Kaffeehaussitzers Netzrückblick Fundstücke aus den Literaturblogs – November 2020

Uwe Kalkowski

Der November 2020 ist zu Ende und dieses seltsame Jahr geht in die Schlussphase. Doch auch wenn gerade alles anders sein mag als gewohnt: In der Welt der Literaturblogs gibt es auch in diesem November viel zu entdecken. Unter anderem empfehle ich gleich vier sehr lesens- bzw. hörenswerte Interviews in diesem Netzrückblick.

Der Verbrecher Verlag feierte gerade sein 25-jähriges Jubiläum. Im Blog intellectures stellt Thomas Hummitzsch den Verlegern Jörg Sundermeier und Kristine Listau 25 Fragen. Und erhält spannende Antworten.

Bloggerin Constanze Matthes, die persönlich sehr mit Norwegen verbunden ist, interviewt in ihrem Blog Zeichen & Zeiten den Autor Alexander Häusser, in dessen Roman »Noch alle Zeit« eine Vatersuche und der Sehnsuchtsort Norwegen im Mittelpunkt stehen.

Ein Interview mit dem Autor Christian Baron hat Sandro Abbate auf seinem Blog novelero veröffentlicht. Es geht um den Roman »Ein Mann seiner Klasse«, um gesellschaftspolitische Fragen, um Armut, um Kapitalismus, um Literatur, den Vergleich mit Didier Eribon – und vieles mehr. Unbedingt lesen!

Und für den – gerade mit dem Buchblog-Award augezeichneten – Blog Literaturpalast spricht Tino Schlench mit dem Verleger Sebastian Guggolz, dessem engagierten Indie-Verlag wir zahlreiche literarische (Wieder-) Entdeckungen zu verdanken haben. Ein Blogbeitrag zum Anhören.

Tobias Nazemi bespricht im Blog buchrevier den Roman »Streulicht« von Deniz Ohde. Wenn dieses Buch nicht ohnehin zur Leküre bereit liegen würde – spätestens nach dieser persönlichen Buchvorstellung wäre ich auf dem Weg zu einer der Buchhandlungen meines Vertrauens gewesen.

Melanie Raabe ist eine der erfolgreichsten deutschen Thriller-Autorinnen. Jetzt hat sie ein Sachbuch verfasst. »Kreativität« lautet der Titel – und Pinkfisch-Bloggerin Sarah Reul ist begeistert.

Im Kulturjournal Fräulein Julia hat Julia Schmitz unter der Überschrift »Kulturtipps für Sofahausen« Empfehlungen gesammelt: Bücher, Serien oder Musik, die den Lockdown leichter machen. Zusammengekommen ist eine sehr abwechslungsreiche Mischung.

Und da wir gerade bei Musik sind: In meinem Blog Kaffeehaussitzer gab es zum ersten Mal eine Buchvorstellung mit eigener Playlist. Denn der Roman »Die wilde Ballade vom lauten Leben« von Joseph O’Connor hat eine wilde musikalische Gedankenreise ausgelöst.

Der November 2020 war der Monat der US-amerikanischen Schicksalswahl. Passend dazu stellt der Blog intellectures aktuelle Literatur aus den USA vor. Es sind Romane, die dazu beitragen können, die dortige komplexe gesellschaftliche Situation zu verstehen – falls dies für uns Europäer überhaupt möglich ist.

Im Blog Lesestunden erschien bereits im September ein Beitrag mit dem etwas dramatischen Titel »Vom Niedergang der Buchblogs«. Ich habe ihn erst jetzt entdeckt und musste ihn unbedingt hier aufnehmen, gibt er doch einen guten Überblick über den momentanen Stand der Dinge. Blogger Tobias Zeising beschäftigt sich mit dem Kommen und Gehen in der Bloglandschaft, mit der Verlagerung der Diskussionen in die sozialen Medien und mit dem Erfolg der Bookstagramer auf der Plattform Instagram. Bedeutet dies, dass Buchblogs ein Auslaufmodell sind? Mitnichten, findet er, denn für Buchempfehlungen jenseits des Mainstreams sind sie unverzichtbar – während es für ihn auf Instagram abseits der ausgetretenen Pfade nur sehr wenig zu entdecken gibt.

In seinem Blog listet Sören Heim elf Verbrechen gegen die Literatur auf – und setzt in Klammern gleich noch die Ironie-Kennzeichnung »Unsinnspost« hinzu. Wahrscheinlich eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme in unserem Zeitalter der Empörung. Punkt acht gefällt mir am besten …

Ich muss gestehen, dass ich zu Lyrik bisher keinen richtigen Zugang gefunden habe. Umso interessanter finde ich Beiträge wie diesen im Blog Literatur leuchtet, in dem Marina Büttner den Gedichtband »wie viele faden tief« der Dichterin Ulrike Bail vorstellt.

Am 23. November war der hundertste Geburtstag von Paul Celan. Im Blog Aisthesis würdigt Lars Hartmann diesen großen Dichter des 20. Jahrhunderts. Der ausführliche und sehr lesenswerte Text schließt mit den Worten: »Jene Landschaften und politischen Koordinaten mögen sich verschoben haben. Doch bis heute ist die Dichtung Celans nicht verloschen. Sie ist gegenwärtig. Auch durch oder gerade auch wegen ihrer Ferne und als eine Stimme, die vom Drüben her klingt. Als Dichtung in ihrer ganzen Einmaligkeit und in ihrer auch  traurigen Unwiederholbarkeit aufgrund einer Beschneidung und eines grausamen Einschnitts, der niemals mehr zu tilgen ist.« 

Zum Schluss geht es um eine schöne Tradition: Der Bloggerpreis des Gemeinschaftsblogs Das Debüt geht in die nächste Runde und wird zum fünften Mal das beste deutschsprachige Debüt auszeichnen. 2020 wurden 60 Romane eingereicht, mit denen sich die Redaktion des Blogs beschäfigt hat. Die daraus entstandene Shortlist wird in diesen Tagen an die Jury übergeben – wir dürfen gespannt sein.

Das war es wieder einmal. Ich hoffe, dass wir alle gut durch die nächste Zeit kommen. Und den Kolleginnen und Kollegen im Buchhandel wünsche ich starke Nerven für ein Weihnachtsgeschäft unter Pandemiebedingungen.

Passen Sie auf sich auf.

Uwe Kalkowski ist seit über 25 Jahren in der Buchbranche tätig und kennt sie aus unterschiedlichen Perspektiven: Als Buchhändler, als Absolvent des Studiengangs Verlagswirtschaft in Leipzig und als Mitarbeiter verschiedener Verlage. Seit August 2019 arbeitet er als Produktmanager für den Eichborn Verlag. In seinem Blog Kaffeehaussitzer schreibt er über Bücher, Literatur und Leseerlebnisse und stellt in der monatlichen Kolumne »Kaffeehaussitzers Netzrückblick« auf buchmarkt.de lesenswerte Fundstücke aus den unterschiedlichsten Literaturblogs vor. „Vollkommen subjektiv, handverlesen und rein persönlich ausgewählt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn eine solche kann es in einer so vielschichtigen Szene gar nicht geben“, wie er sagt.

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