Rosine de Dijn über ihr Buch "Überleben nach dem Holocaust" „Wir dürfen nicht aufhören zu berichten“

Früher hat die Antwerpenerin Rosine de Dijn im Auftrag opulente LifeStyle-Bücher entwickelt. Heute hat die Journalistin zu aufwendig recherchierten erzählenden Sachbüchern zurück gefunden. Ihr neues Buch Überleben nach dem Holocaust lässt bildhaft die jüdische Welt von Antwerpen wieder  aufleben, stellt aber auch die Frage, ob und wie man sich den Antisemitismus entgegen stellen soll, auch in Belgien? Es ist gerade im Dreiländereck zwischen Belgien, Holland und Deutschland im Grenzecho Verlag erschienen – und war Anlass für unser heutiges Autorengespräch:  

Rosine De Dijn: „Ich entdeckte, dass nach dem schrecklichen Inferno in Antwerpen wieder eine lebendige jüdische Gemeinde mit ihren jahrtausendealten Traditionen, Sitten und Bräuchen aufblühte und für so viele auch wieder Heimat werden konnte. Die Türen einer in sich geschlossenen Welt gingen weit auf“

Worum geht es in „Überleben nach dem Holocaust“?

Rosine De Dijn: Über das Schicksal der Überlebenden der osteuropäischen Vernichtungslager, die nach 1945 in der belgischen Hafenstadt Antwerpen nach einer neuen Orientierung und ihrer vertrauten Welt suchten. Die jüdische Gemeinde sollte wieder aufgebaut werden. Diese Nachkriegszeit war geprägt von Verdrängen aber auch von nach Vorneschauen. Und man war wieder unter sich. Im belgischen Seebad Knokke sorgte recht bald auch Monsieur Motke, ein jüdischer Bäckermeister, der sich während des Krieges der Résistance anschloss und zahlreiche jüdische Mitbürger das Leben rettete, in seinem Grand Hôtel an der Nordseepromenade für ein Ferientreffpunkt überlebender Juden aus Antwerpen und Brüssel, Paris, London und auch der USA. Diese Epoche, mit der seltenen Oase „Chez Motke“, sollte nicht vergessen werden.

Das ist eine Welt, die wir nicht so auf dem Schirm haben.

Aber ich entdeckte,  dass nach dem schrecklichen Inferno wieder eine lebendige jüdische Gemeinde mit ihren jahrtausendealten Traditionen, Sitten und Bräuchen aufblühte und für so viele auch wieder Heimat werden konnte. Die Türen einer in sich geschlossenen Welt gingen weit auf.

Mich hat sofort gefesselt, dass ich so bildhaft in Dein Antwerpen eintauchen konnte.

Ja. Ich bin in Antwerpen aufgewachsen und streunte bereits als Kind durch das Bahnhofsviertel meiner Heimatstadt, wo ich zur Schule ging und meine Mutter bei Frau Davidson, einer Holocaustüberlebenden, Socken und Strumpfhosen kaufte. Ich blieb aber zunächst eine neugierige Zuschauerin auf der Schwelle zu einer geheimnisvollen Welt. Die Tür zum „Schtetl an der Schelde“, zur Diaspora, blieb geschlossen. Bis anlässlich einer Reportage die Protagonisten mir völlig unvoreingenommen und mit Interesse für meine Arbeit und Recherche ihre Türen weit öffneten.

Und was hast Du noch für Dich entdeckt?

Die ganze jüdische Geborgenheit, das im Alltag gelebte Judentum, der Zusammenhalt und die Tatsache, dass sie auf der ganzen Welt zuhause sind. Und das diffuse Gefühl des Unbehagens wegen des aufkeimendem Antisemitismus.

Wem könnte ein Buchhändler Überleben nach dem Holocaust mit welchem Argument am besten verkaufen?

Leider ist Antisemitismus wieder in aller Munde. Die junge französische Autorin Amalia Finkenstein meint: „Was wir erleben, ist eine andere Form des Krieges, eine perversere, weil es ein Krieg ist, der seinen Namen nicht nennt, der keineKonturen hat, sondern immer und überall über einen hereinbrechen kann. Das kann einen wahnsinnig machen.“ Recht hat sie, wenn sie sagt: „Die permanente Paranoia, die diffuse Angst in der Metro, am Bahnhof, im Kaufhaus, an überhaupt allen prominenten Platzen. Nicht der Frieden, sondern die Gewalt ist zur Normalität geworden.“

Und hinzu kommt, dass die letzten Augenzeugen wegsterben.

Ja, die Erinnerungen verstummen. Das zwanzigste Jahrhundert ist Vergangenheit. Die zweite und die dritte Generation haben längst das Wort. Aber trotz allem: „Die Grausamkeiten von gestern müssen beim Namen genannt werden, um die Demokratie von heute zu verteidigen. Vergessen ist gefährlich.“  So Simon Gronowski, Jurist, Aktivist und belgischer Holocaust-Überlebender, der 1943 aus dem „Transport XX“ nach Auschwitz fliehen konnte. Seine Mutter stellte ihn auf das Trittbrett – und lies ihn los. Er war elf Jahre. Sie sprang nicht. Er überlebte.

Wen stellt Du Dir denn als Zielgruppe vor für Dein Buch?

Jeder der sich ein wenig für sein Gegenüber interessiert. Und den Austausch sucht. Ohne geht es nicht.

Können traumatisierende Erlebnisse, die einen Menschen bis an den Rand eines emotionalen Abgrunds gebracht haben, überhaupt von einem „Außenstehenden“ in Worte gefasst werden können? 

Nein, wir dürfen nicht aufhören zu „berichten“. Aber ich bin nur die Chronistin. Und ja, es macht mich befangen. Aber wir müssen wachsam bleiben. Für junge Leute ist der Krieg längst weit zurückliegende Vergangenheit. Die Erinnerungen sind verstaubte Relikte.  Aber die Geschichte der dreißiger Jahre zeigt deutlich, wie alles anfängt. Zunächst recht unschuldig. Dann bedient man sich einer aufhetzenden Sprache und eines bornierten Nationalismus. Die „Fremden“ sind unerwünscht. Sie stören. Das eigene Volk zuerst!

„Ich blieb zunächst eine neugierige Zuschauerin auf der Schwelle zu einer geheimnisvollen Welt. Die Tür zum „Schtetl an der Schelde“, zur Diaspora, blieb geschlossen. Bis anlässlich einer Reportage die Protagonisten mir völlig unvoreingenommen und mit Interesse für meine Arbeit und Recherche ihre Türen weit öffneten“ (Mehr zum Buch und zum Verlag durch Klick auf Cover)

Die jüdische Welt (nicht nur Deiner Heimat) bleibt Dein Thema? 

Vielleicht weil mir das Unwissen und Halbwissen über diese Welt mich immer mehr umgetrieben und auch oft geärgert hat? Was wissen wir voneinander. Das ist der Brutherd der Vorurteile. Marina Weisband meinte, „Dass ich Jüdin bin, sollte eine Selbstverständlichkeit werden. Ich wünsche mir ein Normalsein, ohne unsichtbar zu sein.“

Anlass für Dein Buch war sicher auch die Veranstaltungsreihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“?

Ja. Bis im nächsten Jahr 2022 werden Veranstaltungen im Rahmen dieses Jubileum  begangen. Auch ich werde, anlässlich einige Konzerte in diesem Zusammenhang (www.kammermusikkoeln.de – Sonderkonzert zum Festjahr 2021 – Jüdisches Leben in Deutschland -) das Thema beleuchten.

Diese Fachfrage muss ich noch stellen, nicht alle kennen den GrenzEcho – Verlag …

… der im  Dreiländereck zwischen Belgien, Holland und Deutschland beheimatet ist. Viele wissen gar nicht, dass es in Belgien auch eine lebendige, interessierte deutschsprachige Minderheit gibt! Zeit zur Aufklärung!

Aber das Buch ist ein „belgisches“ Projekt.

Klar, die Geschichte gründet in Belgien, der Verlag ist im belgischen Eupen verwurzelt und ich bin Belgierin. Die Belgische Botschaft wird im Laufe des Herbst/Wintersaison 2021 , zusammen mit der Flämischen Repräsentanz und die Verantwortlichen für Ost-Belgien das Buch, eingebettet in einer Podiumsdiskussion, in ihren Räumen vorstellen.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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