Oetinger-Geschäftsführer Thilo Schmid über digitale Events als Erlösquelle und die neue Plattform HeldenstückeLIVE. „Wir und alle Veranstalter müssen Dinge ausprobieren!“

Die Verlagsgruppe Oetinger hat im August gemeinsam mit der Agentur Literaturtest eine Plattform gelauncht, die Kreativen, ExpertInnen, Buchhandlungen, Verlagen und anderen Veranstaltern Einnahmen durch Auftritte im digitalen Raum ermöglichen soll – live oder on demand: Heldenstücke LIVE bietet Erlebnisse und Begegnungen im Video-Format: Events, Lesungen, Konzerte, Webinare, Gespräche und Services. Inhaltlich dreht sich alles um Familien und Kinder. Oetinger-Geschäftsführer Thilo Schmid im Sonntagsgespräch über die neue Plattform und digitale Events als Erlösquelle.

Vor einigen Wochen hat Oetinger die Plattform HeldenstückeLIVE mit Literaturtest als Kooperationspartner gestartet. Wie war der Start?

Thilo Schmid (© Jörg Schwalfenberg)

Thilo Schmid: Gleichermaßen aufregend wie vielversprechend! Wir – und vor allem natürlich das zahlende Publikum! – durften z. B. Axel Scheffler live beim Zeichnen zusehen, und mit der Veranstaltung zu den Warrior Cats hatten wir auch gleich unser erstes ausverkauftes Event.

Das sind ja gar keine Oetinger-Autoren und -Titel?

HeldenstückeLIVE ist ja auch keine reine Oetinger-Veranstaltung! Im Gegenteil: Sie ist offen angelegt. Wir haben uns sehr gefreut, dass z. B. die Verlagsgruppe Beltz uns ihre tollen Autor*innen anvertraut und die Plattform genutzt hat. Die Plattform soll ein digitaler Raum für ALLE Kreativen und Veranstalter werden. Und mit „Veranstalter“ meine ich ausdrücklich sowohl Kreative aus allen Bereichen als auch andere Verlage und ganz besonders unsere Partner im Buchhandel. Gemeinsam mit ihnen allen möchten wir attraktive Inhalte für Familien präsentieren – in einem geschützten digitalen Raum.

Sehen Sie in digitalen Events auch eine Chance für Buchhandlungen, Erlöse zu erzielen?

Unbedingt! Natürlich legt sich das in der aktuellen Situation besonders nahe. Aber ich glaube, auch 2021 werden alle froh sein, die sich dieses Feld bereits in diesem Jahr erschlossen haben. Denn digitale mögen aktuell analoge Veranstaltungen ersetzen, aber perspektivisch werden sie die Events z. B. in Buchhandlungen ergänzen und digital „verlängern“. Sie sind der direkte Weg zu einem zweiten Publikum, all denen also, die gerne kommen würden, es aber aus terminlichen, gesundheitlichen oder sonstigen Gründen nicht können.

Haben Sie denn schon Rückmeldungen aus dem Handel?

Ja, und zwar wirklich erfreulich! Und mit der LG Buch gibt es schon den ersten Verbund, der klar sagt: Wir empfehlen unseren Mitgliedern die Nutzung der Plattform.

Für Buchhandlungen könnte die Plattform ja auch als elektronisches Ticketingsystem dienen, oder?

Ganz genau! Schon jetzt können Veranstalter alle Ticketoptionen nach ihren Bedürfnissen für ihre digitalen Live-Events einrichten. Im nächsten Schritt werden wir auch ein Ticketing für hybride und auch rein analoge Events ermöglichen. Dann können Veranstalter, wenn Sie dies möchten, drei verschiedene Ticketarten für ein und dasselbe Event anbieten – oder auch einfach online Karten für die Veranstaltungen in ihrer Buchhandlung verkaufen. Und um das noch komfortabler für die User*innen zu gestalten, wird es bald auch einen Veranstaltungskalender geben.

Wie sieht es mit On-Demand-Formaten, also Inhalten auf Abruf aus?

Schon jetzt können Veranstalter die Option auswählen, dass ihr Event aufgezeichnet wird. Dann steht es allen zahlenden Teilnehmer*innen auch nach der Veranstaltung zur Verfügung. Das heißt: Selbst wenn man es doch nicht rechtzeitig zu einem digitalen Event schafft, kann man es sich in Ruhe später anschauen. Und noch in diesem Jahr werden wir es möglich machen, vorproduzierte Inhalte auf Abruf anzubieten. Das dürfte insbesondere für Kreative eine spannende Möglichkeit sein.

Apropos, wie es sieht mit Autorinnen und Autoren aus?

Auch hier fällt das Feedback durchweg positiv aus! Besonders freuen wir uns z. B. darüber, dass mit Karla Paul eine der wichtigsten Multiplikatorinnen unserer Branche HeldenstückeLIVE empfiehlt. Sie schrieb mir gestern dazu: „Kultur hat einen Wert für mich und für diese Gesellschaft. Die dazugehörige Wertschätzung gegenüber den Urheber*innen, den Kreativen muss auf vielen Wegen erfolgen, finanzielle Bezahlung ist der wichtigste Baustein. HeldenstückeLIVE schafft dafür die Möglichkeiten, nun müssen wir als Künstler*innen und Publikum noch folgen. Tolle Idee und aus meiner Sicht eine ebenso einfach nutzbare wie technisch sicher umgesetzte Plattform!“ Und wer möchte, kann Karla Paul am kommenden Sonntag (1. November) live erleben, wenn sie gemeinsam mit Rainer Moritz den „Buchbesprechungstag: Belletristik & Sachbuch“ des Börsenvereins bestreitet – in der digitalen Ausgabe auf HeldenstückeLIVE.

Sie haben Sie auch all die Kreativen im Blick, die von der Krise und dem Ausfall ihrer Veranstaltungen hart getroffen sind …

Der Blick auf die Situation der Autor*innen – und zwar nicht nur die unserer Verlage! – war der Grund, warum wir den Launch der Plattform vorgezogen haben, denn eigentlich wollten wir erst nächstes Jahr starten. Wir wussten bei der Konzeption, dass sie ihnen nutzen würde. Aber natürlich hatten wir keine Ahnung, wie gut sie die Plattform in diesem Jahr würden brauchen können. Und das gilt natürlich besonders für Eltern und ihre Kinder, die gerade jetzt qualitativ hochwertige, sichere digitale Formate suchen.

Aber generieren Sie denn tatsächlich schon Einnahmen?

Wie gesagt: Das Events der Warrior Cats war ausverkauft. Und das im Übrigen bei einer Zielgruppe, Jugendliche, die aus Marketingsicht gerne mal als „schwierig“ bezeichnet wird. Das ist insofern auch ein schönes Beispiel, als es zeigt: Wir und alle Veranstalter müssen Dinge ausprobieren! Natürlich haben wir Vorstellungen davon, was gut laufen sollte – aber diese Erwartungen sind nichts wert, bis wir sie an der Realität geprüft haben. Das ist ja die Chance für alle Kreativen und Veranstalter: JETZT Erfahrungen zu sammeln, um digitale Live-Events oder On-Demand-Inhalte so schnell wie möglich zu einer Erlösquelle auszubauen.

Apropos, Geschäftsmodell: Der Direktor der Frankfurter Buchmesse wird im Börsenblatt mit der Aussage zitiert, er habe „im Internet noch kein funktionierendes Geschäftsmodell für digitale Kulturveranstaltungen gesehen“. War er vielleicht noch nicht bei HeldenstückeLIVE?

(lacht) Das weiß ich natürlich nicht. Aber selbst wenn es im Moment tatsächlich noch so sein sollte, wie Jürgen Boos es beschreibt, und man solche Initiativen wie „Bookstock“ von Hugendubel oder eben HeldenstückeLIVE einfach einmal außer Acht lässt: Einen größeren Ansporn, hieran etwas zu ändern, kann es doch gar nicht geben! Wir, die Unternehmen der Buchbranche, konkurrieren ohnehin mit Netflix & Co. um die Zeit und Aufmerksamkeit unserer Leser*innen. Ihnen auch noch unser genuines Feld, Kulturveranstaltungen, zu überlassen – das kann es nicht sein. Wenn wir uns nur noch um analog stattfindende Events kümmern, tun wir aber de facto genau das. Ich denke, in Zukunft dürften Geschäftsmodelle für Kulturevents, die nicht zumindest auch einen genuin digitalen Aspekt haben, an ihre Grenzen stoßen.

Wenn Sie Netflix & Co. ansprechen und vermutlich auch Unternehmen wie Google oder Zoom meinen – sind die nicht alle eine Nummer zu groß als Konkurrenz?

Die sind groß, klar. Aber sie werden in Relation in dem Maße immer noch größer, in dem wir uns kleinmachen. Es geht natürlich nicht darum, diesen Unternehmen in ihren genuinen Geschäftsfeldern Konkurrenz zu machen. Aber dort, wo es um unsere Domäne, das Lesen und die Kultur, geht, müssen wir als Branche alles daran setzen, echte, wirtschaftlich funktionierende Alternativen zu bieten – das sind wir unseren Autor*innen ebenso schuldig wie unseren Unternehmen und ihren Mitarbeiter*innen.

Manche erleben die aktuelle Situation als Zwangsdigitalisierung und stehen auch digitalen Veranstaltungsformaten generell ablehnend gegenüber. Was entgegnen Sie solchen eher skeptischen Stimmen?

Zunächst einmal: Dass die Pandemie sobald und so gründlich wie möglich wieder aus unserem Leben verschwinden möge, ist natürlich auch mein größter Wunsch! Was allerdings nicht mehr verschwinden wird und aus meiner Sicht auch gar nicht verschwinden soll, sind die Möglichkeiten, mit digitalen Räumen Gutes anzufangen. Natürlich führt es zu Enttäuschungen, wenn man von digitalen Events erwartet, dass sie das Körperliche, die Gerüche und all die Besonderheiten der analogen Begegnung nachbilden. Aber man kann einer Birne ja nicht vorwerfen, dass sie nicht so wie ein Apfel schmeckt. Und in dem Moment, da wir anfangen, diese neuen Möglichkeiten zu gestalten, verlieren sie ihren zwanghaften Charakter. Wir sind jedenfalls nicht in der komfortablen Position wie weiland Kaiser Wilhelm II., der noch 1902 nichts vom Automobil wissen wollte und für sich beschließen konnte: „Solange ich ein warmes Pferd habe, besteige ich einen derartigen Stinkkarren nicht.“

Inwieweit spielt das Thema Datenschutz eine Rolle?

Das ist wichtig! Uns war von Anfang an klar, dass wir uns das Vertrauen der User*innen auch auf dieser Ebene verdienen müssen und wollen. Deshalb genügt HeldenstückeLIVE den europäischen Datenschutzstandards, das heißt: Wir erfüllen umfangreichere Standards als „bloß“ die der DSGVO. Wir sehen dies als relevanten strategischen Vorteil.

Digitale Events und Traditionsverlag – passt das zusammen?

Und wie! Denn ohne die innovative Kraft der Verlegerinnen in unserer Geschichte könnten wir ja heute gar nicht von einem Traditionsverlag sprechen. Ein schöner Beleg dafür ist ein Event, das wir auf HeldenstückeLIVE an einem der Adventssonntage anbieten werden: Zum Abschluss unseres Pippi-Langstrumpf-Jubiläumsjahres haben wir die große Freude und die Ehre, dass uns Astrid Lindgrens Urenkel exklusiv durch die Wohnung der Autorin führen wird – live, interaktiv und mit vielen schönen Familiengeschichten. Was immer die nächsten Wochen und Monaten bringen werden: Auf diesen Sonntag freue ich mich schon jetzt ganz besonders!

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