Birgit Schmitz zum Konzept ihrer TOC-Letterpress: „Das macht auf dieser Welt – so weit mir bekannt ist – niemand sonst“

Birgit Schmitz, Erik Spiekermann,  Susanna Dulkinys und  Irene Dische haben in Berlin den Verlag TOC Publishing gegründet. Ihre Ausgangsidee: „Die besten Bücher der Gegenwart in der bestmöglichen Qualität zu verlegen“. Ganz schön mutig in diesen Zeiten – und damit Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit Birgit Schmitz:

Erik Spiekermann, Susanna Dulkinys und Birgit Schmitz in ihrer TOC -Letterpress (v. l.): „Es gibt ein Publikum für wirklich schöne Bücher, in limitierten und signierten Ausgaben  –für die Leser*innen von heute“

Woher nehmen Sie in diesen Zeiten den Mut, einen Verlag zu gründen…?

Birgit Schmitz: Als wir zum ersten Mal über die Idee zu THE OTHER COLLECTION gesprochen haben, gab es noch keine Pandemie. Was wir aber damals schon wussten, war: Es gibt ein Publikum für wirklich schöne Bücher, in limitierten und signierten Ausgaben  –für die Leser*innen von heute.

Basiert der Mut auch auf dem Team um Sie herum?

Das Team ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht der Schlüssel. Da sind Erik Spiekermann und Susanna Dulkinys, die seit vielen Jahren in ihrer Werkstatt p98a Erfahrung damit haben, wie man Letterpress im 21. Jahrhundert machen kann. Also, nicht mit Bleibuchstaben, sondern über ein hochtechnisiertes Verfahren, bei dem digitale Daten auf Polymerplatten übertragen und die dann für den Druck in eine Original Heidelberger Zylinderpresse gespannt werden. Das Ergebnis ist die bestmögliche Druckqualität. Für diese Arbeit gibt es kein Handbuch, sondern man muss auf Leute mit handwerklichem Können zurückgreifen, Leute, die Lust daran haben, Dinge auszuprobieren und fortwährend zu verbessern. Ohne unseren Drucker Daniel Klotz von Die Lettertypen in Berlin-Adlershof würden wir es sicher nicht schaffen, für den nächsten Umschlag den perfekten Goldton aufs Papier zu zaubern, den wir gerne haben möchten. Im Umfeld gibt es viele dieser Menschen, die geholfen haben, dass TOC Bücher so gut werden und so toll aussehen. Die Website hat Susanna gestaltet, die Fotos kommen von Norman Posselt, der auf Produktfotografie spezialisiert ist und am Schreibtisch neben mir sitzt. Wenn man ein solches Umfeld hat, stellt sich nicht die Frage nach dem Mut, sondern dass man sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen kann.

Wie sind Sie denn zusammen gekommen?

Irene Dische kenne ich über meine Arbeit bei Hoffmann & Campe und wie viele Autor*innen heute ist sie nicht immer der mit Zusammenarbeit mit Publikumsverlagen zufrieden, sucht nach neuen Wegen mutige, besondere Texte zu verlegen. Erik und Susanna habe ich über eine fixe Idee von mir kennengelernt. Ich überlegte damals, dass doch eigentlich der Buchstabe, die kleinste Einheit der Literatur ist und begann mich für Typographie zu interessieren. Dann ist es nur ein kleiner Schritt und man stößt auf einen der weltbesten Typographen: Erik Spiekermann. Uns alle eint die Liebe zum Buch, zur Literatur und natürlich zu den schönen Dingen. Ich entdecke gerade meine Liebe zum Handwerk.

Vorhin habe ich nach Mut gefragt, aber jetzt auch die banale  Frage, woher kommt das Geld? 

Von einem Investor.

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Und wann kann man mit den ersten Bücher rechnen?

Das erste Buch ist bereits erschienen: Deborah Levys “The Cost of Living”, in einer limitierten Auflage, signiert von der Autorin und mit 14 exklusiven Illustrationen. Am zweiten Buch arbeiten wir gerade. Aktuell warten wir darauf, dass Chimamanda Ngozi Adichie in Lagos die Signierseiten zugestellt werden. Verschicken ist in der Pandemie die größte Herausforderung. Ansonsten verhandeln wir gerade über einige Rechte und werden bald weitere Bücher ankündigen.

Und was wird das Besondere an TOC sein?

Wie oben beschrieben die einzigartige Qualität und Technik, mit der die Bücher gedruckt werden. Das macht auf dieser Welt – so weit mir bekannt ist – niemand sonst. Aber da ist noch mehr. Es geht uns bei allen Diskussion um Klarheit und Orientierung. Klarheit im Design, klare Entscheidungen für Nachhaltigkeit – also, Partner, die in Deutschland nachhaltig produzieren und einen ähnlichen Ethos haben, was Qualität und Schönheit angeht. Es geht auch um Orientierung für die Leser*innen, die eine Auswahl an Bücher zu bekommen, die etwas mit ihrem Leben zu tun haben, die helfen die Gegenwart besser zu verstehen. Das ist der Anspruch und der kann ganz unterschiedlich eingelöst werden. Und natürlich helfen TOC Bücher auch, sich in Zeiten der Bücherüberproduktion zu orientieren. Wir machen also keine Saisonware, denken nicht in einem “starken Herbstprogramm”, was ich immer schon für eine Sicht der Verlage gehalten habe und nicht so sehr der Leser*innen.

Sie sagen, denken nicht mehr in Programmen, was heißt das?

Jeden Monat erscheint ein Buch, dem wir unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. Da die Bücher bereits in anderen Ausgaben erschienen sind, arbeiten wir nicht für ein kurzes Aufflackern von Aufmerksamkeit, sondern wir sind an langfristigen Verbindungen interessiert, mit unseren Autor*innen, den Leser*innen, aber auch mit den Buchhandlungen. Wer sich für eine TOC-Subskription entscheidet, baut eine Bibliothek auf, sammelt die wichtigsten Bücher der Gegenwart und kann sie dann eines Tages den Kindern oder Enkelkindern vermachen. Wer Bücher auf diese Art liebt, verdient unsere ganze Aufmerksamkeit und wir haben die Möglichkeit, auch Wünsche zu berücksichtigen. Das ist das Gute an ehrlicher Handarbeit.

Sie sind sehr überzeugt sein von Ihrem Konzept …

… ja, das stimmt. Als wir uns gefragt haben, ob wir wegen der Pandemie etwas ändern sollte, war die Antwort: Nein. Wir konnten die ruhigen Monate nutzen, das Konzept auf Herz und Nieren zu überprüfen und haben mit vielen Leuten gesprochen. Immer war das Feedback positiv, auch jetzt mit dem ersten Buch. Die Bücher kann man einzeln auf der Website bestellen und gerade ist jeder Kauf “proof-of-concept” aber auch Unterstützung für einen unabhängigen Verlag, der etwas ganz Neues probiert.  Verschickt wird das Buch in Pergamin eingeschlagen und einem besonderen Geschenkkarton — das gehört für uns alles zusammen. Wir erklären auch im Buch selbst, warum wir uns für den Text entschieden haben oder welche Schriften benutzt werden. Bei Levy gibt es besondere Details, die sich aus dem Text ergeben haben: kleine Eulen ersetzten die sonst üblichen Sternchen zwischen den Absätzen. Sobald die Leute, das Buch in Händen halten, verstehen sie sofort, worum es geht und entscheiden sich inzwischen auch für eine Subskription. Das ist das beste “proof-of-concept”.

Kreativität lebt auch vom der gegenseitigen Inspiration im Team…. wie finden sie sich derzeit zusammen und wer macht was?

Es wird viel telefoniert und geschrieben, auch Zoom-Meetings, wenn es sein muss. Aber die Werkstatt p98a, wo der Verlag sein zu Hause hat, ist der eigentliche Treffpunkt, wo wir uns über die Andrucke beugen und Material aussuchen und an den Druckmaschinen Sachen ausprobieren. Für mich eine ganz neue Form der Arbeit, die große Freude macht.

Das heißt

… die Aufgaben sind verteilt, aber letztlich brauchen wir uns immer gegenseitig. Erik kümmert sich um Satz und Typographie, Susanna als Creative Director um den Gesamtauftritt, Irene und ich diskutieren das Programm und alles, was daran hängt. Daniel Klotz organisiert die gesamte Herstellung der Bücher, kümmert sich um Papier, Farben, Kartons, was man halt so braucht. Die Mitarbeiter*innen bei p98a sind auch super, helfen bei allen möglichen Dingen und haben zuletzt die Verlags-Präsentation aufgebaut, die wir gerade bei Dussmann in Berlin zeigen.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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