Beckmann kommtiert Sortimenter-Argumente, warum das Amazon Kindle keine Gefahr für das Buch sein kann

Wie etliche Telefonanrufe zeigten, hat mein unter der Bedrohung des Papierbuches durch das Bezos-Amazon-Kindle leidender Gemütszustand offenbar etliche Branchenteilnehmer beunruhigt. Philine Meyer-Clason von der Münchner Tucholsky Buchhandlung hat sogar ein Email geschickt und handfeste Gründe genannt, warum dies Kindle keinen Anlass zur Sorge bietet und das gedruckte Buch gar nicht in Gefahr bringen kann. „Ich als Buchhändlerin“, schreibt sie, „bin überhaupt nicht nervös.“

So untermauert sie auch die in der vorausgegangenen Kolumne [mehr…] zitierte Behauptung des Literaturagenten Peter Fritz, dass das Kindle keineswegs das Ende der massenweisen Urlaubslektüre von Tb-Romanen bedeutet, und zwar nicht nur, weil niemand ein Kindle kaufen werde, da elektronisches Gerät an Urlaubsstränden sofort geklaut würde, sondern ebenfalls, „weil Wetter und auch Sand für elektronische Geräte der sichere Tod sind“. Ich bitte um Nachsicht, diesen fundamentalen technischen Einwand übersehen zu haben und kann zu meiner Entschuldigung nur anführen, dass er auch dem US-Nachrichtenmagazin Newsweek entgangen ist.

Ein anderes, schwerwiegendes Manko des Vorkommentars ist wohl darauf zurückzuführen, dass ich seit nun fast zwanzig Jahren keinen richtigen Urlaub gemacht habe und mir deshalb die Kulturgewohnheiten von Frauen an Mittelmeerstränden und heimischen Seen wie in Schlafzimmern fremd geworden sind – ein kapitales Manko, weil der belletristische Tb-Konsum ja bekanntlich hauptsächlich Leserinnen zu verdanken ist; der Fehler scheint allerdings wiederum allen Kindle-Berichterstattern und -kommentatoren unterlaufen zu sein

Unter dem neuen Gesichtspunkt müssen die Erfolgschancen des Kindle nun noch zusätzlich relativiert werden; denn, wie Philine Meyer-Clason bemerkt: „Des weiteren wird man“ – sie meint: frau – „sich mit einem solchen elektronischen Gerät weder im Badeanzug aufs Handtuch fläzen, weil bei Sonneneinstrahlung die Lesequalität doch entscheidend leidet, bzw. wer“ – sie meint: welche Frau – „geht schon mit einem metallenen Gerät: gerne ins Bett“, während Frauen mit richtigen Büchern offensichtlich immer gern ins Bett gehen (wenngleich meine Frau im Bett nie gelesen hat).

Also, die Buchbranche kann aufatmen. Der Kindle wird, wie seine E-Vorläufer, auf Männerkundschaft begrenzt bleiben, die bekanntermaßen eh kaum mehr Belletristik liest oder, mit den Worten Philine Meyer-Clasons: “Es wird darauf hinauslaufen, dass sich der Erfolg des Dings auf Fachbücher beschränkt, oder solche Leute, die grundsätzlich jede technische Neuerung mitmachen“ – auf Männer eben.

Dazu sei noch angemerkt: Je weniger die Männer an Belletristik lesen, desto mehr werden es – schon aus Trotz gegen den technischen Sexismus der Männer – gewiss die Frauen tun. Wie sonst wäre das Phänomen zu erklären, dass die Produktion der Branche ums Doppelte anstieg und Bücher gekauft wurden wie noch nie – ausgerechnet zu der Zeit, als niemand damit gerechnet hätte, weil damals gerade das erste E-Book die Mienen der Belletristen verdüsterte und ernsthaft der Untergang der papierenen Branche beschworen wurde? Das Phänomen kann doch wohl nur im Licht eines anderen Phänomens gesehen werden: „Das seinerzeitige E-Book war ein totaler Flop“ (Philine Meyer-Clason), weil die Frauen sich , sozusagen aus mütterlichem Schutzinstinkt, förmlich auf bedrucktes Papier stürzten.

Also, I stand corrected, wie man in England sagen würde. Trotzdem: Eine gewisse Nervosität bleibt, leider.

Zugegeben, ein Amazon Kindle scheint zunächst einmal eine kostspielige Anschaffung. Der von Jeff Bezos angekündigte Preis von 399 US-Dollar ist hoch (wie es bei der Einführung neuer technischer Gerätschaften noch immer der Fall war). Aber Amazon wird sein Kindle, wenn’s beim kaufenden Publikum einschlägt, im Laufe der nächsten Jahre bestimmt erheblich billiger anbieten (wie es bei elektronischen Apparaten schon immer gewesen ist).

Und: Dafür sind die Kindle-E-Bücher billig, sehr billig, was angesichts eines – insbesondere in Folge der IT-Content-Angebote gestiegenen – weitverbreiteten Eindrucks, Novitäten seien zu teuer, verführerisch wirken könnte. Genau darauf scheint Amazon zu setzen; denn Neuerscheinungen und Bestseller sollen in Kindle-Form bloß, 9,99 US-Dollar kosten. Das ist – gemäß empfohlenem Ladenpreis – ungefähr ein Drittel weniger als das Taschenbuch eines literarischen Romans von Philip Roth sowie etwa zwanzig Prozent weniger als das Paperback eines Bestsellers der Populärautorin Danielle Steele.

„Na und?“ meinte ein befreundeter Sortimenter bei einem Gespräch über diese m.E. für den Buchhandel doch heikle Sachlage. Er gehört zu jenen, die über den deutschsprachigen Tellerrand zu schauen gelernt haben und daher sofort wusste, dass in den USA keine Buchpreisbindung existiert. „Dort werden die gängigen Taschenbuchtitel ja rabattiert, deshalb kostet ein Roman von Danielle Steele den Kunden effektiv sowieso bloß vielleicht elf Dollar, und wegen einer so geringen Differenz von lediglich ungefähr einem Dollar wird ein Kunde sicher nicht auf das gewohnte Taschenbuchformat verzichten und auf Kindle umspringen wollen. Aus diesem Grund aber“, so hat mein Sortimenterfreund gefolgert, „wird das Kindle nicht einmal in den Vereinigten Staaten breit reüssieren. Und wenn es schon in den Vereinigten Staaten kein richtiger Erfolg wird, steht es 9 zu 1, dass das Kindle bei uns erst gar zum Einsatz kommt. Ich habe doch gleich gewusst, dass daraus nichts wird.“

Auch er wollte mich trösten, und es hat mich getröstet, in der Tat – allerdings nur für ein paar Stunden. Dann trat nämlich etwas Ungeheuerliches zu Tage, etwas, was man im Traum nicht für möglich gehalten hätte, etwas, womit ich dann, leider, auch meinen Freund wieder seines Trostes beraubten musste.

Es ist nämlich, wie sich herausstellte, folgendermaßen: Die Kindle-E-Bücher sollen nicht erst dann angeboten werden, wenn ein Titel als Taschenbuchausgabe auf den Markt kommt, nein, sondern gleich, sozusagen mit seiner Erst-Erstveröffentlichung, also gleichzeitig mit der Hardcover-Novität.

Als HC kosten Romane von Philip Roth und Danielle Steele, nur zum Beispiel, nun aber zwischen 23 bis 28 US-Dollar. Ihr empfohlener Ladenpreis würde folglich rund 250 Prozent des Kindle-E-Buches ausmachen, und sie würden selbst bei Kundenrabattierungen in Filialketten, Supermärkten etc. im Preis noch immer etwa 50 Prozent über dem Kindle-Äquivalent liegen. Solcher Preisunterschied freilich müsste die Kunden doch scharenweise zum Kindle treiben, oder?

Der Aspekt machte auch meinem Freund im Sortiment zu schaffen – allerdings ebenfalls bloß für ein paar Stunden, während derer er sich mit Kolleginnen und Kollegen beriet, einer von ihnen hatte den Newsweek-Bericht gelesen, hatte ihn daraufhin noch einmal gründlich studiert , und so war man fündig geworden.

Am nächsten Morgen hatte ich meinen Freund wieder in der Leitung, kurz nach sieben bereits (vor dem Frühstück!) und hörbar frohen Mutes, um mir neuen Trost zu spenden „Ich habe doch gleich gewusst, das darf nicht wahr sein, da kann etwas nicht stimmen. Und Jeff Bezos persönlich hat den Tipp gegeben. Wir haben es schwarz auf weiß, in Newsweek. Bezos hat sagt nämlich Folgendes gesagt, ich zitiere wörtlich: ‚Man kann Kindle-E-Books nicht verschenken, und auf Grund einer Software zur Verhinderung von Raubkopien kann man sie auch nicht ausleihen oder weiterverkaufen.’ Da haben wir jetzt“, fuhr der Sortimenter fort, „die Gründe, warum das Kindle wirklich das alte Buch nicht verdrängen kann.“

Staunend habe ich zugehört und mich gefragt, warum ich nicht selbst drauf gekommen bin. Erstens, so hat er weiter ausgeführt, entfällt damit die Möglichkeit, dass Kunden nach getaner Lektüre durch eine Veräußerung der Titel als gebrauchte Bücher die nächsten Käufe refinanzieren. (Eine Praxis, insbesondere über Amazon selbst, die ihm bis dahin gestunken hatte, nun kam sie ihm gerade recht, „und sie wird noch rasant zunehmen“).

Zweitens, sagte er, kann man ein Kindle-E-Book nicht an Freunde und Bekannte ausleihen, ein Aspekt, dessen Häufigkeit und Bedeutung, wie er betonte, gewöhnlich maßlos unterschätzt wird. Mehr noch: So ein Dingen kann eine Frau, die ihrem Ehemann von einem neuen Roman vorschwärmt und ihn dazu bringt, diesen Roman sofort auch selbst lesen zu wollen – „so etwas kommt viel häufiger vor, als man meint, ich habe es aus Kundengesprächen erfahren“ – nicht mit ihrem Mann teilen, „eine potentielle eheliche Katastrophe“. Außerdem würde aus dem gleichen Grund das Kindle an Büchern wie Harry Potter scheitern, welche von der ganzen Familie verschlungen werden, sonst müsste eine Familie mit Großeltern und drei Kindern ja sieben Kindle-Apparate und siebenmal den Kindle-Potter erwerben – „was gerade in den kommenden Zeiten zunehmend angespannter Privatfinanzen jede Familie ruinieren würde“.

Es war ein beeindruckendes Arsenal von Argumenten, die mein Freund da in Stellung gebracht hat. Sein letztes Argument freilich setzte allem die Krone auf. „Schließlich“, fuhr er fort, „ist eines zu bedenken. Das schöngeistige Buch ist großteils, wenn nicht vorwiegend ein Geschenkartikel, wie sich im bevorstehenden Weihnachtsgeschäft von neuem erweisen wird. Gerade die vielen Menschen, die nicht wissen, was sie ihrem Lebenspartner, der Oma und dem Opa, Freundinnen, Freunden, Bekannten oder Kollegen schenken sollen und bis in letzter Minute ratlos sind, greifen dann in letzter Minute zum Buch, und ein Buch als Geschenk bereitet immer Freude. Auch dafür habe ich Belege aus Gesprächen mit Kunden. Wie viele sind nicht nach Weihnachten des vergangenen Jahres zu mir gekommen, freudestrahlend, weil sie das geschenkte Werk bereits gelesen hatten, weil es die falsche Wahl gewesen war und sie es umtauschen wollten – wie haben sie sich gefreut, dafür dann ein anderes neues Buch zu bekommen! Da sehen Sie, warum aus dem Kindle gar nichts werden kann.“

Sie werden verstehen, dass ich inzwischen auch wieder voller Zuversicht der Zukunft unseres guten alten Buches entgegenschaue…

Gerhard Beckmann freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

Weitere Beiträge der Kolumne „Beckmann kommentiert“ finden Sie im Archiv unter dem Stichwort: „beckkomm“.

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