Börsenverein Resümee: Gestern 1. Branchenparlament des Börsenvereins in Frankfurt

Erstmals tagte in Frankfurt das 1. Branchenparlament des Börsenvereins.

Parlamentsvorsitzender Heinrich Riethmüller, gleichzeitig Vorsitzender des Sortimenter-Ausschusses, eröffnete die Veranstaltung, die als ein Modul innerhalb der Verbandsreform den offensiven Austausch zwischen den drei Sparten sichern soll.

Das Parlament umfasst 63 stimmberechtigte Mitglieder, mehr als die Hälfte war heute anwesend. Zur Reform gehört ebenfalls der Wegfall vieler Regularien. Außerdem sind Vorstand und Vorsteher dem Branchenparlament nicht mehr rechenschaftspflichtig. Mehr Wert soll auf den gegenseitigen Austausch der Sparten und die Erarbeitung von Empfehlungen an den Vorstand des Börsenvereins gelegt werden, so soll die Verbandsdemokratie gestärkt werden.

Im heutigen Parlament wurden drei Themenblöcke behandelt:

1. Buchmarkt 2020: Szenarien für die Zukunft
2. Beitragsgerechtigkeit
3. Preisbindung

Heinrich Riethmüller, Alexander Skipis

Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis führte in die Zukunftsszenarien ein. Vor 550 Jahren habe die erste große Revolution – die Erfindung des Buchdrucks – stattgefunden, gegenwärtig befänden wir uns mitten in einer zweiten: der dramatischen Veränderung der Medienlandschaft durch das Internet. Daraus müsse die Branche entsprechende Schlussfolgerungen ziehen, um den Anschluss nicht zu verpassen: Sie muss sich also gut auf die Zukunft vorbereiten und die richtigen Entscheidungen treffen. Dem gehe, so Skipis, eine Analyse der Gegenwart voraus.

Joop de Vries, Michael Schipperges

Michael Schipperges von Sinus Sociovision erläuterte in einer Präsentation drei Szenarien für die künftige Entwicklung der Gesellschaft. Diese soziokulturelle Expertise soll eine Orientierung für die Zukunft bieten. Das Unternehmen ist nicht das erste Mal für den Börsenverein tätig, kennt also die besondere Situation des Spartenverbandes.

Schipperges erläuterte zunächst die Ansätz für die Expertise. Sie geht von Marktpsychologie, Zielgruppenforschung sowie Trend- und Zukunftsforschung aus. Die Herangehensweise belegte der Referent mit Beispielen.

Joop de Vries legte die drei Szenarien im Einzelnen dar:
1. Free is fair
2. Shared destiny
3. Metamorphosis

Verkürzt dargestellt, geht es im 1. Szenario um Erfolg und Leistung des Einzelnen, um Konkurrenz aller gegen alle. Das 2. Szenario beinhaltet Wertorientierung und Übernahme von Verantwortung unter stärkerer Einbeziehung der Politik. Im 3. geht es um die alles umfassende und alles durchdringende Information; hier entsteht eine Wissensgesellschaft, die schließlich nationale Grenzen überwindet.

Was ergibt sich daraus für die Branche? Free is fair bedeutet für sie ausschließlich die Ausrichtung auf kommerziellen Erfolg. Hier wird Marketing immer breiteren Raum einnehmen. Shared destiny versteht die Buchbranche als wichtigen Bestandteil des kulturellen und geistigen Erbes, Buchhändler sind gesellschaftlich anerkannte Institutionen. Methamorphosis schließlich stellt die interaktiven Kundenbeziehungen in den Mittelpunkt, ohne vorherzusagen, wie damit Geld verdient wird und von wem. Eine Abgrenzung der Bücherwelt von anderen Medien wird es – so de Vries – nicht mehr geben.

Umfragen von Sinus Sociovision machen deutlich, dass gegenwärtig das 2. Szenario – Shared destiny – am populärsten ist. Doch die Realität zeigt, dass auch die beiden anderen Modelle in Zukunft wichtig sind. Daher kann die Empfehlung nur sein, sich auf alle drei Aspekte vorzubereiten.

Das heißt ganz konkret, so der Redner, das Internet verstärkt für die eigene Branche zu nutzen, das Buch als kulturelles Erbe wirksamer in der Öffentlichkeit zu positionieren und andere Technologien auszuloten, um den Anschluss an veränderte Mediengewohnheiten nicht zu verpassen.

Dieser Vortrag provozierte eine sehr kontroverse Diskussion. Die Frage nach klareren Hinweisen für die Branche wurde ebenso laut wie die Forderung nach größerer Tiefe bei der Analyse, um besser Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können. So konnte – wie Schipperges betonte – diese Präsentation nur einen Orientierungsrahmen für eine weitere Diskussion bieten.

Auch am Thema Beitragsgerechtigkeit schieden sich die Geister. Recht einhellig wurde allerdings mehr Transparenz in der Leistungsbreite des Börsenvereins gefordert, eine entsprechende Mappe war schon vorbereitet. Außerdem sollten zusätzliche Aktivitäten für die Mitglieder in den unteren Beitragsgruppen aufgezeigt werden.

Elisabeth Ruge

Elisabeth Ruge, Verlegerin des Berlin Verlags, machte auf die schwache Resonanz des Themas Preisbindung in der Öffentlichkeit aufmerksam. So sei der Fall der Preisbindung in der Schweiz außerhalb der Branche eigentlich kaum wahrgenommen worden.

Am Beispiel England erläuterte sie noch einmal die Folgen aufgehobener Preisbindung und vermittelte ein recht düsteres Bild. Von Sortimentsvielfalt sei da nicht mehr viel zu spüren, von Engagement der Buchhändler ebenfalls nicht, seit die Bücher auch in den Regalen der Supermärkte stehen. Sie warnte vor einem Schweizer Weg, denn mit einer abwartenden Haltung gegenüber der Preisbindung könne es in der Buchbranche zu irreparablen Schäden kommen. Ebenfalls für die Preisbindung sprachen sich der Rostocker Buchhändler Manfred Keiper und Umbreit-Chef Thomas Bez aus.

Am Ende dieses ersten Branchenparlaments wurden Empfehlungen an den Vorstand des Börsenvereins ausgesprochen. So soll der Börsenverein die Buchpreisbindung offensiv verteidigen. Das Branchenparlament bestärkte alle, die entsprechenden Gesetze einzuhalten. Verstöße sollen in weit stärkerem Maße als bisher öffentlich gemacht werden.

Gegenüber der Schweiz wird empfohlen, alle deutschsprachigen Titel, die dort verkauft werden, mit einem UVP in Schweizer Franken auszuzeichnen, der über alle Handelsstufen kommuniziert werden soll.

Hinsichtlich der Gewerbesteuerreform – so das Branchenparlament – wird ein Antrag an das entsprechende Gremium ergehen, in dem gefordert wird, die Belastungen der Verlage durch Autoren- und Lizenzhonorare zu verringern.

JF

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