Frauke Bahle und Joe Schneidmadl über ihr Vogelschiss-Projekt »Es reicht nicht, die AfD nicht zu wählen«

Ab 15. Juli ist Vogelschiss lieferbar – eine Graphic Novel, die im Vorfeld der Bundestagswahl am 26. September mit dem Mittel der Satire dazu aufruft, sich gegen rechtsradikale Politik zu engagieren. Ein Interview mit Frauke Bahle und Joe Schneidmadl von Guano Project:

Joe Schneidmadl und Frauke Bahle: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern“

 

Sie wollen mit Ihrem Projekt die Bundestagswahl beeinflussen. Haben Sie sich da nicht ein bisschen viel vorgenommen?

Joe Schneidmadl: Klar! Aber was spricht dagegen, sich viel vorzunehmen? „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ Mit diesem Zitat von Erich Kästner endet nicht ohne Grund unsere Geschichte. Wir nehmen das persönlich und legen das Motto auch allen Leserinnen und Lesern ans Herz. Rechtsextremismus ist eine Gefahr für jede Gesellschaft und die AfD ist eine Gefahr für unser Land. 

Um was geht es in Ihrer Geschichte?

Frauke Bahle: Es ist eine satirische Abenteuergeschichte. Unsere Heldin Eleni ist alleinerziehende Mutter und hat ordentlich damit zu tun, ihren Alltag zu wuppen. Von Politik will sie eigentlich nichts wissen. Aber dann erschießt in ihrer unmittelbaren Nähe ein Attentäter aus rassistischen Motiven neun Menschen. Als sie mitbekommt, wie Rechtsextreme dem Attentäter huldigen, wie Politiker vom rechten Rand des Parteienspektrums den Anschlag relativieren, will sie nicht länger untätig bleiben. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn Rudi beginnt sie, der AfD in die Wahlkampf-Suppe zu spucken. Davon bekommt die rechte Szene Wind und es wird brenzlig für die zwei. 

An wen richtet sich Ihre Graphic Novel?

Rechtsextremisten werden wir eher nicht bekehren. Aber die, die glauben, dass das alles halb so wild ist mit der AfD, die können wir erreichen. Vielleicht bringen wir Protestwähler zum Grübeln und aktivieren ein paar Nichtwähler. Und die vielen Menschen, die weder im Rechtsextremismus, noch im Rechtspopulismus eine Alternative für Deutschland sehen, die werden natürlich ganz besonderen Spaß beim Lesen haben.

Hat sich die AfD inzwischen nicht hinreichend als rechtsradikal demaskiert? Damit sagt man doch kaum jemandem mehr etwas Neues.

Joe Schneidmadl: Das stimmt, aber vielen scheint das Ausmaß nicht klar zu sein. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, dass vier von zehn AfD-Wählern nicht rechtsradikal sind, nicht mal latent. Und trotzdem wählen sie diese Partei, viele weil sie mit der jetzigen Regierung unzufrieden sind. Solchen „Denkzettel-Verteilern“ wollen wir klarmachen, dass sie damit eine rechtsextreme Bewegung unterstützen – und wir wissen ja, wohin das führt.

Frauke Bahle: Wir haben viel recherchiert für unser Buch und sind auf unfassbar radikale Aussagen von AfD-Politikern gestoßen. Wenn wir solche Aussagen in Diskussionen im Bekanntenkreis zitieren, ernten wir oft genug ungläubiges Staunen. Hinzu kommt der Gewöhnungseffekt: Alice Weidel spricht von messerstechenden Migranten und Kopftuchmädchen, alle regen sich auf und kurze Zeit später Schulterzucken. Ist halt die AfD, kann man nichts machen. Doch, kann man. Muss man, sonst fährt die Partei bei der Bundestagswahl zehn Prozent ein, das prognostizieren aktuelle Umfragen. Und in manchen Landtagswahlen wird es noch mehr sein.

Sie haben rechtsradikale Zitate in die Geschichte eingebaut. Geben Sie rechten Politikern und Akteuren dadurch nicht eine Bühne? 

Joe Schneidmadl: Die Frage hören wir öfter. Aber es ist doch so: Die AfD verschiebt die Grenzen des Sagbaren, ein Spruch wie der mit dem Vogelschiss wäre in den 1980er-Jahren völlig undenkbar gewesen. Wenn wir nicht wollen, dass die Schmähungen, Drohungen und die Demagogie nach kurzer allgemeiner Empörung vergessen werden, dann müssen wir sie schriftlich festhalten. Und immer wieder hervorziehen, um zu zeigen, für was diese Partei steht. Daher haben wir über 100 Original-Zitate in die Geschichte eingewoben.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, bei so einem ernsten Thema eine satirische Graphic Novel und kein Sachbuch  vorzulegen?

Frauke Bahle: Mit Satire kann man Dinge wunderbar überspitzt auf den Punkt bringen. Das macht Spaß und ist lustig, auch wenn einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt. Dass sich Autoren ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, ist wichtig. Aber mit Humor erreicht man noch mal andere Menschen. 

Sie sind bisher nicht als Autoren in Erscheinung getreten. Was war der Auslöser für dieses Buch?

Joe Schneidmadl: Wir haben hier in Freiburg zwei AfD-Stadträte, einer davon ist Dubravko Mandic, der mit seinen sexistischen und rechtsradikalen Aussagen kaum zu toppen ist. Das hat zu Diskussionen in unserem Umfeld geführt. Erschreckt hat mich, wie oft das Argument kam, man müsse solche Haltungen tolerieren, schließlich sei die AfD eine demokratisch gewählte Partei. Was dabei vergessen wird: Toleranz braucht einen Standpunkt und sie hat Grenzen. Alles andere ist Ignoranz oder schlicht Bequemlichkeit. Manche wollen öffentlich nicht Position beziehen, weil sie Angst vor beruflichen Nachteilen oder einem Shitstorm in den Sozialen Medien haben. So weit sind wir schon!

Warum sind Sie mit der Idee nicht bei einem einschlägigen Verlag vorstellig geworden? 

Frauke Bahle: Ein Verlag hätte uns natürlich viel Arbeit erspart. Aber unsere Idee war erst spruchreif, als es für die normalen Verlagsabläufe viel zu spät war. Im vergangenen Oktober entstand die Idee, bis Weihnachten hatten wir ein grobes Konzept, das wir im Team verfeinert und in Bilder umgesetzt haben. Dann hat Julian Waldvogel bis kurz vor Druckdatenabgabe Anfang Juni im Akkord gezeichnet und ich habe an den Dialogen gefeilt. Ich denke, mit einem größeren Verlag hätte das so nicht geklappt, jedenfalls nicht rechtzeitig zur Bundestagswahl. Vielleicht war auch eine Spur Wahnsinn dabei, selbst verlegerisch tätig werden zu wollen. Aber nach zwei Jahrzehnten Arbeit als freie Redakteurin und Übersetzerin habe ich die Branche noch mal ganz anders kennengelernt. Das war die harte Tour, hat aber super viel Spaß gemacht.

Beispielseite aus Vogelschiss: „Vier Jahre mit der AfD im Bundestag haben unserer Gesellschaft irre geschadet. Diffamierung, Hetze, Beleidigungen sind seither an der Tagesordnung“ (Durch Klick auf Abbildung mehr Infos)

Sie haben das Projekt über Crowdfunding mitfinanziert. Hat die Kampagne das gewünschte Ergebnis gebracht?

Joe Schneidmadl: Mehr als das: Sie hat alle unsere Erwartungen übertroffen. Über 800 Bücher haben wir innerhalb von sechs Wochen verkauft – wenn man bedenkt, dass man beim Crowdfunding die Katze im Sack kauft, ist das irre viel. Am Anfang waren es viele Freunde und Bekannte, dann kamen Anzeigen in der TAZ, ein Artikel in der Badischen Zeitung, ein Beitrag in Baden TV, Radiointerviews – die Kampagne wurde zum Selbstläufer. Das zeigt, dass wir mit dem Thema und dem Medium einen Nerv getroffen haben und das erfüllt mich mit Optimismus.

Noch mal zu den Protagonisten Rudi und Eleni, was sind das für Menschen?

Wir haben zwei Charaktere erfunden, wie man sie überall antreffen kann: Eleni ist eher emotional, sie steht etwas unter Druck durch ihren Ex und ihren Vater. Sie ist schnell auf 180 und neigt zum Aktionismus. Rudi ist ein klassischer Linker, er doziert gerne und weiß genau, wo er steht. Aber er hat den Worten bisher keine Taten folgen lassen. Zwei typische Motive, politisch nicht aktiv zu werden. Der Anschlag in ihrer Nachbarschaft rüttelt die zwei auf.

Wie viel von Ihnen beiden steckt in diesen Figuren und in der Geschichte?

Frauke Bahle: Eine ganze Menge, auch wenn natürlich das meiste frei erfunden ist. Wir sind beide immer schon politisch interessiert, aber so richtig aktiv wurden wir erst, als in unserem direkten Umfeld die Kontroversen losgingen rund um die sexistischen Äußerungen von Mandic. Ich bin eher emotional/kreativ und wenn mich etwas ärgert, dann treffen Sie mich schnell ganz oben auf der Palme an. Joe ist strukturiert, zielstrebig und bringt die Dinge auf den Punkt. Und wie Eleni und Rudi haben wir eine Message. 

Welche?

Joe Schneidmadl: Mit der AfD sitzt das erste Mal seit 1945 eine mehrheitlich rechtsradikale Partei im Bundestag. Die AfD spaltet durch permanente Provokationen und Hetze die Gesellschaft, polarisiert und schafft Feinbilder. Sie opfert bewusst den Zusammenhalt der Gesellschaft für ihre machtpolitischen Spielchen. Und leider fallen – mal wieder – viel zu viele Menschen auf dieses perfide Spiel herein. Und weil Feuer immer neue Nahrung braucht, werden die Positionen immer radikaler, das sieht inzwischen zum Glück auch der Verfassungsschutz so. 

Das ist eine faktische Feststellung, aber noch keine politische Botschaft.

Frauke Bahle: Aber genau darum geht es: Festzustellen, dass die AfD keine demokratische Partei, sondern eine rechtsextreme Bewegung ist. Vier Jahre mit der AfD im Bundestag haben unserer Gesellschaft irre geschadet. Diffamierung, Hetze, Beleidigungen sind seither an der Tagesordnung. Die AfD bedroht unsere demokratische Grundordnung. Es reicht nicht, die AfD nicht zu wählen. Es ist höchste Zeit, öffentlich Stellung zu beziehen, sich einzumischen und zu engagieren, damit Rechtsextremismus keine Zukunft hat.

Wer steht noch hinter Guano Project?

Joe Schneidmadl: Am Projekt beteiligt sind außer uns drei weitere Menschen. Da ist zu allererst Julian Waldvogel, unser Illustrator. Als klar wurde, dass uns die Zeit davonrennt, haben wir Vincent Beck für das Coloring engagiert. Verena Nunn hat als Artdirectrice die Produktion koordiniert. Text und Konzept stammen von uns und wir sind es auch, die dafür sorgen, dass das Buch seine Leser und Leserinnen findet.

Was wünschen Sie sich, das der Buchhandel für Sie tun kann?

Frauke Bahle: Dass unser Buch, gerne zusammen mit weiterer politischer Literatur, rechtzeitig zur Bundestagswahl gut präsentiert wird. Buchhandlungen sind ja Orte, die den Diskurs im Land anregen.

Was wäre für Sie der schönste denkbare Erfolg mit Vogelschiss?

Na, eine schnell verkaufte erste Auflage natürlich. Dadurch angeregt viele öffentliche und private Diskussionen um rechtsradikale Politik und schließlich unter fünf Prozent für die AfD in der Bundestagswahl und allen anstehenden Landtagswahlen.

Die Fragen stellte Ulrich Störiko-Blume

Kommentare (1)
  1. All den Machern ein großes Kompliment und ein großes Dankeschön aller Demokraten! Und danke auch für das gute und ausführliche Gespräch.
    Die sog. AfD als Sammelbecken für alle Rechtsradikalen und im Deckmantel der scheinbaren Demokraten ist brandgefährlich, weil sie suggeriert, weil nicht verboten eine ‚richtige‘ demokratische Partei zu sein. Dabei ist sie in Wirklichkeit, wie die Macher des Buches es auch richtig sehen, eine ‚Bewegung‘, deren Ziel es ist, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu unterwandern und letztlich zu zerstören. Das ist nicht neu – das hatten wir schon mal!
    Und es gibt keine guten und keine schlechten AfDler – jede/r, der da mitmarschiert, muss sich an dem messen lassen, was die Rädelsführer Gauland, Höcke, Weidel, Brandner und wie die Schreier alle heißen so an Weisheiten absondern.
    Man stelle sich den Aufschrei an der ‚Parteispitze‘ einmal vor, würde man Frau Weidel als „unerträgliche Lesbe mit Schweizer Wohnsitz“ bezeichnen! Im Austeilen ganz groß, aber selbst sensibel-dünnhäutig!
    Wehret den Anfängen – dabei ist diese Bewegung schon viel zu groß, viel zu stark geworden. Und wer vor Hetzern wie Brandner immer noch Achtung hat, der hat nichts, aber auch gar nichts begriffen, aus der Geschichte nichts gelernt.
    Am 26. September ist es höchste Zeit, dieser sog. AfD einen Denkzettel zu verpassen und sie mächtig unter die 5-Prozent-Hürde zu drücken. Das sollten sich alle bisherigen Protestwähler dieser ‚Partei‘ ganz fest vornehmen!
    Dieter Klug, Wolfratshausen

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