Beckmann kommtiert Time kürt J.K. Rowling zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres – warum?

In seiner Nominierung der Menschen, die sich im jeweils vergangenen Jahr als mächtigste oder einflussreichste Persönlichkeiten erwiesen, hat das amerikanische Time-Magazine seit langer Zeit wieder einen Buchautor vorgestellt: nach den Politikern Wladimir Putin und Al Gore für 2007 die Kinder- und Jugendbuchschriftstellerin J.K. Rowling auf Grund ihrer nun abgeschlossenen siebenteiligen Harry Potter-Serie.

Das Nachrichtenmagazin Timehat diese Wahl getroffen nicht etwa, weil vom letzten HP-Band nach Erscheinen der englischsprachigen Originalausgabe im Juli binnen 24 Stunden – ein Weltrekord – 15 Millionen Exemplare verkauft wurden; nicht etwa, weil – einzigartig für eine Romanfigur der Literatur – in Orlando, Florida, sich ein eigener Themenpark in Planung befindet; auch nicht, weil mit J. K. Rowling eine Schriftstellerin zur Milliardärin bzw. – nach der US-Fernsehkönigin Opra Winfreh, vor dem Pop-Star Madonna – zur reichsten Frau der internationalen Unterhaltungsindustrie aufstieg.

J.K. Rowling ist nominiert worden, weil sie mit ihrer Harry Potter- Romanserie eine über Unterhaltung hinausgehende Literatur geschaffen hat, durch „die Millionen von Kindern klüger, sensibler, ganz bestimmt aber lesefähiger und –gebildeter, wahrscheinlich auch ethisch denkender und gegenüber Heuchelei und Machtgier kritischer geworden sind. Sie hat Kinder zu besseren Erwachsenen gemacht. Mir sind aus der Geschichte des Buchwesens keine Titel bekannt, welche diese Art von Zauberwirkung in solch kurzer Zeit auf so viele Millionen Leser ausgeübt haben“, zitiert Time den Politologie-Professor Daniel Nexon von der Georgetown-Universität. Ihm sekundiert der Professor für Englische Literatur an der Universität Princeton, William Gleeson. Er konstatiert, Harry Potter sei eine in allen gesellschaftlichen Schichten präsente globale Kultur-Ikone geworden, an der sich „kulturelle, politische, wirtschaftliche und Wertediskussionen“ veranschaulichen.

Es lohnt, den dreiseitigen Bericht in Time zu lesen, um einen Eindruck von der vielfältigen Ausstrahlung dieses im Kern anti-fundamentalistischen Werkes in den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Räumen zu gewinnen.

Es mag damit zusammenhängen, dass J.K. Rowling, die sich persönlich als Sucherin versteht, nicht im Sinne eines konkreten religiösen Glaubens missionieren hat wollen, wenn ein Aspekt ihrer Romanfolge vielerorts wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Time hebt ihn hervor, ebenso Rainer Haubrich am 2. Januar in seiner Feuilletionglosse (Die Welt) über die Dominanz religiöser Themen unter den deutschen Top-Sellern des vergangenen Jahres: Man darf vermuten, dass J.K. Rowlings Harry Potter-Romane ein Hauptindiz wie ein Hauptfaktor für eine Renaissance des religiösen Bewusstseins in in jüngster Zeit gewesen sind.

„Es ist schon erstaunlich, welche Macht ein Buch hat, wenn es den Nerv der Zeit trifft“, kommentierte Uwe Wittstock am 27. Dezember im Feuilleton der Zeitung Die Welt. Dass der phänomenale Verkaufserfolg von weltweit über 350 Millionen Exemplaren binnen eines Jahrzehnts, wie Time betont, mit modernen Marketing-Methoden nicht erklärt werden kann, liegt auf der Hand, und doch schreibt Uwe Wittstock mit Recht: „Der Potter-Erfolg war nicht nur ein Geschenk für die Buchbranche, die Buchbranche hat sich den Potter-Erfolg auch mit zuvor nie dagewesenen Marketingmitteln verdient. Die sorgfältige Geheimhaltung des jeweils neuesten Bandes durch den Mutterverlag Bloomsbury, die kunstvoll inszenierten Erstverkaufstage und die langen Potter-Nächte davor – all das und novch viel mehr machte den Romanzyklus zu einem globalen Buchhandelsereignis. Die Branche hat gezeigt, wie stark sie sein kann. Und dass sie sich auch zu modernisieren vermag jenseits der Konzentration in immer größere Buchhandelsketten.“

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