Der Messe-Mayer Tag Zwei: Eröffnung und vier Interviews

Liebe Freunde,

herzlich willkommen zur 61. Frankfurter Buchmesse!

Das sagte ich ja am Dienstag schon. Hach, aber ich könnte es am liebsten jeden Tag sagen. Vielleicht tue ich das sogar.

Unser Gastland ist China, falls Sie es noch nicht mitgekriegt haben. Da gab es ein wenig Rummel in den Medien, wie ich hörte. Darum werde ich mich noch kümmern, überlassen Sie das nur mir. Für den gestrigen Eröffnungstag hatte ich aber zunächst mal eine Menge anderer Dinge zu erledigen: Begrüßungen, Flanierungen und Interviewungen.
Sogar in Halle 4.0

Wenn man schon mal in Halle 4.0 ist, dann kann man auch mal beim Azubistro des Börsenvereins vorbeischauen, wo gerade ein minimalistisches Theaterstück über einen Reiseführer aufgeführt wurde.

Und nächstes mal was von Lessing oder Gogol

Die Stelle mit dem Kofferpacken und den Badelatschen fand ich beinahe faustisch, aber leider zog mich der nächste Termin davon.

Auf dem Weg nach draußen musste ich noch beim Warenwirtschaftssystemprovider Bookhit vorbei. Ich wollte mir erklären lassen, was die Softwareeinbindung KIS bedeutet, die verschiedene Großhändler anbieten. Aber ich fand meine Frage von vornherein selbst so langweilig, dass die Antwort schon gar nicht an mir haften blieb. Aber ich habe einen Cappuccino bekommen, der für Halle 4.0 relativ okay war.

Eva-Maria Nobbe und Andrea Stegmann machen Andreas Kemper wett

Andreas Kempers Besuch auf dieser Messe ist die erste Ausnahme seit Jahren; und die beiden Damen sind meine Hotline, wann immer ich wissen will, was Alt+F4 heißt oder so.

Aber ich muss, nein, darf zu meinem ersten Interview: Enthüllungslegende und soziojournalistischer Crash-Test-Dummy Günter Wallraff hat sein neuestes Buch „Aus der schönen neuen Welt“ bei Kiepenheuer & Witsch herausgebracht.

Generationen von Journalisten hat dieser Mann geprägt!
Und dann diese sagenhaften, vielen Verkleidungen!

Unglaublich! Sagen Sie doch selbst!

Da Wallraffs Buch der Presse nur unter schwersten Auflagen (eine Unterschrift) zugänglich gemacht wurde, musste ich mein Gespräch auf die vorangehende Pressekonferenz aufbauen.

KiWi-Verleger Helge Malchow, Günter Wallraff

Wallraffs Expeditionen in die Wüstenbildungen der sozialen Landschaften quittiert er weniger mit Verbitterung als vielmehr mit Mitleid – häufig seien diejenigen, die Druck ausüben und Missstände wahren, selbst leidend und unter Zugzwang.

Dass er sich dabei verkleidet, ja geradezu verwandelt, ist mitunter sehr simpel, mitunter sehr aufwändig. Eine Perücke mag eine Sache sein, eine ganz andere ist es aber, sich eine wasser- und reibungsfeste und dabei natürlich wirkende afroamerikanische Haut zuzulegen.

Dennoch schätzt Wallraff sich als ganz schlechten Schauspieler ein. Wenn er vorgeschriebenen Text vorzutragen hätte, wäre das wahrscheinlich eine Katastrophe. Aber als fremder, entselbsteter Charakter macht er quasi Urlaub von sich selbst. Natürlich ist es kein Urlaub, sich bei BILD oder Callcentern einzuschleichen und sich an den Rand der Selbstverleugnung zu jobben, aber in der Regel bleibt der öffentliche Günter Wallraff seine anstrengendste Rolle. Das Abtauchen fällt Wallraff leichter als das Loslassen einer Rolle.

In Schweden teilt Wallraff bereits das schmeichelhafte Schicksal von Google und Roentgen: Er ist zum Verb geworden. „Wallraffen“ bezeichnet also mittlerweile ein eigenes Genre des Verkleidungs- und Enthüllungsjournalismus. Allerdings sei vor einer Boulevardisierung seiner Arbeit zu warnen.

Wallraff fragte mich, welche Art Journalist ich sei. Ich befürchtete, dass ich jenen Teil der Boulevardisierung abdecke, vor dem er eben gewarnt hat. Vorsichtshalber erläuterte ich, dass mein Feld sich von seinem nicht wirklich unterscheide: Ich schmuggle mich in die jeweilige Buchmesse und tue so, als arbeite ich dort.

Da Wallraff nach etwaigen und hochnotpeinliche Aufdeckungen tatsächlich auch Veränderungen herbeiführt (McDonald‘ s erlaubt mittlerweile Betriebsräte, Obdachlosenquartiere werden saniert), tritt er den Beweis an, dass Journalismus sehr wohl etwas verändern kann.

Wenn Wallraff – so meine abschließende Frage – seine körperlichen Grenzen nicht einhalten müsste, dann würde er am liebsten einmal die Rolle eines chinesischen Dissidenden einnehmen, um sich ein Bild von Repressalien, Zensur und gefährlichen Arbeitsbedingungen zu machen.

Wallraff hätte sich eine Kraftprobe zwischen Buchmesse und Gastland gewünscht und auf gar keinen Fall strittige Autoren ausgeladen. Sollen sie doch absagen, die Chinesen! DAS wäre mal eine interessante Buchmesse geworden…

Wallraff als Wallraff

Notieren: Am 15. Dezember zeigt das ZDF Wallraffs Reportage über Obdachlosigkeit, nachdem er einen Winter das Leben der Obdachlosen geteilt hat.

Ebenfalls bei KiWi laufe ich Frank Schätzing über den Weg.

Mann der Stunde

Schätzing hatte sich an einer Aktion beteiligt, die das abhilfsbedürftige Urheberrecht als metaphorische Baustelle darstellt, komplett mit Schildern und Absperrungen auf der Agora vor Halle 3.

Das denke ich auch.
Sonst hätte der schon längst eine andere Frisur.

Auch dem Comic-Zentrum habe ich heute einen ersten Besuch abgestattet. Zum einen war ich furchtbar interessiert daran, Simpsons-Zeichner Phil Ortiz zu treffen, der gerade an einem großen Simpsons-Motiv saß und tatsächlich selbst ein wenig aussah, als käme er aus Springfield.

Wie ging noch gleich der Text der Titelmelodie?

Zum anderen wollte der Ehapa-Verlag etwas feierlich enthüllen, und das wollte ich nicht versäumen.

Es gibt Geheimnisse, die sollten unter Druiden bleiben

Als mir aber klar wurde, dass unter diesem schwarzen Futteral der neueste Asterix, Band 34, verborgen war, oder zumindest seine Androhung, habe ich schnell das Weite gesucht.
Seit Goscinny verstorben ist, konnte man jeden Asterix in der Pfeife rauchen.

Von meiner eiligen Flucht bekam ich langsam Hunger, und gewiss wundern Sie sich schon, geneigte Leserschaft, wann ich denn endlich aufs Essen komme.

Nun ist man als Journalist zwar immer auf etwas neues aus, aber andererseits gibt es Dinge, die mir behagen, gerade weil sie sich nicht ändern. Dazu gehört das gute Schwarzbrot und die Rindswurst aus dem Odenwald, die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit bei Edition XXL serviert bekomme.

Und so soll es sein.
(wer braucht schon Tafelspitz?)

Eingepfercht zwischen den Real Big Playern Random House, Brockhouse und Dorling Kinderslouse hat sich der Odenwälder Qualitätsbuchdiscounter eine respektable Nische geschaffen.

Und da mein Magen ebenfalls eine respektable Nische bildet, stopft Edition XXL immer leckere Odenwälder Deftigkeiten hinein.

Auf dem Weg zum nächsten Interview komme ich am Hörbuchforum vorbei, wo der kurioseste Buchtitel des Jahres gekürt wurde. Meines Erachtens liegt schon ein Fehler darin, nicht zwischen beabsichtigter und versehentlicher Kuriosität zu unterscheiden. Absichtlich wollen sie doch allesamt originell sein. „Das Leben ist keine Waldorfschule“ ging als Sieger hervor, dabei ist der völlig ernst gemeinte Fachbuchtitel…

„Weiße Wannen — technisch und juristisch immer wieder problematisch?“

…doch wirklich durch nichts zu schlagen, was man sich kuriositätshalber ausdenken kann.

Eckart von Hirschhausen moderierte die Veranstaltung, aber weil sie so gut besucht war, musste er sich bis zu seinem Auftritt wie ich auf den Boden setzen.

Und was er für rattenscharfes Schuhwerk trägt!

Mein nächstes Interview durfte ich mit dtv-Vertreterin Bärbel Schmidt führen. Was ich denn ausgerechnet mit einer Verlagsvertreterin zu bequatschen habe? Nun, inzwischen dürfte es in der Branche kein Geheimnis mehr sein, dass Bärbel Schmidt unter dem Pseudonym Dora Heldt heimlich den Bestseller „Urlaub mit Papa“ geschrieben und damit die Bestenlisten gesprengt hat. Als Dora Heldt brachte sie ein wenig Profil und Lebenswirklichkeit in das Segment der lustigen und doch oft austauschbaren Frauenliteratur.

Wir plauderten darüber, dass Frauenliteratur einst nicht anders zu denken war als kämpferisch. Heiteres oder gar seichtes musste heimlich gelesen werden, und erst die 90er Jahre brachten mit ihren Claudia Kellers und Hera Linds frischen Wind in den lila Muff, und erst im lilafreien Frischmuffwindschatten habe sich Dora Heldt als Marke erfinden können.

literarisches Überraschungsei:
Außen Dora Heldt, innen Bärbel Schmidt
(oder war das umgekehrt?)

Natürlich war das am Anfang, als es noch niemand wusste, sehr seltsam, als Verlagsvertreterin Bärbel Schmidt die Bücher von Dora Heldt zu vertreiben. Dem Hausverlag dtv treu zu bleiben stand niemals außer Frage; und der immense Erfolg der Bücher zerstreut jeden Ruch von Bevorzugung interner Mitarbeiterliteratur.

Auch die Aha-Momente bleiben in lustiger Erinnerung – „Waaas, Du bist Dora Heldt?“ -, am ehesten noch in dieser Anekdote:
Beim Anblick eines typischen Glamour Shots sagte man zu Dora Heldt:
„Also diese Dora Heldt könnte Deine jüngere Schwester sein…“

Mein Interview wird jäh von Jubel und Applaus unterbrochen, als am Haupttor zur Halle 3 der neue Dan Brown eintrifft! Scherzhalber wurde die Anlieferung inszeniert wie eine Juwelenübergabe – der Lieferwagen parkte sich rückwärts vor dem Haupttor ein, und Lübbe-Mitarbeiter bildeten eine Personenkette, und jedes Buch wurde einzeln bis zum Lübbe-Stand durchgereicht.

Alte Schule: Die anderen Verlage neidisch machen

Ich habe mich selbst auch in die Kette gestellt, um an diesem marktwirtschaftlich wichtigen und literarisch eher niedlichen Moment teilzuhaben.
Was wohl ein, sagen wir mal, Bolaño oder ein Glavinic tun müssten, um mit solchem Tamtam ausgeliefert zu werden?

(Zumindest am Leben sein, in Bolaños Fall.)

Dtv wies mich noch auf eine Krimineuheit aus Skandinavien hin: Ein bis dato unbekannter Autor, das Werk erschreckend gut, angelegt auf drei Teile, und der erste heißt „Erbarmen“.

Aber sonst hat es nichts mit Stieg Larsson gemeinsam.
Bzw. oder hoffentlich doch.

Endlich Erbarmen?

Zwischenzeitlich erreicht mich eine Fotospende von einem meiner Maulwürfe: Bei HoCa sitzt Gerhard Schröder und führt seinen Bodyguard Gassi, wohl der alten Zeiten wegen.

Foto: Claudia Heldt

Damit ich bei solcher Prominenz auf dem Teppich bleibe, habe ich mir extra einen sehr schönen ausgesucht:

Simple-Diary-Auslegware? Das gibt es von Dan Brown nicht!

Hier stehe ich auf dem Standteppich bei Benedikt Taschen.

Bei S. Fischer treffe ich Julia Voss, die ein hochinteressantes Buch vorlegt: „Darwins Jim Knopf“. Das ist so interessant, dass ich Julia Voss unbedingt mal kennenlernen wollte. Es ist sogar so interessant, dass ich wünschte, ich hätte es vor dem Interview gelesen.

Frau Voss zeigt die zahlreichen Verbindungen auf, die von Darwins Werk und Leben zu Michael Ende führen. Ende hat gerade über „Jim Knopf“ am allerwenigsten preisgegeben, so dass Frau Voss‘ Ansichten niemals letztgültige Bestätigung erfahren werden. Aber was sie da alles an Mosaiksteinen zusammengetragen hat, ist verblüffend schlüssig und lohnt der Betrachtung.

Auch die Art und Weise, wie Darwins Theorien vom Dritten Reich missbraucht und instrumentalisiert wurden, erfährt bei Michael Ende eine Umkehr in den Gegenmythos; das arische Atlantis der Nazis wird zur Insel Jambala, die von einem schwarzen Kind regiert wird; der schandhafte Halbdrache Nepomuk zeigt allen, dass Reinrassigkeit nicht alles ist; und selbst die fafnirhafte Frau Mahlzahn wird zum chinesischen Glücksdrachen.

Evolution brachte diese Frau hervor.
Danke, Darwin.

(Endes postkolonialistische Schilderung der Chinesen und ihrer exotischen Klischeespeisen
steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt…)

Frau Voss verzieh mir, dass ich schlecht vorbereitet war; vielleicht hatte man sie auch schon vor mir gewarnt. Das Buch interessierte mich so sehr, dass ich es auf keinen Fall querlesen wollte.

Und bei diesem S.-Fischer-Interview habe ich etwas Kurioses entdeckt: Durch die exakten Größen der jeweiligen Stände berühren sich S. Fischer und deren rückwärtige Nachbarn nicht. Im Gegenteil, es ist eine Art Hohlraum entstanden, der seitens S. Fischer begehbar ist. Eine Art Phantomzone, ein Stand im Stand, der keinen Pfennig extra kostet.

Diese Fläche ist offiziell keine

Der Verlag nennt diesen Schlupfwinkel liebevoll den „toten Gang“. Ich merkte an, dass jedes größere Kreuzfahrtschiff über einen solchen geheimen Gang verfügt, und dass S. Fischer ja dann erst recht sowas braucht.

Hier begegnete ich dem Kollegen Rainer Uebelhöde vom buchreport und Hartwig Bögeholz von der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Buchhandlungen.

Einzelteile der AUB

Bögeholz hatte mich bereits letztes Jahr als Fotograf missbraucht, indem er die ganze AUB posieren ließ und mich und meine Kamera spontan für seine Zwecke befehligte. Er dachte, ich sei der georderte Fotograf; und ich dachte, naja, was soll’s, schließlich bin ich ja extra auf der Messe, um komische Leute zu fotografieren.

Aber heute fordert Bögeholz eigens ein Einzelfoto von sich und dem Contra-Thalia-Zeitungsausschnitt, der zur Zeit in aller Munde ist.

Hamses auch schon gelesen?
Ich nicht.

Ich habe den Artikel selbst noch nicht zu Gesicht bekommen, aber ich mache natürlich gerne alles, was die AUB von mir verlangt.

Südwest resp. Random House verlangen mir noch eine letzte schwere Prüfung dieses Tages ab, denn ich soll Achim Achilles interviewen.

Achim Achilles ist in erster Linie Laufkolumnist (bei Spiegel Online), aber an sich ist er auch oder sogar noch viel mehr Doktor der Philosophie und ehemaliger Chefredakteur von MAX.

Unser Interview soll eigentlich von seinem Buch „Vollzeitmann“ handeln, aber wir plaudern lieber über die Bücher anderer Autoren. Diese Darwin-Jim-Knopf-Kutsche von Julia Voss interessiert ihn besonders. Vielleicht sollten wir noch mal einen Termin zu dritt machen?

Aber auch so sprudelt Dr. phil Achilles über vor Mitteilsamkeit. Dass ich eigentlich ein Thema vorgegeben hatte – also sein Buch „Der Vollzeitmann“ – stört uns nur unwesentlich, und wir reden über die gesellschaftliche Hundeschule, durch die wir Männer nun mal durchmüssen.

Sein Buch kennzeichnet, dass es eine Kolumnensammlung ist, die sich als Patchworkroman tarnt. Alle fünf Hauptfiguren haben ein auffallend hohes, wo nicht sogar hippes Maß an Selbstreflektion.

Irrsinn zu schreiben ist für Achilles eine Art Urlaub. Dass bei diesem Mann Irrsinn und Urlaub dicht beieinander liegen, kommt nicht von ungefähr.

war ja klar, dass ich mich mit so einem gut verstehe

Den Namen Achim Achilles wählte er aus Alphabetgründen, damit er auf Lauflisten immer schön weit vorne steht; und seine Fiction Faction entzieht sich jedwelchem Ursachengegründel. Achilles schreibt so, wie die Leute (äh, die Männer also) denken und fühlen, aber wie nur ein Achilles es tatsächlich beobachten kann.

„Denken“ und „fühlen“ sind zwei gute Stichwörter, die aus diesem fünfkolumnenlangen Bericht hervorragend hinausführen:

1. Ich fühle mich neben dem Grüffelo nicht wohl.

2. Ich denke, ich habe eben Peter-Uwe Sperber gesehen.

Und Zecken hat das Biest! Und stinken tut es, sage ich Ihnen!
Fast hätte ich ihn nicht erkannt

So, uff. Das war aber auch viel heute.

Ich wünsche Ihnen einen guten Donnerstag!

Berühmte chinesische Autorinnen, Teil 2:
Mulan

Ihr

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com
www.herrmayer.com

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