ARCHIV Günter G. Rodewald über die Feinheiten des Messe-Auftritts der Cultura Catalana – und einen aktuellen Bestseller aus Barcelona

Die Frankfurter Buchmesse 2007 scheint bereits eröffnet. Jedenfalls will es einem hier in Barcelona so erscheinen. Die Diskussionen um die Form und den Umfang der Gestaltung des diesjährigen Messeschwerpunkts der Cultura Catalana werfen so große Schatten auf die aktuelle Kulturpolitik, wie es wohl kaum einem anderen internationalen kulturellen Großereignis in der letzten Zeit gelingen konnte.

Die Frage, wer und warum und wer und weshalb nicht bei dem Auftritt dabei sein darf, kann, will oder möchte oder eben nicht, erfährt in der öffentlichen Meinung jeden Tag eine neue Nuance oder kreiert neue Protagonisten. Vieles in diesen Diskussionen erscheint instrumentalisiert, manches ist es auch ganz offensichtlich, bei manchem liegt die Vermutung sehr nahe.

Diese für auswärtige Wahrnehmungen schwer verständliche Heftigkeit und bisweilen ideologisch geprägte Polarisierung ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund der jahrhundertealten Geschichte des Landes Katalonien und der damit einhergegangenen Isolierung, Unterdrückung und Verfolgung eines Landes, seiner Bevölkerung, seiner Sprache, und eben seiner Kultur. Erst perfide exerziert durch die lange Herrschaft der katholischen Monarchien, die sich immer in trauter Kollaboration mit der Inquisition befunden hat, später mindestens genauso effizient durch die faschistische und brutale Diktatur Francos.

Dabei war immer wieder versucht worden, den Menschen die kulturelle Identität zu nehmen, sie zu brechen, sie womöglich auszulöschen. Denn welchen anderen Zweck kann das Verbot gehabt haben, in der katalanischen Sprache zu schreiben, zu lesen, zu unterrichten und – natürlich! – zu veröffentlichen?

Das ist jedoch wirklich keinem der Systeme gelungen. Der starke Charakter der Katalanen hat tatsächlich über mehrere hundert Jahre Widerstand gegen diese Versuche der Unterdrückung oder Zerstörung geleistet, und so ihre unbeirrbare bis radikale Wiederherstellung, Behauptung und – jetzt kommen wir wieder zum Thema der Buchmesse – Darstellung ihrer Identität bewirkt.

Es wird entscheidend werden, ob es den Veranstaltern und Verantwortlichen auf der katalanischen Seite des Festkomitees gelingen wird, während der ja nur kurzen fünf Messetage und den Veranstaltungen davor und danach zu vermitteln, was wirklich den Reiz dieser Region, seiner Menschen, seiner Kultur und seiner Literatur ausmacht.

Der Aufwand für den Auftritt und die entsprechenden Vorbereitungen ist immens groß und drückt die kultur- aber auch innenpolitische Wichtigkeit aus, die dem Ereignis von offizieller Seite zugemessen wird: Der Etat umfasst offizielle 12 Millionen Euro, eines der höchstdotierten Budgets eines Messe-Ehrengastes der letzten Jahre, nur übertroffen 2005 von Korea, dieser war aber auch hoch von der privaten Wirtschaft subventioniert worden. Um die 130 Autoren werden anreisen, ganz zu schweigen von vielen anderen Hunderten von Kulturschaffenden, Verlegern und einer sicherlich unübersichtlichen Zahl von offiziellen Kommissionen und Mandatsträgern.

Einen vorbildlich großzügigen Beitrag haben bereits im Vorfeld die Übersetzungssubventionen und ökonomischen Hilfen bei der Promotionierung der in anderen Sprachen erscheinenden Titel katalanischer Autorinnen und Autoren geleistet, natürlich vor allem in deutscher Sprache, dahin streut ja in erster Linie ein Messe-Schwerpunkt. Das ist zweifellos der große Verdienst des Institut Ramon Llull (dem katalanischen Pendant zum deutschen Goethe-Institut), ohne das die große Zahl der Veröffentlichungen zur Messe und auch zu anderen Zeiten schier unmöglich wäre.

Bleibt die große Hoffnung, dass am Ende mehr als eine Handvoll Autoren im Bewusstein der Leser und Verleger und in deren Katalogen und Bücherregalen ihren dauerhaften Platz finden. Denn es regt sich beim Kolumnisten eine Furcht vor an eigener Haut vor 16 Jahren gemachter Erfahrung, als Spanien 1991 als Messe-Ehrengast in Frankfurt eingeladen war:

Auch damals gab in den Katalogen der deutschen Verlage nur sehr wenige spanische Autoren, Lateinamerikaner natürlich schon viel mehr, und man kaufte Berge von Lizenzen ein von vielen guten, wichtigen und im eigenen Land hochangesehenen Schriftstellern (auch Katalanen!). Am Ende überlebte dann trotz engagierter und aufwendiger Promotionsarbeit seitens der Verlage nur eine ganz kleine Zahl von Titeln, der weitaus größere Teil endete im Ramschverkauf.

Und bei den Verlegern und Buchhändlern war nur eine fatale Erinnerung an den Messeschwerpunkt 1991 geblieben: „Spanier“ verkaufen sich nicht. Neuen Auftrieb gab es dann erst wieder Jahre später, mit dem Erfolg von Mein Herz so weiß von Javier Marías, der wiederum damals ausgelöst worden war durch die Protegierung dieses Romans durch das Literarische Quartett, das aus dem Mauerblümchendasein von halbherzig gedruckten ersten 2.000 Exemplaren einen Bestseller machen konnte.

Aber diesen Erfolg kann nicht dieses eine Fernsehereignis erklären oder bewirkt haben, sondern inzwischen hatten sich die Kulturlandschaften verändert: Man war neugierig geworden auf das politische und kulturelle Leben dieses Landes, dessen Herrscher es über Jahrhunderte verstanden hatten, einen wirksamen und fruchtbaren Kulturaustausch zwischen Spanien und dem Ausland zu verhindern bzw. zu beschatten, wie es sich für alle „gut“ funktionierenden totalitären System bewährt hatte und weiter gehört.

Es wird also genau so wichtig sein, einem sympathietragenden Auftritt in Frankfurt in diesem Jahr weitere langfristige und bilaterale Initiativen folgen zu lassen. Unter Umständen wird man auch hier in Katalonien vom Ausland lernen wollen? Sich zum Beispiel informieren, wie man gute Buchhändler ausbildet und Buchhandlungen fördert, auch in den Provinzen des Landes? Wie man ein schnell und verbindlich funktionierendes Vertriebssystem aufbaut, die Wichtigkeit eines effektiven und persönlichen Dienstes am Kunden ins Bewusstsein bringt?

Da gibt es noch viel zu tun, aber eines gibt es ja doch schon: die wichtige und tragende Rolle der katalanischen Verlagsindustrie, die um 30 Prozent der Titel zu verantworten hat, die in Gesamt-Spanien jährlich veröffentlicht werden. Für die ist schon seit langer Zeit Frankfurt das Schwerpunktthema eines jeden Jahres, denn dorthin fährt man schon lange nicht in erster Linie, um eigenes zu verkaufen, sondern um vieles auf den Lizenzmärkten einzukaufen, was dann auf Katalanisch, aber eben noch viel mehr auf Spanisch erscheint.

Das haben deutsche Lizenzgeber längst entdeckt und erfahren, aber da ist noch viel Luft drin. Hoffen wir, dass die Einladung der Cultura Catalana zur Messe 2007 auch dazu noch weiter und dauerhaft beitragen wird.

Ja, und sonst? Außer, dass am spanischen festen Ladenpreis herumgedoktert wurde (dazu sicher demnächst einmal mehr), ist auch hier der Sommer ganz unmissverständlich ausgebrochen. Das führt zu zeitweise langsamerer Gangart im Alltag und treibt viele Sonnenhungrige an die Strände der Stadt und der Region. Auf ihnen bleiben sie dann oft genug lieber liegen, als sich ins Wasser zu stürzen, weil das Mittelmeer von immer mehr stechenden und lästigen Quallen bevölkert wird.

Den Unmut darüber kann man sich durch die Lesezeit eines neuen Romans vertreiben, der saisonal gut platziert gerade erschienen ist und einen großen Erfolg feiert: Medusa heißt er und ist geschrieben von dem Autoren-Duo Polo & Rossi, ein fesselnder Öko-Thriller, gewissermaßen ein mediterraner Schätzing, der womöglich auch ein katalanischer Export-Schlager werden könnte?

Allerdings ist er auf Spanisch geschrieben, dafür gibt es keine Übersetzungshilfe aus Katalonien, aber sicher auch nicht aus Madrid, aus Spanien. Im dortigen Kultusministerium agiert man sehr knauserig und bürokratisch, dort könnte man noch viel von den großzügigen Katalanen lernen.

Günter G. Rodewald ist Literaturagent und arbeitet in der Literaturagentur Ute Körner www.uklitag.com in Barcelona

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