Warum Sabine Kahl weiter Probleme für das Weihnachtsgeschäft sieht „Fünf Tage sind da aus meiner Sicht echt eine Frechheit“

Sabine Kahl, Inhaberin der Schmargendorfer Buchhandlung in Berlin, sieht das Weihnachtsgeschäft gefährdet, wenn es bei den derzeit extrem langen Laufzeiten von Zeitfracht – Lieferungen bleibt. Das hatte sie in dieser Woche hier auf buchmarkt.de deutlich angeprangert. Auch die schnelle Antwort von Zeitfracht befriedigt sie nicht: Was sie nervt und wo sie weiter die Gefahren für das Weihnachtsgeschäft sieht, das war Anlass für unser heutiges Sonntags Gespräch:

Sabine Kahl: „Der stationäre Handel macht noch immer mehr als 40% des Gesamtumsatzes aus.Ich denke, das ist eine Größenordnung, die sollte man hegen und pflegen“

Sabine, Du hast deutliche Worte gefunden und Zeitfracht hat sofort geantwortet. Zufrieden?

Sabine Kahl: Nein, diese Entgegnung von Zeitfracht ist ein klassischer Fall von Presse-Sprech – nett formuliert, aber viel bla-bla. Die Umstände meiner reklamierten Bestellungen sind mir selber sehr genau geläufig, ich weiß exakt, wann ich bestellt habe und wann die Lieferung an der Rampe an den Bücherwagendienst booxpress übergeben worden ist.

Aus Deiner vorigen Tätigkeit als Geschäftsführerin der Vereinigten Berliner Medien Vertriebsgesellschaft  kennst Du die Abläufe einer Auslieferung …

… deswegen finde ich es erschütternd, dass eine Verlagsauslieferung in dieser Entgegnung gar keine Scham hat, selber zu schreiben, dass sie für das Kommissionieren meiner Bestellung schlappe fünf Arbeitstage gebraucht hat. Leider ist an dieser Stelle mein Wissen aus der Vergangenheit sofort parat: Gleichzeitig mit der Rechnung wird ein Packzettel produziert, der in aller Regel Wege-optimiert ist. Es hat sich bei meiner reklamierten Bestellung nicht um Novitäten gehandelt, und nicht lieferbare Titel werden auf dem Packzettel gar nicht erst angedruckt, ist es also das ganz stinknormale Tagesgeschäft einer Verlagsauslieferung, diese Ware zusammenzutragen und zu verpacken. Fünf Tage sind da aus meiner Sicht echt eine Frechheit. Nicht umsonst sind alle Verlage entsprechend genervt.

Das kannst Du belegen?

Ich kann jederzeit die Ordner öffnen und bündelweise Belege vorziehen, aus denen vergleichbare Laufzeiten von Bestellungen bei Zeitfracht-Verlagen nachvollziehbar sind. Ruf doch mal Verlage wie dtv und Suhrkamp an und lass Dir von den dort Verantwortlichen den Stand der Dinge schildern. Ich kann übrigens gleichzeitig auch bündelweise Belege aus anderen Auslieferungen wie z.B. der VVA vorlegen, die sehr viel kürzere, ich möchte fast sagen „normale“ Laufzeiten haben. Noch schlimmer als Zeitfracht ist eigentlich nur noch die LKG und auch dort nur bei einzelnen Verlagen, die inzwischen die Reißleine gezogen haben und zum Jahresende die Auslieferung wechseln werden.

Du hattest du vermutet, dass die Arbeitsabläufe in der Auslieferung unrund laufen, weil  Controller vorbeugend Personal eingespart hätten. Kann es nicht auch an den Laufzeiten der Bücherdienste liegen?

Die Bücherwagendienste können nur abarbeiten, was die Auslieferungen ihnen avisieren. Wenn da überraschend an einem Tag riesige Volumina zu bewältigen sind, führt das diese Dienstleister auch schon mal an ihre Grenzen. Aber wie armselig in der Zeitfracht-Darstellung, den eigenen Bücherwagendienst leise aus dem Feuer nehmen zu wollen. Vielleicht spielt sich hier aber auch unbemerkt ein kleiner Kampf zwischen den beiden Bücherwagendiensten ab.

Wie könnte der ausgetragen werden?

Oh, dem eigenen übergebe ich die Ware schneller und vollständiger als dem Mitbewerber. Keine Ahnung, aber möglich wär’s. Aber so etwas will ich mir lieber gar nicht erst vorstellen.

Zeitfracht beklagt in ihrer Antwort fehlende Planbarkeit und Bündelung des Bestellaufkommens…

Und was heißt das? Was plant man denn da? Novitätenauslieferungen kann ich planen und terminieren, aber Tagesgeschäft heißt Tagesgeschäft, weil es eben von einem auf den anderen Tag stattfindet. So wie das in meiner Buchhandlung auch der Fall ist: Ob da vormittags fünf, fünfzehn oder fünfzig Kunden reinkommen und in welchem zeitlichen Abstand die Tür sich öffnet, kann ich nicht planen, aber dafür muss ich gerüstet sein.  Und wenn ich feststelle, dass vormittags wochenlang gar niemand kommt muss ich trotzdem dafür sorgen, dass der Laden morgens zur gewohnten Zeit öffnet und Kunden bedient werden können. So einfach ist das.

Ist das die Denke von Controllern, die auch in unserer Branche immer mehr die Macht ergreifen?

Ich glaube, das hat alles mit den Auswirkungen der Pandemie nur insofern zu tun, als die Verlagsauslieferungen während der lockdown-Phasen in den meisten Bundesländern natürlich wirklich erheblich weniger Geschäft mit dem stationären Handel hatten, dafür aber viel kleinteiliges Geschäft für die online-shops der Barsortiments-Mandanten. Und wahrscheinlich auch die shops der Verlage stärker bedienen mussten. Es leuchtet mir ein, dass da Anpassungen bzw. personelle Umschichtungen erforderlich waren, aber vor diesen Herausforderungen standen alle! Nur haben es die einen offenbar besser gelöst als die anderen.

Für den stationären Handel ist die verlässliche Belieferung ein wichtiger Faktor.

Aus der Darstellung von Stephan Schierke im letzten Börsenblatt kann man ja sehr schön ablesen, dass der stationäre Handel noch immer mehr als 40% des Gesamtumsatzes ausmacht, ich denke, das ist eine Größenordnung, die sollte man hegen und pflegen. Und dabei nicht vergessen, dass Grosskunden wie Amazon zu Beginn der Pandemie mal eben das Disponieren ausgesetzt haben, weil Klopapier und Haushaltsartikel gerade besser liefen.

Während der klassische stationäre Buchhandel wie auch Deine Buchhandlung funktioniert hat … 

… und selbstverständlich habe ich trotzdem auch auf die Gesundheit meiner Mitarbeiterinnen geachtet – riesige Luftfiltergeräte, Masken in allen Farben und Formen, Covid-Schnelltests für die gesamte Familie, Hygienemittel-Spender an Eingang und allen Waschbecken – alles war da und wir haben sogar den Totalausfall von einer Vollzeit-Arbeitskraft ( entspricht 25%)  im gesamten 2. Halbjahr zusätzlich geschultert. Hat kein Kunde bemerken müssen.

Zeitfracht macht Dich auf neue technischen Vereinfachungen aufmerksam …

… denken die, ich wäre blöd? Den elektronischen Lieferschein setze ich seit fünf Jahren ein. Aber leider lässt sich ein ELS nur vollständig buchen, heißt, eine Teil-Lieferung kann ich nicht ins WWS übernehmen. Da muss die Ware dann stehenbleiben, bis der letzte Rest des ELS im Haus ist.

Was wird jetzt also? 

Gespannt bin ich nur auf den Vorschlag der Wannenbelieferung – das wäre wirklich mein Traum und allen Ärger dieser Tage wert: Wenn Zeitfracht endlich die LIBRI-Wanne verarbeiten könnte und mir damit das Elend der Pappen erspart bliebe. Im Hinblick auf die allseits beklagten fehlenden Materialien wäre doch jetzt der richtige Moment, endlich einvernehmlich stärker auf die wiederverwertbaren Wannen zu setzen. Ich warte sehnsüchtig auf den avisierten Anruf!

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Kommentare (1)
  1. Von den 14 Tagen bleiben 5 Tage zu Lasten der Verlagsauslieferung. Alles nur blabla oder was? Ich würde mal lesen, dass Frau Kahl sich hier in ähnlich öffentlicher Weise über ihren Frachtführer beschwert.

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