier Eribon: „Eine Arbeiterin: Leben, Alter und Sterben“ (Suhrkamp); Jenny Downham: „Bevor ich sterbe“ (cbt); Bartholomäus Grill: „Um uns die Toten. Meine Begegnungen mit dem Sterben“ (Siedler); Roland Schulz: „So sterben wir“ (Piper); Gian Domenico Borasio: „Über das Sterben: Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen“ (dtv); Dorothea Mihm, Annette Bopp: „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“ (Goldmann); „Das Leuchten der Erinnerung“, DVD (Film mit Helen Mirren und Donald Sutherland; „Million Dollar Baby“, DVD (Film mit Hilary Swank und Clint Eastwood).

 

 

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