ARCHIV Günter G. Rodewald über den argentinischen Gastauftritt, den neuen Literaturnobelpreisträger und die Plattform newspanishbooks.de

Der Berichterstatter aus Barcelona meldet sich wieder zurück an Deck der MS BuchMarkt und hofft, seiner Bordwache wieder in regelmäßigem Törn nachkommen und seine periodischen Beobachtungen ins Logbuch eintragen zu können. Es waren wichtige Arbeiten im Trockendock der Agentur notwendig, die einen längeren Landgang nötig gemacht und Fahrten über das Korrespondentenmeer einige Gezeiten lang verhindert hatten.

Die neuesten, etwas ungeordneten Eintragungen ins Schiffstagebuch stammen aus der letzten Woche aus dem Messehafen von Frankfurt am Main, wo der BuchMarkt-Korrespondent seinem Nebenberuf nachging, dem des Literaturagenten.

Argentinien wünscht man, dass die Ernte der Früchte, die ihm als Gastland der Buchmesse in den Baum gehängt wurden, lange und nachhaltig in den Lagern gehalten werden. Das Angebot, das aus Buenos Aires, vom Río de la Plata, aus Patagonien über den Ozean nach Europa geschwemmt wurde, ist zu wertvoll und facettenreich, als dass es das Schicksal so vieler in der Vergangenheit hektisch für die Messethemen akquirierter Romane und Autoren erfahren sollte, die oft viel zu schnell wieder verklappt wurden, nachdem sie ihre Alibifunktion in den Katalogen vor allem der deutschsprachigen Verlage erfüllt hatten.

Gerade den Büchern, deren Inhalte sich um die Bewältigung der Junta-Vergangenheit drehen, sollte ein langes Leben beschert bleiben, zu wenig weiß man außerhalb, hier in Europa, und sogar auch immer noch innerhalb Argentiniens, was wirklich da drüben in den Jahren der Folter und Morde der zahlreichen und jahrhundertelangen Militärdiktaturen bis 1983 geschah und in welcher Situation die noch junge Demokratie heute dort steckt.

Ein anderes Land vom lateinamerikanischen Kontinent erntete parallelen Messe- und Presseapplaus, obwohl sich Peru und Spanien geradezu darum drängeln, wer von ihnen den größeren Anspruch auf den diesjährigen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa erheben darf; der Peruaner ist eben auch spanischer Staatsbürger, selbst der König von Spanien besteht von seinem Thron aus auf diesem Detail.

Der Korrespondent hatte ein Tonaufnahmegerät auf der Messe dabei und nutzte die Gelegenheit, eine Agentenkollegin aus Spanien nach ihrer Meinung zu der Preisvergabe zu befragen. Hier ein Auszug aus dem Gespräch (verständlicherweise will besagte und befragte Kollegin anonym bleiben).

BuchMarkt: Wie erleben Sie die Verleihung des Nobelpreises an Vargas Llosa?
Agentin: Am Morgen des 7. Oktober erschien im Feuilleton der spanischen Tageszeitung El País ein eineinhalbseitiger Artikel mit der Überschrift „Carmen Balcells sucht Teilhaber“, gewissermaßen eine kostenlose Geschäftsanzeige. Die zweite Überschrift vergaß nicht zu erwähnen, dass die Agentur unter anderem den Autor Vargas Llosa vertritt. Natürlich war dieser Artikel in Windeseile auf der Messe in aller Munde. Und nur ein paar Stunden später wurde dann in Stockholm der Peruaner zum Nobelpreisträger 2010 ausgerufen.

BuchMarkt: Wollen Sie damit andeuten, dass Sie nicht an einen Zufall glauben?
Agentin: Zumindest erlaube ich mir, Zweifel zu hegen. Da kommt mir zu viel zusammen: Die spanische Veröffentlichung des neuesten Romans von Vargos Llosa ist für den nächsten Monat im Verlag Alfaguara angezeigt. Dieser Verlag gehört zur gleichen Verlagsgruppe wie El País, die am Tag nach der Verkündigung des Preises ganze neunzehn Seiten dem Dichter und seinem Werk widmete, von dem die letzte Publikation vier Jahre zurückliegt, um den es ein wenig still geworden war, und – wie man hört – dessen Auslandsrechte noch längst nicht alle unter Vertrag genommen sind.
Das Ganze jagt natürlich die Preise und die zu erwartenden Umsätze des neuen Romans und des gesamten Werkes und anstehender Vertragsverlängerungen mächtig in die Höhe.

BuchMarkt: Aber wollen Sie damit sagen, in Stockholm werden die Entscheidungen durch Dritte beeinflusst?
Agentin: Ich werde den Teufel tun, meiner Phantasie so weiten Auslauf zu geben; dennoch kann ich eine gewisse Verstörung nicht verhehlen, ich stolpere über zu viele Zusammenhänge.

Lassen wir das so stehen und wenden wir uns einem anderem spanisch-lateinamerikanischen Ereignis zu, das manchem Messeteilnehmer von der Iberischen Halbinsel ein Brückenwochenende beschert: am Dienstag, 12. Oktober, ist hier Feiertag, man begeht den Dia de la Hispanidad, den Tag der Hispanität. Kein anderes Datum hat man sich dafür ausgesucht als den Tag, an dem Columbus im Jahre 1492 auf den Bahamas landete, damit den amerikanischen Kontinent entdeckte und die Kolonialherrschaft und Unterwerfung Lateinamerikas durch die Spanier ihren Anfang nahmen.

Das als weiteres Exempel zum Thema Vergangenheitsbewältigung.

Am 30. September wurde pünktlich zur Frankfurter Messe die neue Ausgabe der Homepage www.newspanishbooks.de geschaltet. Die Plattform wird seit einem guten halben Jahr gemeinsam vom Spanischen Verlegerverband und dem Spanischen Außenhandelsinstituts (ICEX) mit Unterstützung der Spanischen Wirtschafts- und Handelsabteilung in Düsseldorf betrieben.

Ihre sehr gute Absicht ist, die Lizensierung spanischer Autoren und ihrer Werke an deutschsprachige Verlage zu sponsern. Parallele Websites erscheinen schon seit längerem für den angelsächsischen und ebenso seit kurzem für den französischen Markt.

Auch wenn dem hier berichtenden Korrespondenten die dankbare Möglichkeit gegeben worden war, einen Gastkommentar für die aktuelle Ausgabe dieser unbestritten begrüßenswerten Initiative zu verfassen, will er dennoch nicht unterschlagen, welche Schwächen er auszumachen meint.

Das Erscheinungsbild der Website gibt leider so gar nichts wieder von dem, was man mit Spanien, seiner heutigen Kultur und einem zeitgemäßen iberischen Design assoziiert. Sie scheint in einem Data-Becker-Baukasten entworfen zu sein, ist dazu noch sehr langsam und holperig. Wen hat man bloß mit dem Design beauftragt?

Als wirklich aktuell kann sie auch nicht betrachtet werden; die Branchendaten des spanischen Verlagswesen stammen aus dem Jahre 2007. Der spanische Verlegerverband hat immerhin bereits die Ergebnisse von 2008 bekannt gegeben. Wer vermutet, es gäbe neuere, irrt. Die Resultate von 2008 wurden im Januar 2010 publiziert. Einen schnelleren Rhythmus sucht man hier vergeblich. Von einem Indikator wie dem Branchen-Monitor des Börsenverein, der unmittelbar nach jedem Monatsende erscheint, wird man hier noch lange träumen müssen.

Bei all der guten Absicht könnte die Website es sehr gut vertragen, dynamischer betrieben und ausgestattet zu werden. Sie sollte Dritten mehr Möglichkeiten bieten, sich aktiv an ihr zu beteiligen. So könnte sie eine lebendige Börse werden, dazu müsste sie sich wohl eine kleine, wenn auch feste Redaktion erlauben, der man dafür sicher eine größere Autonomie anvertrauen sollte. Um entsprechende Kosten im Zaun zu halten, wäre die Zusammenarbeit mit einem Universitätsprojekt vorstellbar.

Das Ergebnis könnte sein, dass sie regelmäßig von Lektoren, aber auch von Lesern besucht würde, die sich mit Literatur aus Spanien beschäftigen oder sie einfach lieben, mit regelmäßigen Berichten aus der spanischen Welt der Bücher und ihrer kulturellen Verwandtschaften.

Vor der Frankfurter Buchmesse hatten die hiesigen Verleger noch die Pflichtübung der spanischen Buchmesse Liber zu absolvieren. Über deren schwache Strahlkraft demnächst mehr, hier, im wieder flottgemachten Blickpunkt Barcelona.

Günter G. Rodewald ist Literaturagent und arbeitet in der Literaturagentur Ute Körner www.uklitag.com in Barcelona

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