Beckmann kommtiert Ein stetiges Wachstum der unabhängigen Verlage in Großbritannien

Die Konzentration von Verlagswesen und Buchhandel ist in Großbritannien weitaus fortgeschrittener als bei uns,. Davon hören wir immer wieder. Andererseits ist seit einiger Zeit jedoch ein Aufblühen unabhängiger Firmen spürbar. Dafür gibt es nun handfeste neue Belege.

Verlagsneugründungen nehmen kontinuierlich zu – während der letzten drei Jahre um fast sechs Prozent., wie das Branchenorgan „The Bookseller“ berichtet. Die Mitgliederzahl der Independent Publishers Guild (IPG) ist von 440 auf 515 angestiegen. So viele sind es noch nie gewesen. Ihr Jahresumsatz reicht von wenigen tausend bis, bei Faber, dem größten, zu 16 Millionen Pfund.

Der allgemeine Trend wird bestätigt von der Nielsen Registration Agency, die in England die Verlags ISBN-Kennnummer ausgibt. Während sich 2006 dort 2470 Verlage neu registrieren ließen, sind es im vergangenen Jahr 2.900 gewesen, und von denen meldeten sich 2.600 mit zehn Titeln an – das Minimum, bei weniger Titeln wird ein Antrag nicht berücksichtigt; 230 traten immerhin mit hundert Titeln an.

Laut „Bookseller“ schätzt Nielsen, dass in Großßbritannien heute insgesamt 20.0000 Verlage aktiv sind.

Zur Erklärung der Renaissance unabhängiger Häuser werden im „Bookseller“ vier Gründe erwähnt. Erstens, dank neuer Technologien. „ist es heutzutage einfach leichter, Bücher herauszubringen“, und zweitens: „Es gibt eine zunehmende Zahl von Profis, welche die größeren Konzernverlage verlassen, um einen eigenen Verlag zu gründen“, sagt Bridget Shine, die IPG-Geschäftsführerin.

Anders gesagt: Das unabhängige Verlegertum wird laufend professioneller, so dass es gegenüber den Großen immer besser mithalten kann. Das macht sich insbesondere im Vertriebsbereich bemerkbar: der dritte Punkt. Simon Petherick, der 2006 den Verlag Beautiful Books ins Leben rief, formuliert es so: „Wenn man ein Marketing-Konzept entwickelt, sich anstrengt es umzusetzen und bereit ist, auf die Richtlinien des Bucheinzelhandels einzugehen, zeigt man sich dort aufgeschlossen. Für unabhängige Verlage ist eine gute Zeit angebrochen.“

Notabene: So sehr unabhängige Verlage auf unabhängige Sortimenter setzen und – wie insbesondere die innovative Independent Alliance unter dem Verleger von Faber – sie mit neuen Kooperationsmodellen fördert, so sehr haben sie – allen voran wieder die Independent Alliance mit ihren gemeinsamen Strukturen für Vertrieb Werbung und PR – Wege gesucht und gefunden, um Titel ihrer Programme auch bei den Ketten ins Verkaufsspiel zu bringen. Hier haben ihre deutschen Kollegen noch viel zu lernen.

Möglich ist das allerdings auch geworden, weil die Programm-Nivellierung britischer Großverlage mittlerweile von einer wachsenden Leserschaft als unbefriedigend empfunden wird. Es gibt – und da ist schließlich die vierte Erklärung für den neuen Trend – immer mehr Kunden auf der Suche „nach dem besonderen anderen“ Angebot, das sie bei unabhängigen Verlagen erwarten und finden, bei Verlagen, die sich neuen Autoren bzw. Themen zuwenden und Risiken eingehen. Dazu, also auf ein schnelles Eingehen auch neuen öffentlicher Buchinteressen – so wird Tom Chalmers von der Legend Press im Bookseller zitiert – seien die Großverlage so prompt nicht imstande. Doch, wie gesagt: Mit dem Herausbringen von interessanten Novitäten, mit Programm-Engagement allein wäre es auch nicht getan, „managen“, gut managen müssen auch die Kleinen.

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

(Die vorige Kolumne finden Sie hier [mehr…]. Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.)

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