Das Sonntagsgespräch Literaturagentin Natalja Schmidt über das Geschäft mit Fantasy

Natalja Schmidt

Boomthema Fantasy: die Literaturagentur Schmidt & Abrahams in Heidelberg von Natalja Schmidt und Julia Abrahams hat sich ganz diesem Genre verschrieben.

Schmidt stammt ursprünglich aus Werdohl, einer kleinen Stadt im Sauerland. In Berlin und Marburg hat sie Literaturwissenschaft, Politik und Kunstgeschichte studiert und nach dem Magisterabschluss lange als Lektorin gearbeitet, unter anderem für die Verlage Heyne, Weltbild und Lübbe. Seit 2005 führt sie zusammen mit Julia Abrahams, die ebenfalls Literaturwissenschaften studierte und dann als Lektorin arbeitete, die Agentur.

GERHARD BECKMANN: Die Fantasy-Literatur boomt, auch in Deutschland. Inzwischen macht sie bei uns umsatzmäßig vielleicht sogar zehn Prozent der verkauften Belletristik aus. Haben Sie das geahnt, als Sie und Julia Abrahams vor vier Jahren die Literaturagentur Schmidt & Abrahams gründeten – meines Wissens die einzige mit dem Schwerpunkt Fantasy hier zu Lande?

NATALJA SCHMIDT: Fantasy erlebte zu unserem Gründungszeitpunkt bereits einen ordentlichen Aufschwung in Deutschland, nicht zuletzt wegen der immens erfolgreichen Tolkien-Verfilmung durch Peter Jackson und natürlich auch durch den Zauberlehrling Harry Potter. Auf der Buchmesse 2004 wurde dann von Verlagsseite an uns herangetragen, ob wir nicht einen viel versprechenden deutschen Nachwuchsautor kennen würden. Wir kannten, und daraus entwickelte sich schließlich die Agentur.

GERHARD BECKMANN: Haben Sie eine besondere persönliche Beziehung zur Fantasy-Literatur?

NATALJA SCHMIDT: Ja, als Leserin schätze ich gute Phantastik und Science Fiction sehr. Ich habe auch meine Magisterarbeit über Frauenbilder in der SF geschrieben, und als begeisterte Kinogängerin kann ich kaum einem Film widerstehen, der mit epischen Schlachten wirbt. Julia Abrahams ist ebenfalls ein Fan des Phantastischen, wobei wir aber jeweils andere Schwerpunkte setzen. Ich glaube, man kann sich kaum erfolgreich auf ein solches Genre spezialisieren, ohne sich der Materie auch verbunden zu fühlen.

GERHARD BECKMANN: Ihre Agentur vertritt ausschließlich deutschsprachige Autoren…

NATALJA SCHMIDT: …das ist nicht ganz richtig, da wir mittlerweile auch einige Lizenzen im Portfolio haben, so z.B. die Werke des amerikanischen Autors Peter S. Beagle und einige Titel der französischen Verlage Bragelonne und Tournon. Weitere Kooperationen, zum Beispiel mit einer russischen Agentur, sind in Planung…

GERHARD BECKMANN: …aber im wesentlichen sind Ihre Autoren ja doch deutschsprachig. Wie gelangten Sie damals, als Sie die Agentur gründeten, zu der Überzeugung, dass Sie mit deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern Fortüne haben könnten? Fantasy ist schließlich ein Genre, das aus England und Amerika zu uns herüberschwappte…

NATALJA SCHMIDT: ….natürlich besitzt Tolkien, mit dem ja die moderne Fantasy-Literatur gewissermaßen begann, einen einzigartigen Stellenwert. Dennoch trifft es meiner Ansicht nach nicht 100%ig zu, dass die phantastische Literatur im Gesamten zu uns „herüber schwappte“. Es gibt z.B. eine durchaus interessante Diskussion darüber, ob die Fantasy-Literatur die legitime Erbin der Romantik sei und somit auch hierzulande Wurzeln hat.

Und in Deutschland besitzt die moderne Phantastik mittlerweile auch schon eine gewisse Tradition: Michael Ende schrieb bereits Ende der 70er Jahre phantastische Geschichten, Wolfgang Hohlbein liefert seit den 80ern regelmäßig Bestseller-Material, und Andreas Eschbach wurde lange vor dem Fantasy-Boom dieses Jahrzehnts berühmt. Lesenswerte und erfolgreiche Vertreter des Genres gab und gibt es über Tolkien hinaus in vielen Ländern. Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, deutschsprachige Talente entdecken und fördern zu wollen.

BECKMANN: Die großen Erfolge werden ja bis heute meist mit Büchern von Autorinnen und Autoren aus Großbritannien und den USA erzielt…

NATALJA SCHMIDT: … auch das ist so inzwischen nicht mehr korrekt. In der Phantastik haben die deutschen Autorinnen und Autoren in den vergangenen Jahren kräftig aufgeholt. Cornelia Funkes „Tintenherz“ ist ein prominentes Beispiel für einen internationalen Erfolg, aber auch „Die Zwerge“ von Markus Heitz haben sich in Deutschland über eine Million Mal verkauft und erscheinen inzwischen als Lizenz in der halben Welt, darunter auch in den USA und Großbritannien. Und die Liste nationaler Fantasy-Bestseller ist mittlerweile ziemlich lang.

GERHARD BECKMANN: Haben von Ihnen und Julia Abrahams vertretene deutschsprachige Autoren auch bereits größere Verkaufsauflagen oder sogar Bestsellerstatus erreicht?

NATALJA SCHMIDT: Glücklicherweise ja – alle drei „Trolle“-Romane von Christoph Hardebusch hielten sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste; mittlerweile wurden von den Troll-Romanen mehr als 250.000 Stück verkauft.

GERHARD BECKMANN: Ein Vorwurf, den man immer wieder hört, geht dahin, dass die meiste heutige Fantasy-Literatur Austauschware ist, dass es zu wenige Titel und Autoren mit eigener Stimme und originalem Anspruch gibt….

NATALJA SCHMIDT: Schon allein wegen der Vielfalt der heute erscheinenden phantastischen Titel halte ich diesen Vorwurf für zu kurz gegriffen. Natürlich erscheinen in der Fantasy auch eine Menge austauschbarer Titel, aber in welchem Genre ist das eigentlich anders? Die Bandbreite in der phantastischen Literatur reicht mittlerweile von Urban Fantasy, wie Neil Gaiman oder Christoph Marzi sie schreiben, über Dark Romance – man denke an die immens erfolgreichen Vampirgeschichten von Stephenie Meyer oder Tanja Heitmann – bis hin zu epischer Fantasy, für die George R.R. Martin oder eben Markus Heitz gute Beispiele sind. Und dazwischen ist dank des immensen Erfolges der Fantasy viel Raum für Experimente entstanden.

Christoph Hardebusch schreibt z.B. gerade an einer genau recherchierten, hochinteressanten historischen Fantasy-Story, in der die Dichter Byron, Shelley und Keats als Protagonisten auftauchen – zu lesen ab Herbst bei Heyne. Und im kommenden Jahr erscheint ein wundervoll literarischer Gaslicht-Roman von Oliver Plaschka bei Klett-Cotta, der im Paris der 20er Jahre spielt.

GERHARD BECKMANN: Wie insbesondere aus den USA berichtet wird, hat die Zahl von Autoren, welche Fantasy schreiben, während der letzten zehn Jahre, also nach den Megabestsellern von J.K. Rowling und den Kassenhits der Harry Potter-, Herr der Ringe- und Narnia-Verfilmungen geradezu sensationelle Ausmaße angenommen. Trifft das auch auf den deutschsprachigen Raum zu?

NATALJA SCHMIDT: Ich kann zwar nicht beurteilen, wie die Angebotslage vor zehn Jahren war, aber ich würde schon sagen, dass die Manuskriptflut immer weiter zunimmt. Als der Heyne-Verlag kürzlich einen Fantasy-Schreibwettbewerb auslobte, erhielt er binnen weniger Wochen mehr als 1400 Einsendungen. Und unser Briefkasten ist auch nie leer.

GERHARD BECKMANN: Wie viele Manuskripte von Fantasy-Literatur treffen bei Ihnen monatlich so ein?

NATALJA SCHMIDT: Wir bekommen insgesamt durchschnittlich zwischen 40 und 50 Manuskripte im Monat angeboten, das verteilt sich natürlich auf alle Genres, die wir vertreten. Die Fantasy macht aber mit ca. zwei Dritteln den größten Teil der Angebote aus.

GERHARD BECKMANN: Aus der angelsächsischen Welt wird ebenfalls berichtet, dass immer mehr Teenager Fantasy-Romane und -Erzählungen schreiben und auch zur Veröffentlichung bringen. Das berühmteste Beispiel dafür ist ja wohl Christopher Paolini, dessen erster „Eragon“-Roman erschien, als er 17 Jahre alt war. Haben Sie Ähnliches in Deutschland beobachtet? Wissen Sie von deutschen Jungen und Mädchen, die Fantasy-Literatur schreiben? Haben Sie selbst schon derartige Manuskripte Verlagen angeboten?

NATALJA SCHMIDT: Ja, das Einstiegsalter für Fantasy-Autoren scheint deutlich unter dem etwa von Krimischreibern zu liegen. Tatsächlich ist es so, dass sehr viele Fantasy-Leser auch selber schreiben. Zudem gehören die jungen Fans zu einer technikaffinen Generation, die schon damit aufgewachsen ist, ihre Ideen und Geschichten im Internet zu publizieren. Viele denken dann: Der Weg von meiner Idee zu einem Roman ist nicht so weit. Wir bekommen etliche Einsendungen von Teenagern, aber einen deutschen Christopher Paolini haben wir bislang (leider!) noch nicht entdeckt.

GERHARD BECKMANN: Wie viele von den bei Ihnen unverlangt eingehenden Fantasy-Manuskripten nehmen Sie an, um sie dann Verlagen anzubieten?

NATALJA SCHMIDT: Nur sehr wenig. Ich würde schätzen, zwischen 2% und 5%, je nachdem, was uns gerade angeboten wird.

GERHARD BECKMANN: Wie ist die durchschnittliche Qualität der eingereichten Manuskripte?

NATALJA SCHMIDT: Einen Durchschnitt zu bilden, fände ich für keine Seite fair – das würde weder den exzellenten noch den ganz schlechten Manuskripten gerecht. Oft ist die Qualität auch in Teilbereichen unterschiedlich. Mancher Autor hat eine interessante Idee, aber Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung des Textes. Manche haben schlicht Probleme mit der deutschen Sprache. Viele Texte sind formal korrekt, aber die Geschichte ist einfach schon zigmal erzählt worden. Und dann gibt es natürlich noch die Fälle, bei denen gar nichts stimmt. Oder – ganz selten – einfach alles.

GERHARD BECKMANN: Auch bei uns lassen sich immer mehr Autorinnen und Autoren von einer literarischen Agentur vertreten. In etlichen Verlagshäusern wird mittlerweile beklagt, dass leider auch die von Agenturen angebotenen Manuskripte und Exposes inzwischen zu oft von minderer Qualität, gar nicht selten sogar „unter aller Sau“ sind. Daraus ist zu schließen, dass etliche deutsche Literaturagentinnen und -agenten, darunter auch namhafte, es an einer nennenswerten lektoralen Betreuung ihrer Autoren und einer nötigen redaktionellen Bearbeitung von Exposés und Manuskripten mangeln lassen – an einem handwerklichen Engagement, das heute eigentlich zur professionellen Arbeit von Literaturagenten gehören müsste. Könnte auch Ihrer Agentur solch ein Vorwurf gemacht werden?

NATALJA SCHMIDT: Uns ist die Betreuung unserer Autoren sehr wichtig. Gerade, weil wir auch etliche Debut-Autoren im Portfolio haben, ist es für uns selbstverständlich, einen Text auch redaktionell, zum Beispiel durch ein Vorlektorat, zu betreuen. Wir wollen den Verlagen schon die bestmöglichen Angebote machen und arbeiten nicht nach dem Gießkannenprinzip. Dennoch denke ich, dass die eigentliche Lektoratsarbeit Sache der Verlage ist und eine Aufgabe, die Agenturen nicht leisten müssen. Da Agenturen prinzipiell ja auch von dem Ruf leben, den sie bei Verlagen genießen, müssen unsere Ansprechpartner dort sich auf unsere Kompetenz bei der Auswahl der Manuskripte und bei Empfehlungen verlassen können. Ich kann mir darum nicht vorstellen, dass eine seriöse Agentur das leichtfertig aufs Spiel setzt.

GERHARD BECKMANN: Mit wie vielen Verlagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeiten Sie inzwischen zusammen?

NATALJA SCHMIDT: Wir arbeiten mit etwas über 25 Verlagen zusammen, darunter zahlreiche große Namen, wie die Verlage des Konzerns Random House, aber auch Klett-Cotta, S. Fischer, Droemer Knaur und ein paar kleine, feine Namen wie Spreeside und Gmeiner.

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