Die Sätze des Jahres 2017 »Wer gerne lügt, schreibt viele Bücher«: Der andere Jahresrückblick

Die übliche und notwendige Art von Jahresrückblick zählt die Ereignisse auf, die prägend für dieses Jahr waren. Ebenso wichtig sind aber auch die Gedanken, die sich die handelnden Personen dazu machen. Ulrich Störiko-Blume notiert sich seit vielen Jahren Sätze, die ihm im weiteren Sinn für unsere Branche bedeutsam, prägnant und nachdenkenswert erscheinen – unabhängig davon, ob er ihre Aussage teilt oder nicht. Er hat uns zur Verfügung gestellt, was ihm 2017 aufgefallen ist. Und wir verabschieden uns mit diesen Fundstücken aus dem Jahr 2017 und wünschen Ihnen und uns einen guten Rutsch und ein wundervolles neues Jahr 2018:

»Die Neurowissenschaft zeigt uns ja, dass der Mensch anders handelt, als er spricht. So ist es müßig, den Kunden zu fragen, was ihn begeistert oder was er kaufen würde.«

Wolfgang Gruschwitz (Unternehmer und Einzelhandelsberater), „Sehnsucht nach Geschichten“, Interview in BuchMarkt Nr. 1/2017

»… warum es wichtig war, in meiner Amtszeit ab und zu einen Roman zur Hand zu nehmen. Ich las ja sonst vor allem Schriftsätze, Memos und Anträge, um mich auf das Tagesgeschäft vorzubereiten. Weil man dabei immer nur die analytische Seite des Gehirns anstrengte, verlor man manchmal nicht nur die Poesie, sondern auch die Tiefe der Literatur aus den Augen. In diesen Momenten war Belletristik ganz gut, um mich an die Wahrheiten unter der Oberfläche unserer täglichen Diskussionen zu erinnern.«

Barack Obama, Gespräch mit der NYT-Literaturkritikerin Michiko Kakutani, „Der Leser“, SZ 18.01.17

»Aber wer sich nicht mit Kunst auseinandersetzt, wird nie begreifen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.«

Vittorio Gallese, italienischer Neurowissenschaftler, im Gespräch mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt; „Dieses tiefe Begehren, zu begreifen, wer wir sind“; ZEIT online 12.01.17

»… in der Interpunktion der Außenpolitik gibt es eben keinen Punkt, immer nur ein Komma.«

Frank-Walter Steinmeier, „Wir spüren, dass nichts unumkehrbar ist“ (letztes Interview als Bundesaußenminister) SZ 27.01.17

»Konsonanz ist fein, Dissonanz ist nötig.«

Kurt Kister, SZ-Abonnentenbrief vom 10.02.17

»Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.«

Charles Bukowski, zitiert nach Handelsblatt Morning Briefing 13.02.17

»Grundsatzprogramme heißen so, weil sie grundsätzlich keiner liest.«

Heribert Prantl, „Der Agenda-Hacker“ (über das Marin Schulz-Mirakel), SZ 21.02.17

»Schreiben ist immer ein Reflex auf das Leben.«

Bodo Kirchhoff, „Bücher schreiben ist wie Lotto spielen“, Hamburger Abendblatt 04.03.17

»Wenn Autoren nur für die Aktualität schreiben, ist das ein Todesstoß für jede Art Kunst.«

Abbas Khider, „Wörterherrscher“, Interview aus Anlass der Verleihung des letzten Chamisso-Preises, SZ 08.03.17

»Ohne Krisen kann man nicht wachsen.«

Papst Franziskus im Interview mit Giovanni di Lorenzo „Ich kenne auch die leeren Momente“, ZEIT  Nr. 11, 09.03.17

»Was soll ich denn machen, wenn solche Sätze kommen?«

Martin Walser, Interview mit Bernd Noack anlässlich seines 90. Geburtstags: «Unsere Gesellschaft ist nicht gefährdet», NZZ 23.03.2017

»(Romane) erweitern unsere moralische Vorstellungskraft.«

Carlo Ginzburg auf die Frage von Jutta Czeguhn Würden Sie jungen Historikern raten, Romane zu lesen? in „Wer glaubt, alles zu wissen, wird nichts entdecken“, SZ 27.03.17

»Sagen was man denkt. Und vorher etwas gedacht haben.«

Harry Rowohlt, aus Der neue Raben Kalender 2017, an seinem Geburtstag 27. März (1945)

Auf die Frage, was das Merkwürdigste in Deutschland sei, antwortet die 2015 aus Syrien geflohene, heute in Berlin lebende TV-Köchin Malakeh Jazmati:

»Die Mülltrennung.«

Fragebogen im Börsenblatt 16.2017 vom 20.04.17

»Hat dein Verlag Umsatzprobleme und kannst du dir nur einen Geschäftsführer leisten: Nimm eine Frau.«

Narses Unternehmensberatung, Studie zur Organisationsstruktur in Verlagen, 25. April 2017, boersenblatt.net

»Wer nicht drei Firmen in den Sand gesetzt hat, wird am amerikanischen Massachussetts Institute of Technology gar nicht erst Professor. In Deutschland ist es kaum möglich, drei Firmen in den Sand zu setzen, weil es schon nach einem ersten Misserfolg kaum weitere Förderung gibt.«

Bernd Graff „München digital – Stadt der Angsthasen“, SZ 13.05.17

»The enormousness of Brexit dwarfs its protagonists«

(»Die Ungeheuerlichkeit des Brexit macht seine Protagonisten zu Zwergen.«)

Sam Knight, The Return of Tony Blair, New Yorker online 12.05.17

»Eine Ökonomie, die auf immerwährendem Wachstum gründet, braucht grenzenlose Projekte – wie eben das Streben nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit.«

Yuval Noah Harari, „HOMO DEUS – Eine Geschichte von Morgen“.

München (C.H. Beck) 2017

»Weil man Urteile über Ästhetisches nicht beweisen kann. Man kann plausibel machen, mit Passion sagen, was gefällt oder was warum nicht gefällt, aber sein Urteil belegen wie ein Mathematiker oder Jurist, das kann der Kritiker nicht.«

Joachim Kaiser, „Manchmal denke ich, ich kann gar nicht leben, sondern nur arbeiten“,

zur Rolle der Kritik in Zeitungen; aus dem SZ-Archiv zusammengestellte Antworten;

SZ Magazin Nr. 20, 19.05.17

»Irgendwann war mir Tennis wurscht. Und von diesem Moment an lief es plötzlich richtig gut.«

Laura Siegemund, „Tennis war mir wurscht“, Interview im SPIEGEL Nr. 21/2017, 20.05.17

»Damals (1984) waren Computer Fahrräder für unseren Verstand. Sie beförderten uns zu neuen Zielen. Heute ist das anders. Da lenkt mich mein Smartphone von meinen Zielen ab.«

Tristan Harris, „Dieser Mann ist das schlechte Gewissen von Google“,

Interview FOCUS Nr.  21/2017, 20.05.17

»Überlebt hat, wer erfinderisch wurde.«

Britta Beeger „Ja, sie lebt noch“ (Bericht über die deutsche Textilindustrie), FAZ 27.05.17

»Er hat es getan. Donald Trump kündigte gestern Abend den Rückzug der Amerikaner aus dem Klimaschutzabkommen von Paris an.«

Gabor Steingart im Handelsblatt Morning Briefing 02.06.17

»Donald Trump hat es getan.«

Mathieu von Rohr im SPIEGEL Morning Briefing 02.06.17

»Das Gute hat keine Ursache als sich selbst und will auch nichts als sich selbst.«

Ruth Klüger „Ich habe nicht überlebt, ich gehöre zu den toten Kindern“,

Interview mit Sven Michaelsen, SZ-Magazin Nr. 24 / 16.06.17

»In der chinesischen Philosophie gibt es das Bild, dass man sich einander nur zuneigen kann, wenn man Abstand zueinander hat.«

Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, Interview mit Tobias Haberl über MACHT, SZ 24.06.17

»Bestsellerliteratur ist dabei aus analytischer Perspektive ein Glücksfall. An ihr lässt sich ablesen, welche Themen und Darstellungen gerade ein Lebensgefühl repräsentieren und womöglich auch welche Darstellungen sie ablehnen.«

Lena Fiedler, „Jeder Zauberspruch ein Start-up – Vor 20 Jahren schrieb J.K. Rowling den richtigen Roman für die heutige Zeit. Sie entwickelte darin Ideen, die sich in der Digitalisierung zu verwirklichen scheinen.“, ZEIT-online, 26.06.17

„Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe,

ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle“.

Robert Bosch. Zitiert nach Wetzsteinbrief vom 01.07.17; Besprechung des Buches Peter Theiner: Robert Bosch. Unternehmer im Zeitalter der Extreme.

»Filme zu drehen ist wie Babys machen, da lasse ich doch auch nicht noch irgendwen mitmachen.«

Luc Besson „Über Selbstvertrauen“, Interview mit David Steinitz, SZ 15.07.17

»Wer ganz genau weiß, was seine Leser wollen, erspart sich Fehlinvestitionen und Ladenhüter.«

Philipp Ortmaier,  Sonntagsgespräch „Wir wissen genau, was Leser wollen“, BuchMarkt 13.08.17

»Kopieren Sie. …nichts – erschaffen Sie eigene Lösungen.

Räumen Sie auf. … mit überholten Denkweisen.

Bedienen Sie. … keine Klischees – übertreffen Sie Erwartungen.«

The Boston Consulting Group Anzeige zu „Ihren Aufgaben als Praktikant bei BCG“, brandeins Heft 8, August 2017

»An guten Tagen erreicht es sein Publikum, weil es gegen die Regeln verstößt, die ein Radioprogramm angeblich einhalten muss, um Hörer zu binden.«

Jens Schneider, „Höhergelegt“, Artikel aus Anlass 20 Jahre Radioeins in Berlin, der »Prototyp für ein kluges Großstadtradio«, SZ 16.08.17

»Für die Besitzer der Wirklichkeit ist Wahrnehmung schon immer suspekt gewesen.«

Herta Müller, „Ein Ausweg nach innen“ – Rede zur Eröffnung der Ruhrtriennale,

SZ 19.08.17

Auf die Frage „Sind Sie eher ein streit- oder ein harmoniesüchtiger Mensch?“ antwortete Heiner Geißler:

»Beides. Aber süchtig bin ich sowieso nicht.«

„Kohl hatte Angst vor mir. Unbegründet.“ Sein letztes Interview vor seinem Tod (12.09.17), geführt am 28.08.17,  SZ 13.09.17

»Hinter den Kulissen schlägt das wirtschaftliche Herz der Frankfurter Buchmesse: der Rechtehandel mit Medien, mit Büchern, Spielen, Filmen.«

Claus-Jürgen Göpfert „Rechtehandel boomt“, FR 12.09.17

»Hätte Strawinski beim Komponieren die ganze Zeit über an den Applaus der Massen gedacht, dann wäre keine einzige Note erschienen, weder in seinem Ohr noch auf dem Papier.«

Markus Orths „Max“, München (Hanser) 2017

»Doch er dachte nicht quer, er dachte.«

Volker Zastrow über Heiner Heißler, „Geißlers Salz“, FAS 17. 09.17

»Muss man also Magnus Grubbe {dänischer Bäcker The Bread Station in Berlin, der nur mit Wasser, Meersalz, Biomehl bäckt} vor Aldi schützen? Ich denke: nein. Er ist stärker als Aldi. Seim Brot schmeckt unverwechselbar.«

Walter Mayer „Laib und Seele“, SZ 23.09.17

»Nach dem Massenmord in Las Vegas steigen an der Börse die Werte von US-Waffenherstellern. Anleger gehen wohl davon aus, dass nun noch mehr Pistolen und Gewehre gekauft werden.«

Spiegel-Online, Meldung am 02.10.17

»Ich bin kein Prediger, ich bin Romancier.«

Robert Menasse bei einem Podiumsgespräch am SPIEGEL-Stand auf der Frankfurter Buchmesse, 13.10.17

»Sie (historische Romane) können einen nicht überrumpeln, wie es die Gegenwart nun einmal zu tun pflegt.“

Robert Harris, „Pokern ohne Karten“, Interview mit Alexander Menden über seinen Roman „München“, SZ 03.11.17

»Wer gerne lügt, schreibt viele Bücher.«

Doris Dörrie, bei der Eröffnung des Literaturfests München, Gasteig, im Gespräch mit Luzia Braun, 15.11.17

»Es ist ein Massengeschäft mit niedrigen Margen.«

Don Katz, Audible-Gründer und (nach 20 Jahren immer noch Chef) zur Bemerkung seiner Frau „Hardware sei sexy“. „Der Herr der Vorleser“ SZ 29.11.17

»Nichts ist so alt wie die Jugendsprache von gestern aus den Mündern der Erwachsenen von heute.«

Teresa Präauer, „Im Herzen jung“, Dankesrede zum Erich-Fried-Preis, gehalten am 03.12.17 in Wien;  SZ 09.12.17

»Wir brauchen keine Magie, um unsere Welt zu verwandeln; wir tragen alle Kraft, die wir brauchen, bereits in uns.«

Joanne K. Rowling, „Was wichtig ist“, Hamburg (Carlsen) 2017

»Wenn Sie ein Problem haben, müssen Sie beten. Aber wirkliche Probleme gibt es im Leben zum Glück nur ganz wenige. Dies hier ist kein Problem. Es ist eine Situation. Und für eine Situation gibt es Lösungen.«

Andrej, Computer-Techniker, zitiert nach Inken Christiansen „Der andere Adventskalender 2017/18“

Ulrich Störiko-Blume betreibt seit 2015 in München die ProjektAgentur, die Konzepte und Manuskripte vor allem im Bereich Kinder- und Jugendliteratur an Verlage vermittelt. Zuvor hat er vier Jahrzehnte in leitenden Positionen bei verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen gearbeitet, zuletzt bei Hanser. Außerdem schreibt er für BuchMarkt und andere Fachpublikationen, ist Dozent bei der Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wirkt mit im Präsidium der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

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