Buchpreisbindung: Nehmt die Lage in der Schweiz ernst!

Die gesamte helvetische Presse – mit Ausnahme der Neuen Zürcher Zeitung, die seit langem beharrlich gegen die Buchpreisbindung in der Schweiz Stellung bezieht, wohl vergessend, dass auch ihr eigener, recht hoher Kioskpreis nur durch eine entsprechende Preisbindung „marktfähig“ bleibt – hat sich für den Erhalt des festen Ladenpreises ausgesprochen und damit gegen den neuerlichen Angriff der Wettbewerbskommission in Bern (Weko) Partei ergriffen. Man sollte sich dadurch hier zu Lande jedoch nicht täuschen lassen: Die Lage ist ernst, sehr ernst. Und die meisten führenden Branchenangehörigen und -kenner in der Schweiz sind sich dessen voll bewusst.

In der deutschen Presse sieht man das nicht – abgesehen von Jürg Altwegg in der FAZ, aber Altwegg ist ein gebürtiger Züricher, der in Genf arbeitet und insofern mit den Verhältnissen in der deutschen wie der welschen Schweiz aus eigener Anschauung bestens vertraut. Aber die deutschen Journalisten haben ihre Einschätzung allem Anschein nach mehr oder weniger von deutschen Verlagsleuten, vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt oder von Presseagenturen übernommen (so etwa die SZ von der AP)

Gut. „Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beruhigt: Entscheidung der Weko ist noch nicht rechtskräftig und muss auf Betreiben der Schweizer Buchhändler noch einen langen Instanzenweg hinter sich bringen – um schließlich wohl vom Schweizer Bundesrat verhandelt zu werden“, wie Uwe Wittstock [mehr…] heute in der Zeitung Die Welt schreibt und ebenso beschwichtigend hinzufügt. „Der aber tritt, wie Beobachter sagen, mehrheitlich für die Fortführung der Buchpreisbindung ein.“

Ich weiß nicht, auf welche Beobachter sich Uwe Wittstock da bezieht. Meinen Informationen aus der Schweiz selbst zufolge, sind nur zwei Mitglieder der helvetischen Regierung – die Bundesrätin Micheline Calmy-Rey und der Bundesrat Moritz Leuenberger – für die Buchpreisbindung. Das heißt: Die große Mehrheit des Bundesrates – einschließlich des für das Innere und die Kultur zuständigen Ministers – ist dagegen.

Außerdem sind die Argumente der Weko so einfach nicht von der Hand zu weisen. Es scheint hier bei uns niemand bemerkt zu haben, dass der Konzentrationsprozess im Schweizer Buchhandel erheblich weiter fortgeschritten ist als in Deutschland. In der Deutschschweiz haben Orell Füssli, Thalia und Weltbild inzwischen über vierzig Prozent des Marktes in der Hand; in der französischen Schweiz haben Payot und die Fnac zusammen vermutlich einen noch höheren Marktanteil – und diese beachtliche Konzentration ist, wie die Weko argumentiert, trotz Buchpreisbindung zustande gekommen, obwohl doch ein Hauptargument der Fürsprecher eines festen Ladenpreises lautet: Die Buchpreisbindung soll die Konzentration verhindern.

(Ganz nebenbei: Die genannten Großbuchhändler sind in ausländischem Besitz. Die Fnac ist französisch, die Payot-Buchhandlungen gehören zum französischen Hachette-Konzern; Thalia und Weltbild sind deutsche Firmen, und an Orell Füssli ist Hugendubel – wiederum deutsch – beteiligt.)

Wie gleichgültig oder erschreckend uninformiert deutsche Verlage in Sachen Schweiz und Buchpreisbindung sind, zeigt der heutige Bericht Joachim Güntners in der NZZ [mehr…]. Er resümiert „die Grundhaltung der Branche“ folgendermaßen: „Man glaubt in Deutschland einfach nicht, dass die Schweizer Wettbewerbskommission mit ihrem Verbot der Preisbindung reüssiert. Entweder das Bundesgericht oder der Bundesrat in Bern würden den Spruch der Kartellwächter schon korrigieren.“ Was von solcher Einschätzung des Bundesrates zu halten ist, siehe oben.

Und man würde vielleicht gut daran tun, die Argumente im 81seitigen Papier der Weko genau zu studieren und sie nicht im Lobbyistennebel zu verwischen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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