Die Rechte-Kolumne Medien-Tsunami über Deutschland? Mit welchen Tricks ein Medienmanager versucht, sein Skandalbuch zu vermarkten

Aus professionellem Antrieb habe ich über die Jahre eine Sammlung verbotener Bücher angelegt. So findet sich in der kleinen Unterabteilung der seriösen unter den verbotenen Bücher Esra neben Tina Uebels Last Exit Volksdorf und Havemann. Ungleich größer ist die Abteilung verbotener, nicht ganz so seriöser Bücher, darunter Christoph Maria Herbsts Ein Traum von einem Schiff, 100 Prozent Anders [mehr…] und natürlich die bisherige Mutter aller verbotener Bücher, Hinter den Kulissen von Dieter Bohlen. Ebenfalls Teil der Sammlung sind Werke, die nie verboten wurden, wie etwa Autobiographisches von Fritz Raddatz oder Bushido, gleichwohl aber jedem Persönlichkeitsrechtler ein steter Quell der Freude sind.

Nun kann ein Neuzugang vermeldet werden, von dem sich erst noch entscheiden muss, ob er in die Kategorie „verboten“ oder „erstaunlicherweise nicht verboten“ einsortiert werden muss. Bereits jetzt aber ist erkennbar, dass das Buch Potential hat, zum „wet dream“ von Medienanwälten zu werden.

Gerd Graf Bernadotte heißt der Schriftsteller, Der Bohlencode sein Werk. Über den blaublütigen Autor erfährt man in der Vorbemerkung nüchtern, dass er selbständiger Unternehmensberater, Musikmanager, Medien- und Presseberater sei. Unabhängige Quellen wissen mehr, man kann in den Weiten des Internets viel Buntes aus dem Leben des Herrn Grafen nachlesen, auch, dass er als Gerd Christian auf die Welt kam. Ein offenbar sehr menschenfreundlicher Abkömmling der Familie Bernadotte (ja, die von der Blumeninsel Mainau) nahm ihn im schon reiferen Erwachsenenalter noch an Kindes Statt an. Seither nennt er sich Gerd Dieter Graf Bernadotte af Wisborg, Member of the Swedish Dynasty. Auf seiner Homepage hat er folgerichtig einen imposanten Stammbaum veröffentlicht. Demnach steht er in einer (Ahnen-) Reihe mit zahlreichen Kaisern und Königen, von denen hier aus Platzgründen nur wenige genannt sein sollen: u.a. Wilhelm I., Kaiser von Deutschland, Oskar I. und II., ihres Zeichens Könige von Schweden und Norwegen, sowie Alexander II., Zar von Russland wird die Ehre zuteil, seine Vorfahren genannt zu werden.

Einer größeren Öffentlichkeit bekannt, um nicht zu schreiben verhaltensauffällig, wurde der Graf vor allem als Berater von Dieter Bohlen und Entourage sowie als Manager von Teilnehmern an der RTL-Serie „Deutschland sucht den Superstar“. Diese Tätigkeit scheint ihm tiefe Einblicke in das Privat- und Intimleben der betreffenden Personen verschafft zu haben. Dies in Kombination mit dem bekanntlich in vielen kreativen Menschen schlummernden Drang zum Schriftsteller hat nun zu einem erstaunlichen Buch geführt. Das Buch enthält 52 Kapitel, bei denen schon die Überschriften so verboten klingen, dass alleine deren Zitierung die Gefahr heraufbeschwören würde, das gesamte Rechtsberatungs-Budget von BuchMarkt für die nächsten 52 Jahre aufzuzehren. Für Neugierige nur soviel: Wenn man dem Autor Glauben schenken will, benehmen sich Künstler und auch deren Vermarkter in Liebes- und Finanzdingen recht sonderbar.

Der Autor hält offenbar für möglich, dass der eine oder andere im Buch Genannte nach der Lektüre reflexartig zum Telefon greifen und einen Medienanwalt seines Vertrauens anrufen möchte. Deshalb hat der Autorengraf sich ein paar Tricks einfallen lassen, die das Ziel haben könnten, das Buch vor dem Zugriff der deutschen Justiz zu schützen. Diese Kniffe sind es wert, einmal wie folgt aufgezeigt zu werden:

Meine Buchbestellung (über Amazon Marketplace) wurde zwar innerhalb von 24 Stunden geliefert und das Paket zierte eine ungestempelte, ur-deutsche Briefmarke mit der Aufschrift Weltkulturerbe 1000 Jahre St. Michaelis Hildesheim. Weder Paket noch Rechnung aber nennen einen Absender, schon gar keinen deutschen. Das Buch erscheint laut Impressum in einem Verlag mit dem schönen Namen Bernadotte Publishing London New York Moscow und der Autor behauptet, in einer Recto Street in Davao City auf den Philippinen zu wohnen. Immerhin, vertrieben wird das Buch auch über eine eigene Homepage www.bohlenbuch.de, deren AGB eine Bernadotte Publishing UG (haftungsbeschränkt) mit Sitz in Berlin nennt. UG steht für eine ganz besondere Gesellschaftsform, die sogenannte Unternehmergesellschaft. Diese eignet sich besonders gut für eher sparsame oder auch risikoscheue Unternehmer, die zwar – beispielsweise für Vertriebszwecke – eine Gesellschaft in Deutschland benötigen, aber den Aufwand der Gesellschaftsgründung nicht unnötig hoch halten wollen. Das Kapital einer derartigen Gesellschaft – ob sich auch die Bernadotte Publishing UG mit dem Minimalbetrag begnügt, ist nicht bekannt – kann die überschaubare Summe von 1 Euro betragen, auf die sich dann auch die Haftung gegenüber Gläubigern beschränkt.

Es bleibt aber abzuwarten, ob all die vermuteten Mühen des Autors, Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, überhaupt nötig waren. Bedächtig-abwägende Medienanwälte nämlich werden ihren Mandanten vermutlich raten, dass man solche Bücher am besten nicht mal ignoriert. Ignoriert wird es bislang jedenfalls von den an Trivialia sonst selten abgeneigten Bild und RTL, was damit zusammenhängen mag, dass nicht nur deren Quotenbringer Dieter Bohlen Unerfreuliches über sich lesen muss, sondern auch verantwortliche Medienmanager nicht eben gut im Buch wegkommen.

Immerhin, auf Amazon wurde das Buch bereits rezensiert und erhielt beachtliche fünf Sterne. Ein gewisser Gerd Graf Bernadotte (New York) nennt das Werk in einem dort eingestellten Video http://www.amazon.de/BOHLENCODE-Wahrheit-Gerd-Graf-Bernadotte/dp/3000360654 einen „Medien-Tsunami, der über Deutschland ziehen wird“. In München zumindest ist es heute noch windstill.

[Rainer Dresen, Dresen-Kolumne@freenet.de , 46, arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagsjustiziar in München auf dem Gebiet des Urheber- und Medienrechts. In seiner Freizeit schreibt er gerne selbst Juristen- und Yogabücher (Kein Alkohol für Fische unter 16; Beim ersten Om wird alles anders). Zur letzten Kolumne: Buchverbot ohne verbotenes Buch [mehr…].

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