Runde Geburtstage Viktor Niemann (80)

Viktor Niemann wird heute 80 Jahre alt. Martin Compart gratuliert dem Mann, der die deutschen Bonnier Verlage aufgebaut hat:

Viktor Niemann

Lieber Viktor!

Nicht zu fassen: Du bist jetzt 80 – und ich soeben aus der Pubertät direkt in die Rente. Dabei war es doch erst gestern, als Du mich 1982 zu Ullstein geholt und die völlig verschnarchte Branche aufgemischt hast (bis Dir die Springer-Lemuren auf der Zielgerade mit der Fleissner-Fusion von hinten in die Kniekehle geschossen haben. Dass Du später Ullstein zurück nach Berlin geholt hast, war für viele eine Genugtuung). Ich verdanke Dir die besten Jahre in der Branche. Du gabst mir die Gelegenheit neue Reihen zu entwickeln und durchzusetzen. Für Argumente und Experimente warst Du immer offen: Als ich bei der Krimi-Reihen-Reform ungekürzte Übersetzungen und den damals geradezu unsittlichen Ladenpreis von 9,80 DM vorschlug, sagtest Du: „Probieren wir es aus.“ Natürlich kopierten anschließend die Konkurrenten auch das.

Du hattest mich zum jüngsten Herausgeber in der Branche gemacht, und das ist mir mental nicht (immer) gut bekommen. Eine Zeitlang schautest Du mit geradezu väterlicher Milde zu, wenn ich großmäulig herumlief und so hirntote Apercus von mir gab wie „Schlechte Laune darf man nur an Vorgesetzten auslassen“. Der schnelle Erfolg kultivierte in mir eine sich selbst abwertende Großspurigkeit.

Irgendwann ist Dir der Geduldsfaden gerissen und brachte mir deine gerechtfertigte, längst überfällige fristlose Kündigung ein. Als Mitglied im Betriebsrat konnte ich mich vor der Vertreibung aus dem Paradies retten – aber nicht die Atmosphäre. Beleidigt besuchte ich Tanzschulen, um rudimentäre Umgangsformen abzugucken.

Und dann zeigtest Du beschämende Größe: Du warst gerade von einem US-Trip zurück und ich feierte meinen Geburtstag in der Herstellung. Unvermutet wolltest Du mit mir anstoßen. „Wir müssen nochmal reden.“ Du hast die Kündigung zurückgenommen und mich vor einem Schicksal schlimmer als der Tod bewahrt. Naja, bis zu dieser ekeligen Fusion, die uns dann ja fast alle von Ullstein vertrieben hat.

Bei Bonnier hast Du dann erst richtig losgelegt und die Verlagslandschaft bis heute geprägt. Wie kein anderer Verleger warst/bist Du für mich eine Synthese aus nötigen konservativen (kulturelle Verantwortung) und progressiven Idealen und gnadenloser ökonomischer Analyse. Diese Synthese hat oft zu Innovationen geführt und eine Epoche entscheidend mitbestimmt.

Danke – und alles erdenklich Gute!

 

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