ARCHIV Günter G. Rodewald über die Chancen der LIBER, von der Frankfurter Messe zu profitieren

Li(e)ber oder Li(e)ber nicht?

Der Sommer geht inzwischen auch hier am Mittelmeer spürbar, wenn auch gütig langsam in den Herbst über. Der September, der in unserer Stadt immer mit viel lästiger Schwüle daherkommt, aber immer auch schon mal zugige Winde um die Straßenecken fegen lässt, unterkühlte Metros und Läden, die ihre Klimaanlagen noch auf Hochsommer-Niveau fahren, so dass man sich entweder noch zu leicht kleidet oder schon zu warm eindeckt – all das provoziert die ersten grippalen Infekte zu gänzlich unpassender Jahreszeit.

Nach dem August, der in alter, landesüblicher, anachronistischer Tradition nach wie vor das Land und die Städte ganzmonatlich in den Sommerschlaf versetzt, werden im September die Motoren langsam wieder angeworfen. Dennoch schien in diesem Jahr der normale Betrieb in unserem verlegerischen Gewerbe so langsam auf Touren zu kommen wie nie zuvor.

Der Grund dafür: Bevor irgendjemand überhaupt vor lauter Spams, die sich in der einmonatigen Sommerpause in den Mailservern auftürmten, am Horizont die seriöse Mailpost ausmachen konnte, vergingen mehrere Tage. Und verursachten daneben einen überdimensional schnellen Verfall der fleißig eingefahrenen Urlaubserholung …

Am 12. September gingen auch die Schulen wieder ans pädagogische Netz. Auch hierzulande ein weder von allen Schülern noch allen Lehrern herbeigesehnter Moment. Aber für viele Eltern bedeutet der Schulanfang das Ende von unzeitgemäßen fast drei Monaten Sommerferien, die vor dem Hintergrund der sich gewandelten spanischen Gesellschaft organisatorisch, vor allem aber ökonomisch von den Familien nur mit allergrößter Schwierigkeit bewältigt werden können.

Das Bücherjahr ist ebenfalls gestartet. Gesellschaftlich meldete sich die kulturelle und literarische Szene der Stadt am Abend des 6. September zurück, als der erste Premio de Novela Negra RBA im pompös-gediegenen Rahmen der Gärten und der Pools des 5-Sterne-Hotels Rey Juan Carlos I an den Barcelonenser Autor Francisco González Ledesma verliehen wurde.

Mal wieder ein neuer Preis, in diesem Fall verliehen von dem Verlag RBA Libros in der Kategorie Kriminalroman. Wieder einer dieser nahezu unzähligen und oft hoch dotierten spanischen sogenannten Literaturpreise – im Fall des Premio RBA handelt es sich um fast modeste 125.000 Euro -, die in erster Linie dazu geschaffen und erhalten werden, weil man mit ihnen der Konkurrenz Autoren wegpreisen kann und manche von ihnen einen hohen medialen Wert haben.

Die unumstrittene Spitzentrophäe bildet in dieser Galerie der Premio Planeta, der dieses Jahr am 15. Oktober von Editorial Planeta vergeben wird und dem Gewinner die stolze Summe von 600.000 Euro beschert (kein Tippfehler!), selbst der zweite Sieger wird noch mit 150.000 Euro gekürt.

Auch der Preis Ciudad de Torrevieja, der jährlich von Random House Mondadori ausgelobt wird, liegt den Gewinnern sicher nicht allzu bitter im Mund: 360.000 Euro und 125.000 Euro respektive.

RBA Libros gehört zur Gruppe RBA, die inzwischen den fünften Platz auf der Rankingliste von Spaniens Medienkonzernen einnimmt, hinter Grupo Prisa, Grupo Planeta, Vocento und Grupo Zeta, mit deutlicher Ambition, auf der Leiter höher zu klettern. Ein neuer Bau für den Konzern entsteht im angesagten neuen Geschäfts- und Loft-Viertel Barcelona@22.

Nun, und ansonsten packen hier in Barcelona und Katalonien so viele die Koffer für den Besuch der Frankfurter Buchmesse, wie wohl noch nie aus einem Land oder der Kulturregion eines Messeehrengastes angereist sind. Selbst die bislang höchste Zahl der Delegationsteilnehmer des Jahres 2004, als die arabischen Länder eingeladen waren, wird getoppt werden.

In Frankfurt ist für die Messezeit ein beeindruckendes und üppiges Kultur- und Literaturprogramm vorbereitet worden, die Kulturpolitik der katalanischen Regierung hat keine Mühen, keinen Aufwand und vor allem kein Geld gespart, um sich unüberhörbar, unübersehbar, hoffentlich auch unüberlesbar darzustellen.

Es ist bekannt, dass der Auftritt eines Messegastes bislang hauptsächlich eher bilaterale Folgen hatte und vor allem die Beziehungen der deutschen Kulturöffentlichkeit zu der Literatur des jeweiligen Gastlandes positiv beeinträchtigen, im glücklichen Fall vertiefen konnte. Ein relevanter oder bleibender internationaler Effekt ist wohl bis heute wohl in keinem Fall erzielt worden.

Hoffentlich wird somit nach Ende der Messe die Enttäuschung bei den katalanischen Kulturpolitikern und vor dem Hintergrund von himmelhoch gesteckten Erwartungen nicht allzu groß ausfallen, wenn die Erkenntnis Gestalt gewinnen wird, dass die katalanischen Autoren dann wohl doch noch nicht die Vormachtstellung der US-amerikanischen Autoren sprengen konnten.

Hier erlebt die Verlagsindustrie vorher noch die LIBER, die spanische Buchmesse, terminlich ungemein originell platziert, nämlich genau in der Woche vor Frankfurt. Dieser Zeitpunkt war mal vor vielen Jahren so institutionalisiert worden und hatte durchaus Sinn, weil er den lateinamerikanischen Verlegern die notwendigen Reisen nach Europa erleichterte.

So konnten sie ihre Kontakte zu den spanischen und den internationalen Kollegen, die sie in Frankfurt trafen, in einem Abwasch erledigen. In Zeiten der gesunkenen Reisekosten und neuen transozeanischen Kommunikationsmöglichkeiten wirklich kein Rechtfertigungsgrund mehr.

Auch sonst sieht man eigentlich keinen wirklichen Sinn, diese teure Messe in dieser Form noch stattfinden zu lassen. Alte, tiefsitzende Konkurrenzen zwischen Madrid und Barcelona sind der emotionale und politische Grund, dass die LIBER alternierend in den beiden größten Städten Spaniens abgehalten wird. Beide sind gleichzeitig die beiden mächtigsten und fortwährend um den ersten Platz kämpfenden und eifernden Metropolen des spanischen Verlagswesens.

Die LIBER ist inwischen eine tote Messe, Publikumstage finden gar nicht statt, keine relevanten, publikumswirksamen kulturellen oder literarischen Veranstaltungen sind um sie herum arrangiert, Autoren tauchen auch nicht auf. Einen internationalen Rechteaustausch oder gar -handel gibt es ebenso nicht, auch aus den Verlagen sitzen nur wenige verantwortliche Personen auf den Ständen, in zahlreichen Fällen wird der Betrieb nur von Hostessen oder Praktikanten gesichert.

In der Presse findet diese Veranstaltung nur am Rande Resonanz, sie wird in keiner Weise als Gelegenheit genutzt, Neuerscheinigungen zu präsentieren (wozu auch, wenn keiner kommt….?)

Es ist sehr schade, denn man könnte so viel mehr aus dieser Messe machen, zumal es noch so viele Menschen in unserem Land gibt, die zum Lesen motiviert werden könnten: Man sollte sich für einen festen Standort entscheiden, das hohe touristische Potenzial, das Barcelona mittlerweile weltweit genießt, spräche für die Mittelmeerstadt als Austragungsort und würde auch eine interessierte relevante internationale Beteiligung, gerade im Lizenzhandel, garantieren.

Ein sinnvollerer, und natürlich anderen großen Messe fernerer Termin, aber vor allem die breite Einbeziehung der Leser, der Presse und der gesamten Öffentlichkeit könnten dieser im Koma liegenden Veranstaltung endlich ein buntes und pulsierendes Leben einhauchen.

Vielleicht ja eine Anregung für die Frankfurter Messe, ihr Know-how nach Spanien zu exportieren, die Investitionen und Reisebelastungen fielen sicher niedriger aus, als die Projekte Johannesburg und Abu Dhabi verbrauchen. Und vielleicht, bevor Reed wieder schneller ist. Warum nicht, Herr Boos? Sie kennen sich doch schon sehr gut aus in Barcelona!

Oder die katalanischen Kulturverantwortlichen gucken in den kommenden Tagen nicht nur darauf, wie sie sich selbst auf der Messe darstellen, sondern sperren die Augen ganz weit auf und bringen eine große Menge Erkenntnisse darüber mit nach Hause, wie man aus einer solchen Veranstaltung einen Erfolg macht.

Dann hätte der ganze Aufwand des katalanischen Besuches noch einen ganz unerwarteten und zusätzlichen Erfolg.

P.S. Wenn Sie sich vom Kolumnisten ein Gläschen reinen (katalanischen) Wein einschenken lassen wollen, Sie finden ihn in Halle 5.1 F 917, in unmittelbarer Nachbarschaft zum katalanischen Gemeinschaftstand.

Günter G. Rodewald ist Literaturagent und arbeitet in der Literaturagentur Ute Körner www.uklitag.com in Barcelona

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