Beckmann kommtiert Ein echter Skandal, Teil zwei: Erstmals Genaueres über die internen Probleme und das Missmanagement eines Großfilialisten – sollen Verlage mit erhöhten Konditionen dafür haftbar gemacht werden?

Michael Rakusin von Tower Books ist mit dem ungeheuerlichen Ansinnen des australischen Großfilialisten Angus & Robertson an die Öffentlichkeit gegangen und hat damit landesweit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst [mehr…]. Wieviele Verlage den Forderungen nachgegeben haben, ist nicht bekannt, nur: Das australische Zweigunternehmen des renommierten britischen Kinderbuchverlags Walker Books hat angedeutet, es könne sich nicht erlauben, den Umsatz mit 182 Buchhandlungen – die Anzahl der A & R Filialen – sausen zu lassen. Die Taktik ist also zumindest teilweise wahrscheinlich aufgegangen.

1
Michael Rakusin hat die Angelegenheit aber nicht nur publik gemacht. Er hat für sich auch die Konsequenzen gezogen, wie seine – ebenfalls öffentlich gewordene – Antwort an Angus & Robertson zeigt:

„Sehr geehrter Mr. Rimmer,
wir bestätigen den Eingang Ihres Schreibens vom 30. Juli 2007, der unsere weitere Zusammenarbeit mit Angus & Robertson beendet. Wie von Ihnen verlangt, werden wir am 17. August alle Angus & Robertson-Order stornieren und künftig von weiteren Lieferungen Abstand nehmen…“

Nun zählt Tower Books als Verlag mit einem breiten, eher populären Sachbuch- und Ratgeberprogramm plus anspruchsvoller Belletristik zu den unabhängigen Häusern von bescheidener mittlerer Größe. Ihm ist aber auch eine Auslieferung mit immerhin 400 anderen Verlagen teils kleiner inländischer, teils kleiner bis großer ausländischer Verlage insbesondere aus den USA, Großbritannien, den Niederlanden, Italien, Frankreich wie der Bundesrepublik (Taschen) angeschlossen, die alle Buchsparten abdeckt. Michael Rakusin verfügt somit über eine ziemlich solide Kenntnis des breiten australischen Marktes, die in der Argumentation seines Briefs ihren Niederschlag findet. Und auf diese Weise hat die Öffentlichkeit – wiederum erstmals – zumindest partiell Aufschluss über die Organisation, Arbeitsweise und geschäftliche Entwicklung eines Großfilialisten sowie deren Auswirkungen auf Verlage bekommen. Rakusin geht dann in die Offensive. Er fährt fort:

„…Wir haben beobachtet, wie unser Umsatz mit Angus & Robertson seit 2000 Jahr um Jahr schmolz. Wir haben von Ihrer Seite die Kosten unwirtschaftlich kleiner Bestellungen in Folge von Eigentümerwechsel, einer Umstellung auf das Datenprogramm SAP, eines neuen Managements und von Lagerüberbeständen tragen müssen. Kurzum: Unser Umsatz mit Ihnen ist seit Ende 2000 bis 2007 von über A$ 1,2 Millionen auf A$ 600.000 gefallen.“

Anders gesagt: Rakusin behauptet, wegen einer Serie von internen Problemen bei Angus & Robertson die Hälfte seines Umsatzes mit dem Großfilialisten verloren zu haben. Das ist starker Tobak. Konnte der Rückgang nicht auch an einem veränderten, weniger attraktiven Programmangebot gelegen haben? Dazu Rakusin:

„Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der Tatsache, dass während des gleichen Zeitraums unser Umsatz mit den anderen großen australischen Filialisten Dymocks, Book City, QDB und Borders um zweistellige Prozente wuchs, dass unser Umsatz auch mit Ihren Franchise-Läden substantiell zunahm und dass unser Gesamtumsatz in der gleichen Zeitspanne um mehr als 50 Prozent gewachsen ist.“

Der Abwärtstrend des Tower Books-Umsatzes bei Angus & Robertson stellt folglich eine singuläre, auf den Großfilialisten beschränkte Ausnahmeerscheinung dar und kann somit nur von ihm verursacht worden sein. Dergleichen Klartext ist in der Buchbranche wohl auch noch nie und nirgends offen gesprochen und öffentlich geworden.

2
Nicht genug damit. Rakusin greift auch den geschäftlichen Umgang von Angus & Robertson mit Verlagen an. Er rückt damit die Halbierung des Umsatzes noch in ein anderes Licht. Er fährt fort:

„Sechs Jahre zuvor war es uns gestattet, Vertreter in Ihre Buchhandlungen zu schicken und dort die angemessene Bevorratung unserer Titel zu überprüfen. Dann wurden diese Vertreter ‚ausgeladen’, und wir mussten uns mit monatlichen Besuchen Ihrer zentralen Einkaufsstelle begnügen. Anschließend war Ihnen auch das zuviel des Aufwands, und wir wurden ersucht, unsere Novitäten auf elektronischem Wege zu präsentieren. Da gab es dann alle paar Monate eine neue, kompliziertere Schablone. Im laufenden Kalender-Jahr war uns vierteljährlich ein Besuch Ihres Zentraleinkaufs zugesagt, bei dem uns Gelegenheit zu Verkaufsgesprächen mit allen Einkaufsleitern für die verschiedenen Waren-Kategorien gegeben werden sollte. Bei dem ersten Treffen waren auch alle anwesend, Sie haben jedoch keine einzige unserer Novitäten geordert. Bei dem zweiten Treffen stand uns bloß ein Einkaufsleiter zur Verfügung; zu Bestellungen kam es wiederum nicht. Beim letzten Besuch waren zwei Einkaufsleiter zugegen. Bei all diesen Zusammenkünften hat Ihr überarbeiteter und personell unterbesetzter Zentraleinkauf nicht die Zeit gehabt, sich auch nur einen der neuen Titel anzuschauen, geschweige denn zu lesen.

Dass Angus & Robertson um eine höhere Marge kämpft, überrascht mich nicht. Was mich erstaunt, ist, dass Ihrem ‚Management’ nicht klargeworden ist: Einem Computerprogramm kann man sein Schicksal nur bis zu einem gewissen Punkt anvertrauen, und es gibt auch nur eine begrenzte Anzahl von ‚sweetheart’-Vereinbarungen mit Großauslieferungen. Danach kommt es darauf an, die Ware im eigenen Geschäft zu kennen und den Zentraleinkauf in angemessener Weise zu besetzen. Am allerwichtigsten: Man muss ein kompetentes Verkaufspersonal ausbilden. Sie werden nur florieren, wenn Angus & Robertson wieder ‚Bücher’ führt. Bei Ihrem Geschäftszweig haben reine Kostenreduzierungsprogramme ihre Grenzen. Zum übrigen scheint es mir von höchster Bedeutung, dass Sie aufhören, Ihre Probleme auf die Lieferanten zu schieben und sich stattdessen auf Ihre zentralen Inkompetenzen konzentrieren und deren Probleme lösen.“

Der Kernvorwurf Rakusins: Angus & Robertson hat sich eines höheren Gewinns halber einer drastischen Rationalisierung und Kostenreduzierung in seinen Arbeitsläufen verschrieben und dabei die Erhaltung seiner Funktionsfähigkeit als Buchhändler aus den Augen verloren. Und dieser Vorwurf ist in der Öffentlichkeit und bei den Medien ein Volltreffer gewesen.

In den A & R-Filialen sind dummerweise nämlich auch zwei Rennpferde aus dem Tower Books-Stall nicht vertreten: Der als Buch des Jahres ausgezeichnete Roman Carpentaria von Alexis Wright und ein Titel, der seit neun Jahren ziemlich hoch oben auf Bestsellerlisten rangiert. Weshalb nicht? Auf Grund der bis zur Inkompetenz herunterrationalisierten Einkaufsabteilung von Angus & Robertson? Wegen einer lediglich 45prozentigen statt der von A & R seit Jahren geforderten 50prozentigen Grundrabattierung? Egal – die australische Bevölkerung hat den Eindruck gewonnen, dass der Großfilialist nicht die Interessen und Bedürfnisse der Buchkäufer wahrnimmt, sondern primär auf die eigene Gewinnmaximierung setzt.

3
An dieser Stelle ist für unsere Leser vielleicht eine Erläuterung hilfreich. Die australische Buchwelt ist – wie übrigens die der meisten Länder – in einem fundamentalen Punkt mit der deutschen nicht vergleichbar. Dort gibt es keine Barsortimente. Und das heißt: Wenn Angus & Robertson einen Verlag bzw. eine Verlagsauslieferung auslistet, also von ihm direkt nichts bezieht, werden dessen Titel und Autoren in seinen Filialen überhaupt nicht mehr geführt und verkauft; sie werden selbst auf Kundennachfrage nicht bestellt. Eine Auslistung kommt folglich einem Totalembargo für den betroffenen Verlag und seine Autoren gleich.

Daran zeigt sich noch einmal ganz besonders der Mut Michael Rakusins, den Erpressungsversuch als Kündigung der laufenden geltenden Vereinbarungen mit A & R zu verstehen und demgemäß seinerseits allen Geschäftsverkehr mit dem Großfilialisten abzubrechen. Es macht aber auch die Empörung der australischen Öffentlichkeit noch verständlicher. (Eine breite Auslistung von Verlagen wäre freilich – trotz unserer Barsortimente – auch im deutschen Sprachraum nicht ohne gravierende Folgen. Dazu mehr später.)

4
Volker Gollenia, Geschäftsführer der ZMV Medien Vertriebs GmbH , hat an die Redaktion des BuchMarkt – er moniert meine vorausgegangene Kolumne [mehr…] zu diesem „australischen“ Thema – appelliert, sie solle „als unabhängiges Branchen-Sprachrohr Fairness walten lassen und auf reißerische Überschriften und Kommentierungen“ „verzichten.“ Er verwehrt sich dagegen, dass „Herr Beckmann doch bereits drohende Gefahren dahingehend“ orakelt, „dass solche – wie er selber aber einräumt – einmalige Gepflogenheiten auch bei uns übernommen werden könnten. Dies gießt mal wieder Öl ins Feuer der manchmal eher emotional geführten Debatten über die ‚bösen’ Filialisten. Es ist, wenn man es eng nimmt, die Unterstellung, auch bei uns würden die Filialisten ihre Marktmacht erpresserisch ausnutzen, um die Verdrängung voranzutreiben. Ich möchte hier nicht als Anwalt der Filialisten auftreten. Ich bin allerdings in den vielen Jahren meiner Zusammenarbeit mit großen und kleinen Filialen unseres Buchhandels niemals auf derartige Ansinnen gestoßen. Ich habe auch nie das Gefühl gehabt, ‚erpresst’ zu werden. Ganz im Gegenteil habe ich die vielen Partner bei diesen Unternehmen immer als seriöse, kompetente und faire Geschäftspartner kennen und schätzen gelernt…“

Es lag und liegt mir wirklich fern, die Seriosität, Kompetenz und Fairness der Leiter von deutschen, österreichischen und schweizer Filialisten anzuzweifeln. Ich möchte auch keineswegs unterstellt haben bzw. unterstellen, dass „sie ihre Marktmacht erpresserisch ausnutzen, um die Verdrängung voranzutreiben“. Dass sie, ihre Marktmacht nutzend, die Verdrängung vorantreiben, steht allerdings wohl außer Frage. Übrigens: Ohne Michael Rakusins mutigen Schritt hätte es auch in Australien niemand für möglich gehalten, dass Angus & Robertson sich auf diese Weise verhielte. Und nur dank Rakusin hat nun diese erstmalige– im Sinne von bisher einmalige – Vorgehensweise überhaupt bekannt werden können.

Ist etwas irgendwie Ähnliches hierzulande als Möglichkeit, als Gefahr anzudeuten, wirklich „reißerisch“? Wir dürfen für unseren hochzivilisierten Sprachraum gewiss den Ton, die Gangart eines Vorgehens wie bei Angus & Robertson ausschließen; er war bislang allerdings auch in Australien unvorstellbar. Und es sei in Erinnerung gerufen, dass Amazon auch schon mal einen Verlag (Diogenes) auslistete, weil er nicht auf seine Konditionsforderungen eingehen wollte [mehr…]. Es dürfte zudem noch nicht ganz vergessen sein, dass Thalia von Verlagen – erstmalig – eine völlig ungewohnte Filial-Neueröffnungsprämie forderte – ein Ärgernis, das nach breiter Empörung in der Branche dann von der Douglas Holding höchstselbst wegzuerklären für nötig befunden wurde. [mehr…]

In dem ganzen Zusammenhang geht es nicht um persönliche Fairness, Kompetenz und Seriosität. Es geht um firmensituative Zwänge. Angus & Robertson hat, einem australischen Blogger zufolge, in der ersten Hälfte seines eben zu Ende gegangenen Geschäftsjahres immerhin A$ 90.000.000 Gewinn gemacht, also in etwa eine Umsatzrendite von 6 bis 7 Prozent erwirtschaftet – die den Eigentümern von Pacific Equity Partners offenbar nicht genügt. (Für die möglichen Gründe siehe die vorherige Kolumne.) Wie hoch wird der Gewinn deutscher Filialisten angesichts ihrer par force-Expansion der jüngsten Zeit mit entsprechendem Kapitalbedarf und eventueller Zinslast sein? Ungefähr zwei Prozent? Das wäre nicht eben sehr beglückend. Auf der letzten Wirtschaftspressekonferenz von Thalia schien es bereits notwendig, ihre offenbar enttäuschend niedrige Höhe mit dem Hinweis auf Anlaufkosten zu kommentieren.

Zur Zeit laufen, wie aus verlässlichen Quellen zu hören ist, von Seiten von Thalia wie DBH mit etlichen Großverlagen Gespräche über gewünschte Konditionsaufbesserungen, bei denen – Boni, Werbekostenzuschüsse etc. inklusive eine 2- bis 3prozentige Anhebung erreicht werden soll.

Und noch sonnen unsere Großfilialisten sich in den Umsatzsteigerungen, die sie durch Neueröffnungen und Firmenaufkäufe erzielen. Warten wir’s ab. Warten wir ab, mit welchen Forderungen der eine oder andere deutsche Großfilialist in ein bis zwei Jahren Verlage konfrontieren wird, wenn seine Rendite wegen der Folgen der – übrigens auch erstmaligen – Wachstumsrasanz gegen Null sinken sollte: was manche Beobachter keineswegs für undenkbar halten.

Von dem australischen Verleger Michael Rakusin ist aber noch einiges andere zu lernen. Fortsetzung folgt.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.