Kiepenheuer & Witsch nimmt Stellung gegen Böll-Film auf Arte: „Dokumentation ist eines öffentlich-rechtlichen Senders unwürdig“

Aus Anlass einer ZDF/Arte-Produktion von Hans-Rüdiger Minow, die am 29. November 2006 in ARTE ausgestrahlt wurde, haben Heinrich Bölls Sohn Renè Böll für die Familie Böll, das Heinrich-Böll-Archiv der Stadt Köln, die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin und der Verlag Kiepenheuer & Witsch gestern eine Stellungnahme gegenüber den zuständigen Sendern ZDF und Arte abgegeben. darin mahnen sie „Sorgfaltspflicht“ an. Sie wenden sich unter anderen gegen die darin erhobene Behauptung, Böll habe wissentlich für die CIA gearbeitet.

Folgend der Protest im Wortlaut:

„Die von Hans-Rüdiger Minow in seiner TV-Dokumentation „Benutzt und gesteuert. Künstler im Netz der CIA“ suggerierte Behauptung, Heinrich Böll habe wissentlich für den CIA gearbeitet, entbehrt jeder Grundlage. Die abenteuerliche Vermischung längst bekannter Tatsachen über die Einflussnahme des CIA auf kulturelle Einrichtungen während des Kalten Krieges mit denunziatorischen Mutmaßungen gegen Heinrich Böll grenzt an journalistischen Rufmord.

Heinrich Böll war weder käuflich noch korrumpierbar. Seine Eigenständigkeit im Urteil und seine Unabhängigkeit von jeglicher Partei und politischer Richtung hat ihn oft als einer der wenigen gegen Unfreiheit in Ost und West gleichermaßen vorgehen lassen. Für Heinrich Böll waren die Menschenrechte unteilbar. Er protestierte – als einer der wenigen Schriftsteller – sowohl gegen die Verfolgung von Kollegen im Osten als auch in USA-freundlichen Diktaturen, u.a. in Europa und Südamerika. Sein Engagement drückte sich auch in seiner Arbeit für die PEN-Organisation „Writers in Prison“ aus. Viele seiner Aktivitäten fanden unbemerkt von der Öffentlichkeit statt. Er war bereit, dafür auch erhebliche persönliche Risiken für sich und seine Familie einzugehen.

Heinrich Böll auch nur in die Nähe des amerikanischen Geheimdienstes zu rücken, ist absurd. Hans-Jürgen Minow bleibt Beweise, die Heinrich Bölls angeblich kenntnishafte Verstrickung in die Aktivitäten des CIA dokumentierten, schuldig. Stattdessen stellt die Dokumentation eine Vielzahl von falschen und unbelegten Behauptungen auf, etwa die im Film mehrfach getroffene Aussage, Böll sei „Autor“ der vom CIA finanzierten Zeitschrift „Der Monat“ gewesen – was im übrigen auch nicht ehrenrührig gewesen wäre. Heinrich Böll hat keinen einzigen Beitrag für den „Monat“ geschrieben. Ebenso unbelegt sind angebliche Berichte Bölls über „Reisen in den Ostblock“, die dann über seinen Verleger, Joseph Caspar Witsch, „umgehend“ an den CIA weitergeleitet worden seien. Dies gilt ebenfalls für Behauptungen, die bei der Anmoderation für den „Kulturzeit“-Beitrag in 3sat aufgestellt wurden, wie beispielsweise: „Heinrich Böll hat sich bereit erklärt, CIA-Organisationen beizutreten“.

Wir bitten Sie, Ihrer Sorgfaltspflicht gegenüber der Öffentlichkeit nachzukommen, auf die Einhaltung ethischer und journalistischer Maßstäbe in Ihren Häusern zu achten. Die Ausstrahlung einer solchen Dokumentation ist eines öffentlich-rechtlichen Senders unwürdig.“

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