Das Sonntagsgespräch Winfried Nonhoff darüber, warum das Bedienen kalkulierbarer Märkte jetzt nicht weiterbringt

Im Gespräch mit buchmarkt.de zeigt der scheidende Kösel-Verleger Winfried Nonhoff auf, warum die Branche angesichts der kirchenpolitischen Skandale und gesellschaftlichen Fragen tiefer ansetzen muss und die Branche jetzt Mut für ein Innovationsmarketing braucht.

Buchmarkt.de: Die Kirchenpolitik bestimmt derzeit die Diskussion und drängt viele christlich-religiöse Themen, die es auf die Bestsellerliste geschafft hatten wieder zurück. Ist das Interesse erlahmt? Finden Diskussionen jetzt in Nischen statt? Müssen Verlage wieder Kernerarbeit leisten?
Winfried Nonhoff: Ich bin immer wieder erstaunt, wie neben den aufgeheizten kirchenpolitischen Themen, die gleichsam institutionell verursacht sind, Fragestellungen der spirituellen Suche, der Daseinsbewältigung, der religiösen gesellschaftlichen Vergewisserung und nicht zuletzt auch des interreligiösen Dialogs aufflammen. Vielleicht müsste die Frage verschoben werden: Wer reagiert medial auf welche Themen? Dass Großmedien häufig an Skandalisierungen Interesse haben, liegt an der Natur der Sache. Wenn aber ein gleichsam unverdächtiges Organ wie Psychologie heute in seiner jüngsten Nummer unter dem Stichwort „Seelenfrieden“ danach fragt, wie man das Wissen der großen Religionen nutzen kann, dann zeigt das doch an, dass weiterhin ein Riesen-Orientierungsbedürfnis da ist. Oder: Dass die ZEIT sich Glauben und Zweifel in jeder Ausgabe zuwendet, ist doch ein Signal.

Hat die Kirche als Motor für Diskussionen nicht längst ausgedient, ist das die große Chance für Verlage und Buchhandel als dritte Kraft jetzt Orientierung zu bieten?
Ob diese Suche nach Orientierung sich auch kirchlich buchstabiert, ist die große und im Blick auf die Kirchen als Institutionen auch schmerzliche Frage. An vielen Krisensymptomen des gesellschaftlichen Zusammenlebens wäre unschwer zu zeigen, dass die spirituelle Aktivität von Menschen sich dann ganz gefährlich in sehr unvermuteten Ventilen äußert, wenn sie eben nicht aufgefangen, nicht gleichsam kreativ kanalisiert, vielleicht auch institutionell begleitet wird. Ein Teil der durchaus auch intellektuellen Sympathie für den Islam zum Beispiel führe ich darauf zurück, dass Menschen bis in die Feuilletons hinein bewusst oder unbewusst sich nach Klarheit, Eindeutigkeit und mehr oder weniger einsichtiger direkter Ausrichtung für Ihr Leben sehnen.

Was bedeutet das für die Arbeit der Verlage?
Verlage wie Kösel werden, wie bisher auch, Felder zu suchen haben, auf denen diese spirituell-religiöse Grundsehnsucht greifbar, in konkrete Themen überführbar und schlussendlich in Buchprojekten sichtbar gemacht werden können.

Wie äußert sich diese Grundsehnsucht?
Ich habe beste Belege dafür, dass dies weiterhin und ganz entschieden im Bereich frühkindlicher Pädagogik geschieht, um nur ein Feld zu nennen. Eltern entdecken über ihre Kinder Grenzfragen, über das Staunen und über die Freude spüren sie, dass menschliches Leben nie nur eindeutig fassbar ist. In der Angst um geschenktes kleines Leben, bekommt man ein Grundgefühl für Schutz bzw. Schutzlosigkeit. Die Bilder der Religion, durchaus auch der christlichen Religion, wirken dann kräftig und stützend, menschliche Grundsehnsüchte ausweitend und korrigierend, wenn sie diesen Sehnsüchten nach Halt, Orientierung und Schutz korrespondieren. Spannend wird es aber nur dann, wenn ich davon ausgehe, dass Religion, das auch der christliche Glaube ein Störpotential besitzt: Sehnsüchte werden zwar beantwortet, können aber auch in diesen Antworten auf ganz andere Ebenen gehoben werden.

Klingt nach einer klassischen Nische.
Ja, insoweit ist die Rede von den „Nischen“, in denen Verlage mit Religion arbeiten, die sie kreativ aufsuchen müssen, berechtigt: Wo also lässt sich eine menschliche Grundsehnsucht mit religiösen Traditionen so zusammen bringen, dass Kaufinteresse geweckt wird?

Auf welchen Feldern sollten Verlage außerdem suchen?
Mir scheint beweisbar, dass im Augenblick eine hohe Sehnsucht nach authentischen Persönlichkeiten feststellbar ist. Die Enttäuschung von vielen Menschen angesichts einer krisenhaften Welt über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die keine Wegweiser sind, ist groß. Man mag diese Haltung bedauern, vielleicht sogar für gefährlich erachten. Hinter ihr verbirgt sich ein abermals durchaus religiös durchzubuchstabierendes Merkmal menschlichen Lebens. Wer schafft es schon, ganz allein und individuell, immer modern und damit immer einsam, das Leben in seiner Komplexität zu meistern. Dieses Problem, zusammengenommen mit authentischen Autorenpersönlichkeiten, im Blick auf die Einsamkeit der Moderne durchbuchstabiert… Das wäre ein hochinteressantes, vermutlich überaus erfolgreich zu beackerndes Feld für Verlage. Die faszinierende Zuhörbereitschaft zum Beispiel auf Kirchentagen für Menschen der älteren Generation, die gelebtes Leben und gesellschaftliches Engagement zusammenbringen, belegt diese meine Suchvermutung.

Erziehungsdebatte, Respekt vor den Älteren: Steht damit nicht auch der 68er Geist durch neue Erfahrungen zur Debatte?
Ja, die kritische Betrachtung des sogenannten 68er-Geistes, wenn es einen solchen denn gegeben hat, birgt ganz neue Chancen. Und das wäre tatsächlich auch für Verlage mit Religion eine interessante Suchrichtung: Kommt nicht das allzu kluge, von vorneherein Immer-schon-Bescheid-Wissen an eine Grenze? Ich kann tatsächlich alles wissen über die Geschichte religiösen Verfolgungswahns, über die politischen Verflechtungen der Kirchen, der Religionen in allen Weltteilen, in alle Schrecklichkeiten, die sie sich ausdenken können. Heute ist aber durchaus zu fragen, ob dieses Wissen nicht allzu sehr an der Oberfläche bleibt.

Aber endlich wurden die Schrecken beim Namen genannt, das ist ja, was die Katholische Kirche bis heute offenbar nicht gelernt hat.
Natürlich ist der Schreckensanalyse kaum etwas hinzuzufügen. Wer sich aber dadurch den Zugang zu jenen schon erwähnten Grundfragen moderner Existenz in Einsamkeit und Ressourcenlosigkeit verstellen lässt, läuft an uns Menschen vorbei.

Sie meinen die Kirchenpolitik sind längst nur noch Schatten?
Die Ahnungslosigkeit bezüglich Traditionen ist zwar einerseits bedauernswert, ist aber auf dem eben skizzierten Hintergrund auch eine riesige Chance, um ganz neu, ganz unverstellt, gleichsam in einer fünften Naivität wieder über Religionen, über Traditionen, ja auch über die Kirche zu schreiben, zu sprechen oder etwas darüber zu lesen. Ich denke, dass vor diesem Hintergrund – um nur ein Verlagsfeld zu nennen – ganz neu Themen der Geschichte, in interessanter Gegenwartszurüstung, von neuem gesucht werden.

Wie gehen Sie dann mit den kirchenpolitischen Affären um?
Sie werden dann zur Suchrichtung für Verlage wie Kösel, wenn sich hinter ihnen tatsächlich wieder verschobene, verkannte, vielleicht auch vergewaltigte menschliche Grundbedürfnisse verbergen. Ich glaube daher, dass die Skandale um Missbrauch durch Menschen mit kirchlichen Beauftragungen zwar auf der einen Seite in aller Schärfe bezüglich der Opfer und der Ursachen bedacht und aufgearbeitet werden müssen. Zu kurz wird aber gegriffen, wenn nicht darüber hinaus das anscheinend bis heute nicht lösbare Problem des Verhältnisses von geistigen Wegen, von Spiritualität, von frommen Antworten auf das Leben und Weltlichkeit, Körperlichkeit und Sexualität angegangen wird.

Liegt das unaufgearbeitete Thema also tiefer?
Es scheint eine fatale Verquickung zwischen spiritueller Lebensführung und Weltflucht zu geben. Hinter diesem Dilemma verbirgt sich auch Wahrheit.

Wie kann ein Dilemma Wahrheit bergen?
Die Frage ist: Um welche Welt geht es denn? Welche Welt wird denn geflohen? Ist es die des überzogenen Materialismus, der Oberflächlichkeit? Aber tiefer gefragt: So lang unseren spirituellen Versuchen ein unaufgeklärtes, individualisierendes, häufig monastische Traditionen verkennendes Ideal zugrunde liegt, wird es immer zu Verzerrungen bezüglich Sexualität, bezüglich Körper, bezüglich Partnerschaft, bezüglich gemeinschaftlichen Lebens kommen. Die stille Versuchung, der konfusen Sinnlichkeit durch Spiritualität eine Absage zu erteilen, zieht sich durch fast alle spirituellen neuen Aufbrüche – auch aus anderen geistigen Traditionen als denen des Christentums.

Was heißt das konkret?
Verlage wie Kösel reagieren auf die genannten in ihrer Schrecklichkeit in aller Deutlichkeit anzusprechenden Skandale, in dem sie in die Tiefe fragen, in dem sie verstehen, in dem sie versuchen in Nachhaltigkeit Lösungen in Richtung humanisierender Spiritualität vorzuschlagen.

Pattloch-Chef Bernhard Meuser spricht von „Flurschaden“, den die Kirche anrichtet. Werden die Verlage da mit hineingezogen?
In der Tat: Die übermächtige Präsenz heftiger Skandale, die sich mit der Institution Kirche verknüpfen, machen es Menschen, die freiere, durchaus aber auch die Kirche liebende Formen von christlicher Spiritualität vorschlagen, schwer. Durchaus konnte ich feststellen, dass in den letzten Monaten manches verlegerische Engagement im Bereich Kirche und christlicher Glaube sofort zusammengebracht wird mit der Vermutung, einfachhin die Institution stabilisieren zu wollen. Beziehungsweise jeder Versuch, sich kirchlich, religiös und christlich zu verstehen, ein wenig belächelt wird, weil man doch „mit denen“ unter einer Decke steckt.

Wie begegnen Sie dem?
Verlage werden darauf insistieren müssen, dass es d i e Religion, d a s Christentum einfach nicht gibt. Ich setze weiterhin auf jene Spiritualität und Gläubigkeit, die sich mitten in einem individualisierten Leben entfalten kann, die es befördert, in seinem Recht auf Variantenreichtum unterstützt und es schlussendlich in Religion beheimatet.

Haben christliche Bücher jetzt die Chance, eine neue Heimat zu bieten?
Das scheint mir eine große Suchrichtung für Verlage mit Religion zu sein: Wie erringen Menschen Heimat? Ich glaube, dass die Antwort auf diese Frage das Spezifikum von Religion darstellt: Und ein tolles Buchthema ist das allemal. Was bedeutet „Heimat“ für Kinder im Medien-Gewirbel? Was bedeutet „Heimat“ für Menschen, denen die Kräfte angesichts gesellschaftlichen und professionellen Stresses ausgehen? Was bedeutet „Heimat“ für den ewig lächeln müssenden und zum durch Ziele definierten Erfolg verdatterten Manager?

Sie verlassen Ihre Heimat, die Verlagsbranche. Wenn Sie weitergemacht hätten, woran hätten Sie am liebsten gearbeitet?
Vorausgesetzt, solche Bücher gibt es, dann träume ich von einem Commitment von Verlagen und Buchhandlungen, gerade auch von Verlagen mit beträchtlicher Größe und den Buchhandlungen, die das Feld besetzen. Es müsste doch möglich sein, so etwas wie eine Innovations-Bewegung in diesen Zusammenhängen zu befördern: Warum lassen sich alle nur von Listen, von Bestsellern, von Schnelldrehern bestimmen? Warum könnte es nicht sein, dass Verlage und Buchhandlungen, ich spreche hier noch einmal gezielt die Großen an, sich verpflichten, neben aller notwendigen schnellen Erfolgsorientierung immer auch auf Bücher zu achten, die Neues, Gewagtes, vielleicht auch Befremdliches, das aber dem Leben dient, befördern? Innovationsmanager, Innovationsregale, Innovationsmarketing… Das würde mich reizen. Es sollte ein neues Bewusstsein für gesellschaftliche Weiterentwicklung entstehen. Das entsteht aber nie nur durch Bedienen kalkulierbarer Märkte.

Und als Verleger?
Wenn ich die verlegerische Tätigkeit fortsetzen würde, dann ist in dem eben Gesagten der Rahmen abgesteckt, in dem ich arbeiten würde: Recht auf individuelles Leben, Entdecken des Religiösen im gelebten Leben, die Sehnsucht nach Heimat und der christliche Glaube, das Entdecken der Vielfalt spiritueller, auch christlicher Suche an der Basis, das Werben um die humanisierenden Potentiale christlicher Traditionen im Blick auf Orientierungsnot in dieser Gesellschaft, beispielsweise durchbuchstabiert am fast völligen Ausfall initiierender Rituale und Praktiken an der Schwelle vom Kind-/Jugendlichen-Seins zum Erwachsenenalter.

Debatten um die Kirchen kommen da nicht vor…
Kirchenthemen als Themen der Selbstbeschäftigung der Institutionen mit sich selbst werden kaum mehr Leser finden. Dies ließe sich belegen an der schweren Krise akademisch-theologischer Literatur, die nur noch in sehr beschränkten Maße ihre Käuferinnen und Käufer finden. Ließe sich aber auch belegen an kirchenkritischen bzw. kirchenpolitischen Publikationen fürs breite Publikum. Mit dieser Aussage verbindet sich aber auch die dringende Aufforderung, über Bücher darüber nachzudenken, ob wir nicht – wie schon angedeutet – unbedingt institutionelle Stabilisierungen für die Suche, für die Orientierungslosigkeit, für die Ekstase und die Lebensfreude brauchen? Vernebelt man sich nicht den Kopf, wenn man glaubt, dass Leben sich gleichsam anarchisch, institutionenlos vollziehen könnte? Die ordnende Kraft von Institutionen, damit auch von Kirchen, die Erkennbarkeit von Lösungspotentialen in dieser Gesellschaft durch Institutionen ist ein hohes Gut. In diesem Zusammenhang ein Plädoyer für Kirche an die Verächter ihrer Selbst vorzulegen, wäre durchaus ein schönes Buchthema.

Das Thema Islam ist aber auch kein leichtes, obwohl Kösel dazu einiges im Programm hat.
Manches medial Zugerüstete rührt kaum an den wesentlichen Schatz religiöser Traditionen heran. Insofern wird, wenn mich nicht alles täuscht, die aufgeregte Diskussion um den Islam ruhiger werden. Wer sich einmal von der Schönheit von Gebäuden, Texten, Liedern und Ritualen, die mit dem Islam in Verbindung stehen, berühren hat lassen, wird sehr schnell spüren, dass es hier um ganz anderes geht als nur um Kleidervorschriften. Ganz generell: Mir scheint der interreligiöse Aufbruch unbedingt auf sehr viel existentielleren Ebenen fortzuführen sein: Nicht ohne Grund führte ich die Kategorie der Schönheit an.

Schönheit und Religion? Wie passt das zusammen?
Wenn wir uns wieder einlassen auf die Schönheit nicht nur islamischer Traditionen, sondern auch christlicher Traditionen – in Stein, in Musik, im Text, im Bild und Ritual – dann werden wir erfahren, dass Religion zu den tiefsten Grundgegebenheiten des Menschen gehört. Und in der Wahrnehmung von Schönheit, von Traditionen verschiedenster Herkunft, wird sich auch unser Verhältnis zu scheinbar befremdlichen Traditionen entkrampfen. Ich setze hier tatsächlich auf den Mut zur sinnlichen Auseinandersetzung mit dem Islam. Neben der unersetzlich wichtigen Bedeutung der Begegnung mit konkreten Menschen verschiedener spiritueller Richtungen, die schnell manches Vorurteil ins Wanken bringt, wird die Wahrnehmung und Achtung der Schönheit geistiger Traditionen unser individuelles und gesellschaftliches Leben nur bereichern. Denn dann bricht die schmerzliche Frage auf, wo denn Schönheit in diesem Sinne überhaupt wahrnehmbar ist. Und hier beginnt die Stunde der Religion aufs Neue zu schlagen.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler
Siehe auch im aktuellen [BuchMarkt-Heft im Religion Special (S. 143) darüber, wie Verlage nach den kirchenpolitischen Affären Programm machen und was Sortimenter jetzt verkaufen können.]

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