ARCHIV Günter G. Rodewald über den (teuren) Besuch eines Landsmannes

(Da war Barcelona – zusammen mit Santiago de Compostela – an diesem Wochenende mal wieder weltweit medial effektvoll in Szene gesetzt worden. Ein süddeutscher Landsmann des BuchMarkt-Korrespondenten war zu Besuch in der Stadt, Joseph Ratzinger, von Beruf früher Kardinal, heute Staatschef des letzten Landes Europas, das ohne demokratisch gewähltes Parlament regiert wird.

Die Stadt und das Land standen bereits seit Jahren und verstärkt seit Wochen unter dem Einfluss der Vorbereitung dieser Visite, die in Barcelona genau 24 Stunden dauerte und deren staatliche (offizielle zugegebene) Kosten 1,8 Millionen Euros seitens der Landesregierung betrugen und zu denen die Stadt Barcelona noch einmal 700.000 Euros obendrein beisteuerte.

In Galicien war man da noch grosszügiger: die knappen 8 Stunden Besuchszeit waren der Xunta de Galicia 4 Millionen Euro wert.

Dazu müssen die (nicht bekannten) Kosten addiert werden, die die Kirche selbst (Rom, Spanien und Katalonien) aus der eigenen Schatulle dazulegte.

Es gab ein grosses Gerangel im Lande, wer zu den Eingeladenen gehören durfte, und ebenso missgünstig wurde beäugt, wer nicht erschien. So zum Beispiel der spanische Ministerpräsident José Luis Zapatero, der ausdrücklich nicht an der weltweit im Fernsehen ausgestrahlten Messe aus der Sagrada Familia nicht teilgenommen hatte, um die Notwendigkeit einer umfassenden lazistischen Verfassung zu unterstreichen,

Wenn der katholischen Kirche nach Francos Tod und dem Ende der Diktatur 1978 auch der Status einer Nationalkirche entzogen wurde, geniesst sie heute aber immer noch zahlreiche Privilegien. Darunter fällt die Subventionierung aus dem Staatshaushalt und die absolute Steuerfreiheit. Zudem wurden der Kirche privilegierte Beziehungen zum Staat eingeräumt.

Gerade im Bildungswesen hat die Kirche nach wie vor sehr grossen Einfluss und Gewicht, beispielsweise die im Welt-Ranking unter den ersten 10 Plätzen rangierende Wirtschaftsuniversität ESADE in Barcelona mit fast 40.000 Studenten gehört zum Orden der Jesuiten. An ihr wird ein grosser Teil der wirtschaftlichen und politischen Elite des Landes ausgebildet.

Das mächtige und omnipotente Opus Dei ist in vielen Betrieben und Institutionen und auf diversen Entscheidungsebenen präsent, ohne dass die Öffentlichkeit wüsste, wer wo in welcher Funktion zu dieser Organisation gehörte.

Viele private Schulen werden von der katholischen Kirche geführt, insgesamt waren es im Jahre 2009 1.500.000 Schüler, das bedeutet 30% der gesamten Schülerzahl an den privaten und öffentlichen Schulen Spaniens.

Der Papst hat bei bei seinem Auftritt eine „neue Evangelisierung Spaniens“ gefordert und den „agressiven Laizismus“ angeprangert, der der Situation in der Zweiten Republik in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gleichkäme.

Erneut und wie schon in seinem vorhergegangenen Besuch Valencias im Jahre 2006 hat Joseph Ratzingers erneut seine Forderung nach der „traditionellen Famlie“ erhoben, die ganz direkt auf die Gesetze der sozialdemokratischen Regierung zielt. Vor allem ist der Kurie, ihren spanischen Organisitationen und den Rechtsparteien die Einführung der Schwulen-Ehe oder der liberaleren Abtreibungsgesetzgebung zuwider.

Gegen diese „verlängerten Laufzeiten“ traditioneller Religionspolitik gibt es natürlich auch Widerstand und eine breite Bewegung, die sich allerdings gegen durch das Übergewicht der Protektion durch den Staat und durch Teile einer teilweise erschreckend unkritischen Presse zur Zeit nur eher eingeschränktes Gehör verschaffen kann.

Diese Oppostion richtet sich sehr bewusst gegen ihrer Meinung nach unangemessenen Versuche der Einflussnahme auf die gesellschaftliche Weiterentwicklung des Landes durch eine Instituition, die sich gerade in den Jahren des Franco-Regimes und der jahrhundertelangen Inquisition keineswegs als eine demokratische Kraft, im Gegenteit als eine fatal regimetragende Macht profiliert hat. Ein Oppositionspotential, das sich keineswegs nur aus linksgerichteten Positionen nährt, sondern bemerkenswert breit durch die ganze Gesellschaft geht.

Die Sagrada Familia also war der imposant inszenierte Schauplatz des Auftitts des Pontifex Maximus, der der seit 128 Jahren im Bau befindlichen Kirche den Status einer Basilika verlieh. Nie wurde in so kurzer Zeit so viel an diesem Jahrhundertbau gebaut und investiert wie seit dem Zeitpunkt, als der Besuch des Papstes beschlossene Sache war. Und konnte nur durch den Import mancher Säulen und Fresken aus direkt Potemkin garantiert werden.

Ein weiteres Mal werden der Tempel und sein tiefgläubiger Schöpfer Antoni Gaudí im Jahr 2016 in den Focus Roms gerückt, dann nämlich soll Barcelonas genialer Architekt selig gesprochen werden, der einen so jämmerlichen Tod erlitten hatte, als er 1926 auf der Gran Vía de les Corts Catalans unter eine Strassenbahn geriet, und aufgrund seiner ungepflegten Erscheinung für einen Bettler gehalten wurde, dessen schnelle Beförderung in ein Krankenhaus Autofahrer verweigert hatten, um die Polster ihrer Karossen nicht zu beschmutzen.

Gaudí und seine Schöpfungen bildem neben dem FC Barça eine der grössten touristischen Anziehungspunkte der Stadt. Allein die Sagrada Familia verzeichnet monatlich eine durchschnittliche Zahl von 200,000 Besuchern, die einen Eintrittspreis von 12 Euro zu entrichten haben, 2,5 Millionen Tiouristen sind das jedes Jahr…

Der Korrespondent erinnert sich an Zeiten gegen Ende der 80er Jahre an ein kleines hölzernes Kassenhäuschen, an dem man eine Eintrittskarte zum Preis von damals 50 Peseten erwarb,, um auf ein vernachlässsigtes Gelände zu gelangen, wo ein paar wenige Besucher versuchten zu ergründen, was aus dem Gewirr von herumliegenden Bauteilen und Friesen, an denen nur eine Handvoll von Handwerkern arbeiteten, einmal werden sollte.

Warum erlaubt sich der Korrespondent in einem Fachblatt für Buchhandlungen und Verlage diesen pointierten Beitrag? Weil ein solches Ereignis wie an dem vergangenen Wochenende auch dazu dienen soll, den Menschen hier, wie aber ebenso der Weltöffentlichkeit, den Eindruck vorzugaukeln, als seien die politische und wirtschaftliche Lage das Land grossartig stabil, das Land gut organisiert und im Aufschwung begriffen.

All’ das ist eben nicht wahr: der grosse Zusammenbruch eines Landes, dessen Wirtschaft sich auf nichts weiter stützen kann als die Bau- und Tourimismusindustrie wird von vielen ernst zu nehmenden Analytikern noch vorausgesagt. Ein Land, das im internationalen Vergleich nach den USA die höchste Verschuldung pro Familenhaushalt registriert, mit über 50% seines Nettoeinkommens.

Ein Land mit einem beänstigend niedrigen Ausbildungs- und bildungspolitischem Niveau: allein 40% der Jugendlichen Spaniens sind ohne Beschäftigung – der höchste Stand in der EU und es handelt sich hierbei nur um die offiziellen Zahlen.

Wundert es da, dass es damit der hiesigen Buchwelt nicht gut gehen kann und zu allergrösster Besorgnis Anlass gibt? Die Verkäufe sinken schmerzhaft, Verkäufe, die schon in eher „gesunden“ Zeiten im Weltvergleich, moderat ausfielen.

Eine Reihe kleiner und mittlerer Verlage, einige Vertriebsfirmen haben bereits ihre Tore schliessen müssen, nicht wenige stehen mit einem Fuss bereits über dem finanziellen Abgrund.

Kann man jetzt verstehen, dass ein vom literarischen Lebens dieser Stadt kolportierende Korrespondent es einfach nicht vermeiden kann, Stellung zu beziehen? Wenn dieser Artikel hier erscheinen sollte, wäre die Redaktion des BuchMarkt ebenso der Meinung, dass diese Gedanken und Beobachtungen das Recht haben, veröffentlicht zu werden.

PS: Zeitgleich fand am anderen Ende der Stadt an diesem Wochenende der alljährliche Salón del Manga statt, dahin kamen immerhin 65,000 Besucher, kein schlechter Schnitt zu den insgesamt 250,000 Menschen, die beim Papst-Besuch in Bareclona gezählt worden waren…

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